Rezension Buchkritik Auf dem Schlangenpfad von Paul Theroux, Verlag Hoffmann & Campe. Lebendig und glänzend stilistisch ausgeprägt.

Es wird eines seiner letzten Bücher sein, aber auch eines der wichtigsten von Paul Theroux: Mit „Auf dem Schlangenpfad“ hat der weltbekannte Reiseschriftsteller, mittlerweile 78 Jahre alt, einen politischen Reisebericht vorgelegt, der mit der Situation an der Grenze zwischen den USA und Mexiko sowie damit verbundenen illegalen Grenzübertritten ein brisantes, akutes Thema aufgreift: Für viele seiner Landsleute ist die Grenze zu Mexiko der Rand ihrer bekannten Welt, und für den im Buch noch regierenden Präsidenten schien die totale Abschottung gen Süden mit einer Mauer, für die laut diesem Präsidenten auch noch die Mexikaner zahlen sollten, der Kampf gegen das Böse an sich zu sein.

Um die tatsächliche Situation mit eigenen Augen zu erfassen, begibt sich Theroux, mit rund vierzig Büchern einer der populärsten US-Gegenwartsautoren, auf eine mehrmonatige Reise per Privat-PKW entlang der mehr als 2000 Kilometer langen Grenze und tief hinein nach Mexiko. Dabei schaut Theroux „Auf dem Schlangenpfad“ genau hin, ist offen für die unglaubliche Freundlichkeit der Mexikaner, verschweigt dabei aber auch nicht die gravierenden Missstände im Land. Mit seiner unstillbaren Neugier auf die Menschen und ihr Leben in all seinen Facetten begibt er sich auf einen Roadtrip durch ein faszinierendes, vielgestaltiges Land und begegnet Menschen, die sich den alltäglichen Härten widersetzen und trotzdem voller Lebensfreude in die Zukunft blicken. Im ersten Teil des Buches fährt er von West nach Ost entlang der Grenze, mit zahlreichen Besuchen auf beiden Seiten. Ihn interessieren mehr die Menschen als die Landschaften und so unterhält sich Theroux mit möglichst vielen unterschiedlichen Personen, von Grenzschützern und Geschäftsleuten auf der US-amerikanischen Seite bis hin zu Flüchtlingen, Migranten und deren Helfer auf der mexikanischen. So verschafft Theroux seinen Lesern direkte Einblicke in den Alltag der Bewohner, die beiderseits der Grenze leben. Und vor allem treibt ihn eine Frage um: Was bewegt Mexikaner ihre Heimat zu Zehntausenden zu verlassen, um tagelang durch staubige Wüsten in die USA zu laufen und dort nach Arbeit zu suchen?

Jahrzehntelang waren Grenzwechsel für Mexikaner einfach zu bewerkstelligen. Das änderte sich Mitte der 1990-er Jahre, als zum einen Drogenhandel und gewalttätige Kartelle zu einem größeren Faktor wurden. Zum anderen wurde 1994 das Nafta-Freihandelsabkommen zwischen Mexiko, den USA und Kanada geschlossen. In Mexiko führte dies vor allem zu einer weiteren Prekarisierung der Bevölkerung: Als die Handelszölle zu greifen begannen, stieg in Lateinamerika die Armut und damit gingen auch Gewalt, verbrechen und Drogenhandel durch die Decke. Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung lebt mittlerweile unter der Armutsgrenze, 55,3 von insgesamt 127 Millionen Mexikanern gelten als mittellos oder arm. In den Bundesstaaten Chiapas oder Oaxaca verdienen die Bauern weniger als ihre Kollegen in Kenia oder Laos. Denn die US-Landwirtschaft ruiniert durch ihre Größe und mittels Genmanipulation viele mexikanische Kleinbauern und profitiert anschließend oft von deren Arbeitskraft, wenn diese sich dann als Erntehelfer zu Hungerlöhnen in den USA verdingen.

Die US-Industrie hat einen anderen Weg gefunden, um von den mexikanischen Fachkräften zu profitieren: Gleich hinter der Grenze, auf mexikanischem Gebiet, lassen amerikanische Betriebe produzieren, zu beschämend niedrigen Löhnen, die teilweise nur ein Zehntel des Lohnniveaus im eigenen Land betragen. Das sorgt für sprudelnde Gewinne, aber verhindert, dass sich in Mexiko entlang der Grenze ein Mittelstand entwickelt und ein Leben in den USA als Illegale für viele auch gut Ausgebildete immer noch attraktiv erscheint. Aber auch die Arbeiter in den USA sind betroffen, denn die Verlegung von Werken auf die mexikanische Seite der Grenze führt zu einem immensen Verlust an Arbeitsplätzen in der Industrie nördlich der Grenze. Und natürlich bereitet diese Situation den Boden für ein lohnenswertes Geschäft von Drogenkartellen und Schleuserbanden.

Theroux macht in „Auf dem Schlangenpfad“ sehr deutlich, dass die seit Jahren restriktive US-Grenz- und Einwanderungspolitik für den Niedergang einst blühender Regionen verantwortlich ist. Nicht durch Indoktrination, sondern er lässt die Menschen zu Wort kommen, die er auf seinen beiden Reisen trifft: der Autor führt sowohl in den Grenzregionen als auch auf seiner Reise von der nördlichen Grenze bis tief in den Süden Mexikos nach Chiapas, von der der zweite Teil des Buches handelt,  unzählige Gespräche und Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen aus allen Generationen und Schichten. Theroux ist ein geduldiger Beobachter, präzise in seinen Schilderungen, aber auch differenziert genug, um sich nicht einwickeln zu lassen. Er weiß, dass es die eine Wahrheit nicht gibt, sondern verschiedene Sichtweisen.

Mit diesem teilweise harten, aber wunderbaren Stück Reiseliteratur gelingt es Theroux, den Blick auf Mexiko neu auszurichten. Mit dem unverkennbar eigenen Stil schildert der Reiseschriftsteller das Land und seine Probleme sowie Chancen aus Sicht der Einwohner. Er weiß natürlich, dass es eigentlich andersherum laufen sollte. Dass es seine Rolle ist zu erzählen. Aber so tickt er nun mal: Fremde muss man ausfragen, dann erfährt man etwas von ihnen. Keiner anderer Reiseschriftsteller verknüpft ähnlich souverän Beobachtung, Begegnungen, Analyse, Schwärmerei und Ärger. Lebendig und reich an Perspektiven schreibt Theroux in “Auf dem Schlangenpfad” gewohnt glänzend und stilistisch ausgeprägt. Eine absolute Empfehlung, wenn man verstehen möchte, warum sich Hunderttausende aus Zentralamerika auf den Weg nach Norden machen.

Auf dem Schlangenpfad

Paul Theroux

Hoffmann und Campe

Gebunden, mit Schutzumschlag, 432 Seiten, 26 Euro

ISBN: 978-3455008111