Rezension Buch Amundsen - Bezwinger beider Pole, Tor Bormann-Larsen aus dem mare Buchverlag. Umfassende Biografie mit bislang unveröffentlichten Dokumenten

Der norwegische Polarforscher und Entdecker Roald Amundsen führte ein Leben im Verborgenen – was seine privaten Angelegenheiten anging. Es zog ihn in entlegenste Gebiete, er kartierte einige der letzten weißen Flecken dieser Erde und machte sie auf langen Vortragsreisen der Weltöffentlichkeit bekannt. Doch sein eigenes Leben machte er zu einem großen Geheimnis, spielte mit seiner Gegenwart Verstecken, fuhr oftmals unter falschem Namen und verkleidet, um in Ruhe reisen zu können, und verwischte seine privaten Spuren. Schweigen und Verschweigen machten nicht nur ihn selbst zu einem Mythos, sondern auch sein Leben zu einem magisch anziehendem Geheimnis.

Seine, meist unglücklich verlaufenden, Frauengeschichten stellen dabei die am allerbesten gehüteten Geheimnisse des norwegischen Nationalhelden dar. Das mag daran gelegen haben, dass die großen Lieben von Amundsen bereits vergebene Frauen waren. Darunter befand sich die wohl verhängnisvollste, gleichwohl jahrzehntelange Affäre mit der Kiss genannten jungen Kristin , die mit einem alten Holzbaron verheiratet war. Autor Tor Bormann-Larsen hat mit seinem Buch nun Licht in das Dunkel gebracht, ohne voyeuristische Züge, aber hervorragend portraitiert. Den Anstoß zu dieser 700 Seiten langen Biografie, gab ein Zufallsfund: Der Autor entdeckte in der Scheune eines Bauernhofs bei Oslo einen verstaubten Koffer mit Hundertern Originalbriefen, Aufzeichnungen und Dokumenten von Amundsen. Ein wahrer Schatz, der den Polarforscher anhand seiner eigenen Worte und Gedanken aus bislang unentdeckten Perspektiven zeigt.

Darunter sind auch sehr dunkle Seiten zu finden, denn in Amundsens Universum existierte nur eine Konstante: er selbst. Seiner Persönlichkeit nach war der Polarforscher so autokratisch wie ein Feldherr auf dem Schlachtfeld. Der große Entdecker duldete keine Widerworte, forderte vollständige Unterwerfung, disziplinierte und entließ Expeditionsteilnehmer schon aus geringsten Anlässen und gab selbst bei offiziellen Banketten und Empfängen nur ungern das letzte Wort ab. Es fehlte ihm die Gabe, sich auf ein Gegenüber einzulassen. Gut war nur, wer ihm und seinen Zielen nutzte.

Daraus ergaben sich, je nach Nutzen, wechselnde Allianzen, aus Freunden wurden Feinde und umgekehrt. Dazu kam ein äußerst ruppiger Umgang mit Vertrauten und Gefährten, der selbst vor den eigenen Brüdern nicht haltmachte. So stempelte Amundsen seinen Bruder und Organisator der Poltouren, Leon Amundsen – den vertrautesten und engsten Partner über Jahrzehnte – während der Zeppelin-Polartour zum Verräter, weil er Haus und Hof nicht für die großen Ziele Roalds aufgeben wollte, und behandelte ihn bis zum Lebensende entsprechend. Er verdarb es sich letztendlich auch mit Briten, Deutschen, Italienern und US-Amerikanern, die den Polhelden zuvor begeistert empfangen hatten. Die Feststellung, Amundsen sei eine schwierige Persönlichkeit gewesen, wäre hoffnungslos untertrieben.

Dabei hat der Polarforscher Amundsen eine absolut herausragende Lebensleistung vorzuweisen: Neben der mit jahrelangen Entbehrungen verbundenen Erstdurchsegelung der Nordwestpassage, die Erstentdeckung des geografischen Südpols und die Erstüberquerung des Nordpols mit einem Luftschiff. Mehr noch als all diese Taten prägte im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit aber der missglückte Flug zum Nordpol den Heldenstatus des Norwegers. Der erfolgreiche, zähe Kampf der nach einer Bruchlandung wochenlang vermissten Mannschaft ums Überleben, die mühevoll auf sich stetig veränderndem Eis eine Startbahn anlegen musste und sich dann nach der Havarie eines Flugzeugs im verbliebenen Fluggerät drängte, wurde zum heroischen Epos. Und dazu gehört- unabdinglich – auch ein großes Ende: In Amundsens Fall der missglückte Versuch, den italienischen Oberst Nobile zu retten, der mit seinem Luftschiff in den Eismassen der Arktis havariert war, den der norwegische Nationalheld mit dem eigenen Leben bezahlte. Auch dass er ein nasses Grab beim Absturz seines Flugzeugs über dem Meer fand und nicht begraben werden konnte, trug maßgeblich zum Mythos bei. Die großartigen Leistungen Roald Amundsens waren zudem etwas, um das sich ein verwirrtes und zutiefst zerstrittenes Europa vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis weit in die 1920-er Jahre hinein in gemeinsamer Bewunderung scharen konnte.

Eine außergewöhnliche Biografie, die die so unterschiedlichen Facetten Amundsens hervorragend herausarbeitet. Von herausragender Bedeutung sind dabei die bislang unbekannten Originalzitate aus den Briefen, die der Autor gekonnt einflicht und so dem Leser einen einzigartigen Blick in innere Abgründe, Motive und tief verwurzelte Charakterzüge gibt. Wer sich für die Geschichte der Eroberung von Arktis und Antarktis oder die großen Entdecker interessiert, kommt um dieses Buch nicht herum.

Amundsen – Bezwinger beider Pole

Tor Bomann-Larsen

Mare Buchverlag

704 Seiten, 18 Euro

ISBN: 978-3866486201