Rezension Buch "Handbuch für Schnellreisende". Das Beste aus den ersten 100 Jahren "Baedeker", von Christian Koch, erschienen im Baedeker Verlag.

Der „Baedeker“ ist eine Institution, vor 150 Jahren noch mehr als heute. Damals, als das Reisen nicht nur mehr für Reiche erschwinglich war, galt der rote Band las das Nonplusultra und ist seitdem das Synonym für Reiseführer. Jetzt ist ein Band erschienen, der die besten Tipps in Kurzform aus den ersten 100 Jahren zusammenfasst und vieles davon ist aus heutiger Sicht nicht nur amüsant, sondern oftmals skurril. Wussten sie, dass damals unbedingt 60 Flaschen französischer Rotwein ins Reisegepäck des modernen Ägypten-Touristen gehörten? (okay, das würde auch heute noch mancher gerne so machen). Oder dass man für eine Indien-Reise am besten sein eigenes Waschbecken mitbrachte?

In dem amüsanten, von Christian Koch kommentierten Buch, entdeckt der Leser die interessantesten Fundstücke und schönsten Anekdoten aus der Frühzeit der in Rot gebundenen “Handreichungen für Schnellreisende” von Karl Baedeker, dem Erfinder des modernen Reisens. Er gibt seinen Lesern Tipps, wer wie viel Trinkgeld bekommen und wann man die Rechnung besser überprüfen sollte. Er warnt vor Taschendieben und rät, Kuhmilch in der Schweiz „keinesfalls ohne Beimischung von Cognac oder Rum” zu trinken. Die unbestechlichen und präzisen Berichte seiner Reisehandbücher machen Karl Baedeker zur Institution, er wird selbst zur Legende: Der Mann, der vor Freiherr Gisbert von Fincke die Stufen zum Dach des Mailänder Doms hinaufsteigt, verhält sich seltsam. Von Zeit zu Zeit hält er kurz inne und steckt sich einen kleinen Gegenstand in die Hosentasche. Auf dem Dach angekommen, gibt der Freiherr seine Zurückhaltung auf und fragt den Dombesucher nach dem Grund seines merkwürdigen Tuns. Der Angesprochene – Karl Baedeker – gibt bereitwillig Auskunft: Nach jeweils zwanzig Stufen stecke er eine trockene Erbse in seine Tasche. Oben angekommen, zähle er die Erbsen und multipliziere sie mit 20. Damit habe er exakt die Anzahl der Stufen für einen Bericht in seinem Reiseführer bestimmt. Um ganz sicher zu gehen, mache er beim Hinabsteigen die Gegenprobe. Diese Anekdote festigte den Ruf Baedekers als gründlicher und genauer Beobachter – und erweiterte unsere Sprache um den Ausdruck „Erbsenzähler” für einen übergenauen, pedantischen Menschen.

Im Jahr 1832 erschien der erste „Baedeker“: Karl Baedeker kaufte die Rechte an der bereits 1828 erschienenen „Rheinreise von Mainz bis Köln“ des Koblenzer Gymnasialprofessors Johann August Klein und publizierte das Buch unter seinem eigenen Namen. 1835 erschien dann sein erster eigener Band, die „Rheinreise von Basel bis Düsseldorf“. Der selbst reisebegeisterte Verleger entwickelte die „Rheinreise“ weiter und legte 1839 „Von Straßburg bis Rotterdam“ auf  und erfand damit den modernen, dreiteiligen Reiseführer: mit praktischen Tipps wie Eisenbahn- oder Dampferplänen, Kosten von Hotels, Fremdenführern oder Pferden vor Ort, einem allgemeinen Teil zu Geographie, Geschichte und Kunst sowie der Beschreibung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. 1839 erschien „Belgien und Holland, 1842 Deutschland und der Oesterreichische Kaiserstaat, 1844 „Schweiz“ und 1855 der erste Städteführer, „Paris“. Zusammen mit der zweiteiligen Rheinreise waren es nur sechs Titel, die zu Lebzeiten Karl Baedekers den einmaligen Ruf und den Erfolg seiner Reiseführer begründeten: „Was nicht im „Baedeker“ steht, gibt es nicht“ schrieben die Zeitungen und das war bald landläufige Meinung.

Der Erfolg des Baedekers geht so weit, dass er zum festen Bestandteil des Reisesujets auch in der Malerei wird. Menschen auf Reisen – müssen notwendig mit diesem kleinen roten Reiseführer abgebildet werden. Bücher anderer Verlage versuchen sich vom großen Vor- oder Gegenbild abzusetzen, mit Untertiteln wie „Was nicht im Baedeker steht“. Obwohl das rote Buch beileibe nicht ohne Konkurrenz war – 1914 boten allein die vier auflagenstärksten Reiseführerverlage, darunter Grieben und Meyer, bereits knapp siebenhundert Titel an – blieb der „Baedeker“ blieb unumstrittener Marktführer mit herausragendem Ruf. Die selbst altehrwürdige Londoner Times schrieb: „Karl Baedeker hat die moderne Welt ebenso entscheidend verändert wie Hegel und Marx.“

Mit der Entwicklung des „Baedeker“ verbunden ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine tief greifende Veränderung des Reisens überhaupt: Es dient mehr und mehr der Erholung, die Reise ist dem Interesse für ein anderes Land und der Neugierde des Reisenden geschuldet, der nicht mehr Monate oder Jahre auf Reisen verlebt, sondern nur noch wenige Wochen. Reisende beginnen Programme abzuarbeiten, einen bestehenden Reisekanon zu verinnerlichen, der ihnen Kenntnis und Sehenswürdigkeiten vermittelt. Eisenbahn und Dampfschiff führen zu einschneidenden Veränderungen auf dem Reisemarkt, dank der neuen Verkehrsmittel steigt die Zahl der Reisenden rapide an. Doch was würde sie an ihrem Reiseziel erwarten? Wo finden sie welche Unterkunft und wo drohen Gefahren? Der neu entstehende Stand der „Touristen” verlangt nach Informationen – und Karl Baedeker kann sie ihnen geben. Auch wenn der Aufstieg des „Baedeker“ noch in die Zeit einer privilegierten Touristenklasse fiel – rund zehn Prozent der Deutschen im Kaiserreich gehörten dazu – hat er immens zur Demokratisierung des Reisens beigetragen. Die Art, wie der Baedeker die Welt sah, hat unsere Art die Welt zu sehen geprägt.

Mit den nun aufgelegten, kurzen, amüsanten und außergewöhnlichen Auszügen des schön gebundenen, mit Goldschnitt und Lesebändchen verzierten, neuen Buches im alten Stil reist der Leser mit den schönsten historischen Zitaten entlang des Rheins, durch die berühmten Strandbäder Belgiens, ans Mittelmeer und zu den Pyramiden Ägyptens. Interessanter, origineller und unterhaltsamer lassen sich die Anfänge unseres heutigen Tourismus nicht erleben.

Christian Koch, Philip Laubach, Rainer Eisenschmid

„Baedeker’s Handbuch für Schnellreisende“

DuMont Reiseverlag

384 Seiten, 17,95€

ISBN-13: 978-3770166862