Schiffbegrüßer Gerd Kruse bei der Arbeit im Willkomm Höft im Schulauer Fährhaus

Das Willkomm Höft im Schulauer  Fährhaus an der Elbe kurz vor den Toren Hamburgs begrüßt und verabschiedet Schiffe mit ihren Nationalhymnen und einem Flaggengruß. In dieser Form ist die Schiffbegrüßungsanlage weltweit einmalig, weshalb japanische Kapitäne auf Landgang lieber nach Wedel als nach St. Pauli fahren.

Es ist neblig über der Elbe, die nicht einmal einen Steinwurf entfernt von dem Fenster der kleinen Kabine an diesem Wintertag träge vorbeifließt. Das gegenüberliegende Ufer ist nur noch schemenhaft zu erkennen, es ist gerade Ebbe und kein Schiff in Sicht. Trotzdem sprüht Gerd Kruse vor guter Laune und freut sich über die zahlreichen Besucher, die zum Essen oder Kaffee trinken ins „Schulauer Fährhaus“ kommen. Denn fast jeder steckt vor dem Restaurantbesuch kurz seine Nase in die nicht einmal 10 Quadratmeter große Kajüte auf dem Flur, in der die Technik der Schiffsbegrüßungsanlage untergebracht ist: „Wann wird das nächste Schiff erwartet?“ Freundlich und kompetent gibt der 70-jährige Kruse Auskunft, er hat alle Daten parat, selbst wenn kein Schiff zu sehen ist. Denn er bekommt die voraussichtlichen Zeiten vom Hamburger Schiffmeldedienst eine halbe Stunde vorher automatisch per E-Mail.

Freundlich und kompetent gibt Schiffbegrüßer Gerd Kruse Gästen gerne Auskunft
Freundlich und kompetent gibt Schiffbegrüßer Gerd Kruse Gästen Auskunft

Seit dem 1. Januar 2003 ist Gerd Kruse einer der fünf Hobby-Kapitäne, ein Artikel im Wedeler Tageblatt über das 50-jährige Jubiläum der Schiffbegrüßungsanlage weckte sein Interesse. Ein Jahr später, Kruse war im Ruhestand unruhig geworden, bewarb er sich, führte Gespräche mit dem Dienstältesten und lief vier Wochen zur Ausbildung mit.  Seitdem ist er fünfmal im Monat hier, gegen eine geringe Aufwandsentschädigung. Und arbeitet jedes Jahr Heiligabend, Dienstschluss 16 Uhr, sowie am Einlauftag des Hamburger Hafengeburtstags. Die Offiziersuniform wird vom Haus gestellt, bewusst wurden die drei Streifen gewählt, nicht vier wie ein Kapitän, denn „ein Patentinhaber würde sehr schnell merken, dass ich von vielen nautischen Dingen gar keine Ahnung habe“.  Im Winter ist es etwas ruhiger, an Sommerwochenenden kommen mehr als 500 Besucher pro Tag. Busse aus ganz Deutschland stauen sich dann, um die einmalige Touristenattraktion zu bestaunen. Morgens erst zum Fischmarkt, danach zum „Schulauer Fährhaus“,  auf der Terrasse Kaffee und Kuchen nehmen und „Pötte gucken“, wie der Hamburger sagt. Nicht nur Touristen, viele Kapitäne kommen vorbei, wenn sie in Hamburg Landgang haben. Vor allem bei japanischen Kommandanten ist die Schiffbegrüßungsanlage sehr beliebt – manch einer kennt noch nicht mal die Reeperbahn, weil er lieber nach Wedel fährt, behauptet er zumindest.

Das Willkomm Höft ist eine Touristenattraktion - selbst wenn nicht viel los ist
Das Willkomm Höft zieht Touristen an – selbst wenn nicht viel los ist

Die weltweit einzige Anlage dieser Art war am 12. Juni 1952 vom ehemaligen Seniorchef des „Schulauer Fährhauses“ Otto Friedrich Behnke „zur Freude der Seeleute und Völkerverständigung“ gegründet worden, die nautische Kameradschaft HANSEA übernahm die Patenschaft. Zum ersten Mal schallte es über den Strom:“Willkommen in Hamburg, wir freuen uns, Sie in unserem Hafen begrüßen zu können.“ Zum Seemannsgruß wurde draußen die Flagge am 40 Meter hohen Mast gedippt – die Flagge der Hansestadt Hamburg und nicht die Nationalflagge des Landes, in dem das  Schiff registriert ist. Ein weit verbreiteter Irrtum, dem selbst renommierte Reiseführer aufgesessen sind. Einzige Ausnahme bislang: Die „Queen Mary 2“, für deren Jungfernanlauf 2004 als besondere Ehre der Union Jack, die britische Nationalflagge, aufgezogen wurde. Dieser Julitag ging in die Annalen der Anlage ein, mehr als zehntausend Besucher säumten das Ufer, alles war schwarz vor Menschen, absoluter Rekordbesuch.

Rund 17.000 Schiffe sind mit ihren Daten in der Kartei
Rund 17.000 Schiffe sind mit ihren Daten in der Kartei

An ruhigen Tagen ziehen 15 – 20 Schiffe auf der Elbe vorbei, der Rekord liegt bei 75 an einem Einlauftag des Hafengeburtstags und natürlich hatte Gerd Kruse Dienst. Der 1,90 Meter Hüne wird aber selbst bei Hochbetrieb nicht nervös, alle Abläufe sitzen und innerhalb kürzester Zeit ist Kruse startklar. Zuerst erklingen als Ouvertüre die ersten Takte von „Steuermann, lass die Wacht“ aus dem Fliegenden Holländer, danach die sonore Stimme des NDR-Reporters Herbert Rockmann mit Begrüßung oder Verabschiedung des Schiffes in Landessprache, beides im Computer gespeichert und auf Knopfdruck abspielbar. Gerd Kruse hat sich unterdessen das Mikrofon geschnappt und verkündet die Schiffsdaten, auf der Elbe schiebt sich die „Ida Rambow“ in Richtung Hamburger Hafen, ein Containerfrachter von 147 Metern Länge und 11.000 gross tons. Die Daten liest Kruse ab, zuvor hat er in der alphabetisch geordneten Kartei aus rund 17.000 Karten den richtigen Karton herausgesucht. Einer seiner Kollegen hat alle diese Karten mit der Hand geschrieben, wird ein neues Schiff mit Kurs Hamburg gemeldet, ist vorher bereits eine neue Karteikarte angelegt worden. Die Schiffsdaten kommen aus der deutschen Schifffahrtszeitung, dem „Täglichen Hafenblick“, oder vom Schiffsregister bei Lloyd´s. Nach den Schiffsdaten ertönt die Nationalhymne des Registrierungslandes, meistgespielte Hymne ist die von Panama, wegen der günstigen Bedingungen ist mittlerweile jedes sechste Schiff weltweit in dem zentralamerikanischen Staat registriert.

Die Nationalhymnen sind fein säuberlich sortiert
Die Nationalhymnen sind fein säuberlich sortiert

Alle 153 vorrätigen Nationalhymnen hat Kruse in mühevoller Arbeit geschnitten und digitalisiert, rund 500 Stunden hat das gedauert. Falls das Computerprogramm abstürzt, stehen ihm Musikkassetten zur Verfügung. Für den Notfall, wenn die Technik total versagt, gibt es eine Universalbegrüßung und die Ansage ohne Hymne, dieses Notszenario kommt schon manchmal vor. Überhaupt die Hymnen, zwei Anekdoten, auf norddeutsch Döntjes genannt, fallen Kruse dazu spontan ein: Jahrzehntelang wurde für dänische Schiffe die falsche Hymne gespielt. Denn Dänemark leistet sich den Luxus zweier Nationalhymnen, eine für die Mitglieder der Königsfamilie und eine für das Volk. Ein zufällig anwesender Diplomat wies die Schiffbegrüßer darauf hin, als wieder einmal die falsche Weise erklang. Die korrekte Version war aber nirgendwo aufzutreiben, denn sie sollte blechgeblasen sein, wie alle anderen Hymnen in Schulau. Selbst die dänische Botschaft wurde kontaktiert, konnte aber zunächst nicht weiterhelfen. Ein halbes Jahr später kam dann ein Päckchen aus Kopenhagen, darin die gewünschte Hymne – extra eingespielt vom Musikkorps der Königin Margarete II.. Und dann der Tag, als ein Schiff mit Heimathafen Ulan Bator am Heck auftauchte, keine Hafenstadt, aber mit Schiffsregister. Also die Hymne der Mongolei raussuchen, aber Fehlanzeige, die war nicht vorhanden. Ein Besucher kam kurze Zeit später in die Kabine, erzählte von seinem kurz bevorstehenden Trip mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach China. Er bekam einen Auftrag mit, in Ulan Bator aussteigen, die Nationalhymne kaufen. Ein paar Wochen später war auch die mongolische Hymne da.

Die Sammlung der Nationalhymnen ist jetzt komplett
Die Sammlung der Nationalhymnen ist jetzt komplett

Auch Sonderwünsche erfüllen die Schiffbegrüßer, wenn sie können. So mochte der russischen Kapitän des Kreuzfahrers „Maxim Gorki“ nicht die Hymne des Flaggenstaates Bahamas hören, sondern die russische Nationalhymne. Und es gibt immer wieder Überraschungen: Als der britische Flugzeugträger „Ark Royal“ das Willkommhöft passierte und begrüßt wurde, ließ der Kommandant die Kapelle an Bord antreten und den Gruß mit der deutschen Nationalhymne erwidern. Das schönste Erlebnis war für Gerd Kruse aber das „Traumschiff-Treffen“ im Jahr 2006. Nach dem Fest in der Hamburger HafenCity tauchten die Schiffe elbabwärts vor dem Wilkommhöft auf: Vorweg der 1908 gebaute Museumsdampfer „Scharhörn“, dann das schneeweiße ZDF-Traumschiff „MS Deutschland“, danach die „Queen Mary 2“,  „ein einzigartiger Anblick und nicht zu toppen.“ Bei solchen Gelegenheiten träumt Gerd Kruse davon, mal wieder selbst auf Kreuzfahrt zu gehen. Das erste und einzige Mal führte ihn 1971 mit Neckermann auf der italienischen „Irpinia“ nach Spitzbergen. Das nächste Mal sollte dann aber schon etwas Besonderes sein, in Frage kommen dann nur Traumschiff oder Königin.

 

Informationen und Anfahrt zur Schiffsbegrüßungsanlage:

http://www.schulauer-faehrhaus.de/willkomm-hoeft-schiffsbegrusungsanlage

http://www.wedel.de/tourismus-freizeit/sehenswertes-ausfluege/schiffsbegruessungsanlage-willkomm-hoeft.html

http://www.hamburg-tourism.de/sehenswertes/hamburg-maritim/willkomm-hoeft/