Die Star Clipper mit vollen Segeln

Wer magische Momente liebt, ist auf dem Windjammer Star Clipper genau richtig. Erst recht, wenn das Segelschiff im Sommer durch die Ägäis kreuzt und die Seefahrer-Romantik vergangener Zeiten heraufbeschwört.                

                                                                 Von Susanne Müller (Text & Fotos)

Um im Urlaub noch vor Tagesanbruch das gemütliche Bett zu verlassen, bedarf es bei den meisten Menschen schon einer ziemlich großen Portion Motivation. Kein Problem für Sergey Utitsyn aus Estland. Der Kapitän des Großseglers Star Clipper hatte bei seiner Begrüßungsrede im Hafen von Piräus beiläufig fallen lassen, dass es täglich zwei ganz besondere Momente auf seinem Schiff gäbe: den Sonnenauf- und den Sonnenuntergang. „Vor allem der Sonnenaufgang ist wunderschön. Still. Ergreifend, Und wenn Sie Glück haben, sehen Sie auch noch etwas ganz Außergewöhnliches: den grünen Blitz!“

Kurz nach sechs auf dem Oberdeck

Damit hatte er uns am Haken. Grüner Blitz??? – Was bitteschön ist das denn? – Also raus aus den Federn um kurz nach sechs. Rauf aufs Oberdeck und zu den anderen Frühaufstehern gesellt, die neben dem Käpt’n auf der Brücke Position bezogen haben. Alle blicken gespannt auf den Horizont. Ein rötliches Leuchten kündigt den neuen Tag an. Es ist still an Bord. Ein leichtes Schwappen der Wellen. Ein Knarren in den Segeln. Mehr ist nicht zu hören, als die Sonne ihre ersten funkelnden Strahlen zu uns hinüberschickt. Ein wahrhaft magischer Moment! Verschwörerisch blinzeln die Frühaufsteher sich zu. Den grünen Blitz hat zwar keiner gesehen – vermutlich hatte er heute frei – aber das macht überhaupt nichts. Schließlich ist ja erst Tag eins unseres Segeltörns durch die Ägäis…

Sonnenaufgang kurz nach sechs
Sonnenaufgang kurz nach sechs

„Ein Schiff ist eine Lady…“

Maximal 170 Gäste passen auf die Star Clipper und ihre baugleiche Schwester Star Flyer. Jetzt im August ist der wunderschöne Windjammer im klassischen Look fast ausgebucht. Kapitän Sergey Utitsyn kennt viele Passagiere von anderen Reisen. Mehr als 60 Prozent von ihnen sind Wiederholungstäter. Wer einmal mitgefahren ist, will immer wieder auf eines der drei Star Clipper-Schiffe, wenngleich das größte von ihnen – der Fünfmaster  Royal Clipper – ein etwas anderes Seefahrterlebnis verspricht. „Die Royal Clipper bietet noch mehr Komfort, aber das Segeln ist auf den kleineren Schiffen schöner“, finden die erfahrenen Repeater auf unserer Reise. Welcher Segler dem Kapitän am besten gefällt?  – Utitsyn grinst und antwortet diplomatisch. „ Ein Schiff ist eine Lady. Alle drei sind schön – da kann ich mich einfach nicht entscheiden.“

Kapitän Sergey Utitsyn zieht Großsegler wie die Star Clipper anderen Schiffen vor
Kapitän Sergey Utitsyn zieht Großsegler wie die Star Clipper anderen Schiffen vor

Gar nicht schwer hingegen fiel ihm die Entscheidung, sein Leben auf See zu verbringen. Unter weißen Segeln. Schon sein Vater arbeitete als Elektroniker auf Schiffen. Utitsyn besuchte ab 1976 die Marine-Akademie in Kaliningrad und fuhr danach 13 Jahre lang auf der Kruzenshtern, einem der berühmtesten Segelschiffe der Welt.  Seit 2004 ist der blonde Este Kapitän auf der Star Clipper und weitaus mehr auf dem Meer als zu Hause in Virginia/USA bei seiner Frau Elisabeth oder in seiner alten Heimat Estland. „Auf dem Schiff ist die Crew meine Familie“, erzählt der Chef am Ruder und gönnt sich schnell einen Cappuccino. Seit 5.30 Uhr ist er auf den Beinen. Papierkram, Segeln, ein Meeting mit den Offizieren, Frühstück und Gespräche mit den Passagieren. Die Zeit vergeht wie im Fluge, es gibt viel zu tun, und kein Tag ist wie der andere.

Der Wind entscheidet: Paros statt Mykonos

Heute zum Beispiel sollte die Star Clipper eigentlich vor Mykonos ankern. Pustekuchen. Der Meltemi bläst als gäbe es kein Morgen. Bei Wellen von 1,50 Meter Höhe entscheidet Kapitän Utitsyn, dass es für die Gäste zu gefährlich ist, von der Star Clipper aus in die Tender zu klettern. Lange Gesichter bei einigen Passagieren. Gerade Mykonos ist ein Highlight des einwöchigen Törns. Andere zucken nur mit den Schultern. Für sie ist der Weg das Ziel, das pure Segelerlebnis auf dem Clipper ist ihnen viel wichtiger als die Häfen dieser Reise. Dennoch muss der Kapitän an diesem Tag etliche Male erklären, warum es mit Mykonos nicht geklappt hat. „Das Wetter rund um die griechischen Inseln ist unberechenbar. Leider kann ich den Wind nicht reduzieren….“.

Die Star Clipper mit vollen Segeln
Die Star Clipper mit vollen Segeln

Utitsyn bleibt locker. Für ihn ist es jedes Mal wieder eine Herausforderung den richtigen Kompromiss zu finden. Sicherheit zu garantieren, ein komfortables Fahrerlebnis zu bieten und natürlich auch rechtzeitig am Ziel zu sein. Heute heißt das Ziel eben Paros statt Mykonos. Wer kennt schon diese kleine Kykladeninsel, die sogar eine der schönsten Kirchen Griechenlands besitzt? Es sind kaum Touristen unterwegs, als wir die Kirche Katapoliani („die mit den hundert Pforten“) nur wenige Meter vom Hafen entfernt entdecken. Nach einem Bummel durch den kleinen Hauptort Parikia und einem Bad im Meer geht’s zurück auf den Windjammer. Kapitän Utitsyn will kurz vor Sonnenuntergang die Segel setzten und Richtung Kos aufbrechen. Pünktlich vor Abfahrt finden sich alle Passagiere auf dem Oberdeck ein, denn das Auslaufen aus dem Hafen will niemand verpassen.

Das Heck der Star Clipper ist deutlich schöner als die Achteransicht der modernen Kreuzfahrt-Bettenburgen
Das Heck der Star Clipper ist deutlich schöner als die Achteransicht der modernen Kreuzfahrt-Bettenburgen

Die ersten Töne der Ausfahrhymne erklingen. Conquest of Paradise. Die Filmmusik des griechischen Komponisten Vangelis jagt so manchem Passagier eine Gänsehaut über den Rücken, während die Crew mit geübten Handgriffen die Segel setzt.  Die Star Clipper nimmt Fahrt auf. Paros wird langsam kleiner und gehört bald unserer Vergangenheit an. Die Gegenwart gehört dem Meer und dem Sonnenuntergang. Und dem grünen Blitz? – Oder ist das etwa alles nur Seemannsgarn? – Kreuzfahrtdirektorin Anna Läng versucht zu erklären. Das intensive grüne Leuchten sei nur ganz kurz bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang zu beobachten. Selten und dann auch nur für eine einzige Sekunde.  Durch die Brechung des Lichtstrahls des letzten oder ersten Sonnenlichtes, wird der Lichtstrahl in seine Spektralfarben zerlegt. Und dann zeigt sich ein grüner Rand über der Sonne, der vor allem auf dem Meer gut zu beobachten sei. Jetzt ist es soweit: die Sonne versinkt am Horizont. Jeder genießt den Augenblick. Kein grüner Blitz.

Kindheitstraum erfüllt

Während sich Kapitän Utitsyn seiner Lieblingsbeschäftigung – dem Segeln – widmet, trifft Kreuzfahrtdirektorin Anna die letzten Vorbereitungen für die abendliche Modenschau, dem heutigen Unterhaltungsprogramm in der Tropical Bar. Die Schweizerin mit den langen hellblonden Haaren ist für viele Passagiere der Sonnenschein auf dem Schiff. Obwohl ihr Arbeitstag in aller Frühe beginnt und oft erst spätnachts endet, versprüht die Baselerin stets heiteren Charme. „Naja, ich lebe ja auch meinen Traum“, verrät sie ihr Geheimrezept für gute Laune. Als sie zehn Jahre alt war, hatte sie ihre Mutter bei einem Urlaub auf der Star Flyer begleitet. Nicht ganz freiwillig. „Ich hatte erst überhaupt keine Lust dazu. Sie musste mir als Gegenleistung eine Woche Ponyhof versprechen!“, erinnert sich Anna.  Doch kaum hatte sie den Großsegler zum ersten Mal gesehen, war es um sie geschehen. „Ich hab‘ sofort gesagt, auf dem Schiff will ich später mal arbeiten. Und nach der Schule hab ich es wahr gemacht. Erst hab ich im Sportsteam mitgearbeitet und jetzt bin ich Kreuzfahrtdirektorin.“

Auf einem Segelschiff sehen und spüren Passagiere noch richtige Seefahrt
Auf einem Segelschiff sehen und spüren Passagiere noch richtige Seefahrt

Dem Suchteffekt eines Lebens auf dem schönen, großen Segelschiff erliegen in den nächsten Tagen immer mehr Urlauber. Sie lassen ihre Handys in der Kabine. Sie checken keine E-Mails. Sie lernen neue Freunde aus allen Ecken der Welt kennen. Und entspannen allein mit den ungeschminkten Zutaten der Natur: Wind, Wellen, Sonne und den funkelnden Sternen in der Nacht. Kaum zu glauben, wie schnell eine Woche vergeht. Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir Istanbul, unseren letzten Hafen.  Kapitän Utitsyn steht selbst am Ruder, als die Star Clipper sich der Millionenmetropole nähert. Die schlanken Minarette der Blauen Moschee und der Hagia Sophia ranken in den Himmel, der sich langsam mit Farbe füllt. Hunderte von Booten sind zwischen dem europäischen und asiatischen Teil der Stadt unterwegs. Mindestens die Hälfte der Passagiere steht nun auf dem Oberdeck und wartet darauf, dass die Sonne über Istanbul aufgeht. Ein letztes Mal auf dieser Reise verzaubert uns dieser einzigartige Augenblick. Den grünen Blitz aber sehen wir wieder nicht. Kreuzfahrtdirektorin Anna hat ebenfalls Ausschau gehalten. Nun zuckt sie fröhlich mit den Schultern und zwinkert uns zu: „Ich bin seit vier Jahren an Bord und hab ihn  – ehrlich gesagt – noch nie gesehen!“           

Weitere Informationen: www.star-clippers.de

Susanne Müller, Chefredakteurin von Welcome Aboard
Susanne Müller, Chefredakteurin von Welcome Aboard

Über die Autorin:  Susanne Müller ist Chefredakteurin des Kreuzfahrtmagazins WELCOME ABOARD  (www.welcome-aboard.de) und betreibt seit kurzem auch den Reise-Blog www.wonderful-places.de