Bruce Poon Tip (50) und sein Reiseveranstalter G Adventures werden mit Auszeichnungen überhäuft. Was als One-Man-Show begann, hat sich zum weltgrößten Anbieter von Erlebnisreisen mit mehr als 100.000 Urlaubern pro Jahr und rund 1.350 Angestellten entwickelt. Poon Tip, der als Kind mit seinen Eltern aus Trinidad nach Kanada einwanderte, ist gefragter Redner und hielt Vorträge vor der UNO-Vollversammlung, der Weltbank, der UNESCO, der WTO und auf der Welttourismuskonferenz. Sein Buch „Looptail: How One Company Changed The World by Reinventing Business“ stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times. Besonders bemerkenswert ist das soziales Engagement in den Zielländern, wo Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten für Arme, Benachteiligte und indigene Stämme geschaffen wurden. Zahlreiche Projekte in Südamerika, Asien und Afrika von homestays über Restaurants bis hin zu Handwerks- und Landwirtschaftskooperativen sind entstanden. Im Hauptquartier in Toronto kümmert sich darum eine eigene Abteilung, die Planeterra-Stiftung. 50 neue Projekte sollen in den nächsten drei Jahren umgesetzt werden.Ein Gespräch über mehr soziale Verantwortung von Veranstaltern und Gästen, die Umweltverträglichkeit des Reisens und den Verzicht auf Millionen durch faire Stornierungsregeln. 

Vom Touristen zum Veranstalter: Bruce Poon Tip, Vordenker des nachhaltigen Reisens

Bruce Poon Tip (50) und sein Reiseveranstalter G Adventures werden mit Auszeichnungen überhäuft. Was als One-Man-Show begann, hat sich zum weltgrößten Anbieter von Erlebnisreisen mit mehr als 100.000 Urlaubern pro Jahr und rund 1.350 Angestellten entwickelt. Poon Tip, der als Kind mit seinen Eltern aus Trinidad nach Kanada einwanderte, ist gefragter Redner und hielt Vorträge vor der UNO-Vollversammlung, der Weltbank, der UNESCO, der WTO und auf der Welttourismuskonferenz. Sein Buch „Looptail: How One Company Changed The World by Reinventing Business“ stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times.

Besonders bemerkenswert ist das soziales Engagement in den Zielländern, wo Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten für Arme, Benachteiligte und indigene Stämme geschaffen wurden. Zahlreiche Projekte in Südamerika, Asien und Afrika von homestays über Restaurants bis hin zu Handwerks- und Landwirtschaftskooperativen sind entstanden. Im Hauptquartier in Toronto kümmert sich darum eine eigene Abteilung, die Planeterra-Stiftung. 50 neue Projekte sollen in den nächsten drei Jahren umgesetzt werden. Ein Gespräch über mehr soziale Verantwortung von Veranstaltern und Gästen, die Umweltverträglichkeit des Reisens und den Verzicht auf Millionen durch faire Stornierungsregeln.

Mr. Poon Tip, was hat Sie veranlasst vor 28 Jahren G Adventures zu gründen?

Bruce Poon Tip: Ich wollte nach Südostasien und nicht mit Rucksack reisen – ich musste aber. Damals hatte man nur die Wahl zwischen einer Pauschalreisetour oder einem Hotelresort. Für mich kam beides nicht infrage, ich wollte Land und Leute kennenlernen. Also habe ich mich alleine auf den Weg gemacht.

Was war daran so anders?

Unterwegs traf ich immer große Reisegruppen in klimatisierten Bussen. Die wurden nur zu den Sehenswürdigkeiten und zurück gekarrt, haben im Hotel gegessen und sind ohne Reiseführer nicht vor die Tür gegangen. Sie bewegten sich nur innerhalb einer Hülle, die extra für sie so geschaffen worden war.

Welche Konsequenz haben Sie daraus gezogen?

Poon Tip: Mit der Gründung von G Adventures haben wir die Art zu reisen verändert. Leute, die auf eigene Faust losgezogen sind, gab es auch schon vorher. Aber keine organisierten Angebote für Gruppen, die mit lokalen Bussen reisen, in familienbetriebenen Gasthäusern wohnen und Wert auf einheimisches Essen und den Konsum von lokal angebotenen Produkten legen. Ich glaube, wir haben maßgeblich dazu beigetragen, dass viele Menschen heute ihren Urlaub anders verbringen.

Haben Sie wirklich das Reisen verändert oder sind die Menschen bewusster geworden?

Poon Tip: Ja, ich denke das haben wir. Aber auch das Bewusstsein für nachhaltigeres Leben im Alltag ist gewachsen. Die Menschen achten auf ihr Essen, trennen Müll und leben deutlich umweltbewusster als vor zwei Jahrzehnten. Das wollen sie auch im Urlaub fortsetzen.

Aber reisen ist doch nicht umweltfreundlich?

Poon Tip: Solange man nicht zu Fuß geht oder das Fahrrad nimmt, wird man Auswirkungen haben. Man hinterlässt immer Spuren, aber man kann sie reduzieren.

Auch zum Südpol kommt man nicht mit dem Fahrrad
Auch zum Südpol kommt man nicht mit dem Fahrrad

 Passt das denn in Ihr Konzept vom nachhaltigen Reisen?

Poon Tip: Menschen wollen verreisen, das zeigen die Urlauberzahlen jedes Jahr. Wir ermutigen unsere Kunden dazu einen CO²-Ausgleich für ihre Flüge zu bezahlen und achten bei unseren Partnern darauf, dass sie nachhaltig arbeiten. Bei uns wird kein Steak tausende Kilometer eingeflogen, sondern wir kaufen auch bei Kreuzfahrten in der Region ein. Außerdem engagieren wir uns in einigen Umweltprojekten.

Unter anderem sammeln ihre Passagiere den Müll anderer Kreuzfahrtgäste von den Stränden Spitzbergens auf. Ist das nicht zynisch?

Poon Tip: Es ist traurig, dass manche Menschen – vor allem, wenn es ihnen so gut geht, dass sie sich so eine Kreuzfahrt leisten können – so wenig Umweltbewusstsein haben. Wir versuchen das vorzuleben: an Bord unseres Schiffes gibt es zum Beispiel keine Plastikflaschen, sondern Wasserspender und Metallflaschen, die die Gäste mit nachhause nehmen können. Und was wäre die Alternative zum Aufsammeln: die Müllberge liegen und weiter wachsen zu lassen? Seitdem die Medien in aller Welt über diese Aktion berichten, hat das Müllaufkommen an den Stränden Spitzbergens tatsächlich abgenommen. Aber wir verstehen unter Nachhaltigkeit noch etwas anderes.

Nämlich?

Poon Tip: Unsere Gäste sollen Verständnis und Toleranz entwickeln und anderen Lebensweisen ohne Vorurteilen gegenüberstehen. Wir möchten die Neugier wecken über den Tellerrand hinauszuschauen. Denn wenn man alles so möchte wie zuhause, sollte man zuhause bleiben. Wer ein exotisches Land erleben will, muss seine Komfortzone verlassen und für neue Dinge aufgeschlossen sein.

Was machen Sie auf Kreuzfahrten anders?

Poon Tip: Wir haben eine Open Door-Policy, auf unserem Schiff, der „G Expedition“, kann man die Kabinentür nicht abschließen. Wer Wertsachen wegschließen möchte, bekommt kostenlos einen eigenen Safe bei der Rezeption. Und es gibt keine Tischordnung bei den Mahlzeit. Beide Maßnahmen zielen darauf ab, dass sich unsere Passagiere kennen und respektieren lernen. Wir haben bei den Expeditionen Menschen aus rund 30 Nationen an Bord, die können viel voneinander lernen.

Und in puncto Umweltschutz?

Wir bieten vor allem Segelkreuzfahrten an, bei denen möglichst wenig unter Motor gefahren wird. Die „G Expedition“ haben wir umbauen lassen und fahren auch dort mit Marinediesel, wo es gesetzlich nicht vorgeschrieben ist. Wir achten schon beim Einkauf auf mögliche Müllvermeidung und nutzen eine umweltfreundliche Wasseraufbereitung. Wir diskutieren intern immer wieder über ein Schiff mit noch besseren Umweltstandards, aber dazu muss es erst einmal auch in abgelegenen Gebieten wie Spitzbergen oder Häfen wie Ushuaia eine gute Versorgung mit Landstrom oder LNG geben.

Worauf sollte man bei seinem Urlaub achten?

Poon Tip: Das meiste Geld, das ein Tourist ausgibt, sollte im Urlaubsland bleiben. Buchen Sie nicht All-Inclusive, essen Sie in den kleinen, lokalen Restaurants. Kaufen Sie bei einheimischen Händlern, nehmen Sie Taxis oder buchen Sie ihre Ausflüge bei den Agenturen vor Ort. Dann profitieren auch die Menschen im Urlaubsland vom Tourismus. Die Reiseindustrie hat viele Möglichkeiten, die Welt positiv zu beeinflussen.

Was sollten die Urlaubsanbieter denn machen ?

Ihre Konzepte ändern. Wenn man bei großen Tourismusmuskonzernen bucht, sehen die Einheimischen meist nicht sehr viel davon. Wer eine Reise bucht, sollte sich die Standards des Reiseanbieters genau anschauen.

Glauben sie wirklich, dass das viele Kunden machen werden?

Ja, weil viele Menschen immer mehr Bewusstsein für nachhaltiges Leben entwickeln. Letztendlich hängt es doch vom Kunden ab: Je größer die Nachfrage nach nachhaltigen Reisen ist, desto größer ist auch der Druck auf die Tourismuskonzerne etwas zu ändern. Reisen muss fairer werden, gegenüber den Menschen in den Urlaubsländern, aber auch gegenüber den Kunden.

Was meinen Sie damit?

Wenn jemand seine Reise wegen Krankheit oder anderer Gründe nicht antreten kann, berechnen die Reiseveranstalter hohe Stornokosten. Damit verdienen die großen Konzerne Millionen. Ich fand das unfair, darum haben wir eine lebenslange Anzahlungsgarantie eingeführt: man kann nicht nur die volle Summe für eine andere Reise oder zu einer anderen Zeit verwenden, sondern sogar auf eine andere Person übertragen.

Und was bringt Ihnen dieser Millionenverlust?

Wenn man offen und fair mit Menschen umgeht, merken sie das. Das beeinflusst die Kaufentscheidung auch beim nächsten und übernächsten Mal. Und die Gäste erzählen solche Dinge weiter, an Verwandte, Freunde, Bekannte, Kollegen  –  das kommt dutzendfach zurück.