Maritimes Museum Hamburg

Eine riesige Fülle an Kostbarkeiten hat Peter Tamm mit seiner Sammelleidenschaft zusammengetragen und in eine private Stiftung überführt. Hamburg hat dieser unglaublich umfangreichen Ausstellung für 99 Jahre einen historischen Kaispeicher kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Internationalen Maritimen Museum haben alle Stücke hat mit Schifffahrt zu tun.

Das erste Modell hat einen Ehrenplatz
Das erste Modell hat einen Ehrenplatz

Sogar der Hausherr selbst schüttelt mit dem Kopf, wenn er auf den gewaltigen Umfang der Ausstellungsstücke im Internationalen Maritimen Museum angesprochen wird: „Man darf mit dem Sammeln nicht so früh anfangen wie ich, sonst wird es der reine Wahnsinn. Fangen Sie bloß erst mit 70 Jahren an, dann bleibt es im Rahmen.” Rund 75 Jahre dauert dagegen bei Peter Tamm die Sammelleidenschaft bereits an, sie begann im Alter von sechs Jahren als seine Mutter ihm im „Kinderparadies“ in der Eppendorfer Landstraße das Bleimodell eines Küstenmotorschiffes kaufte. Die Augen des ehemaligen Vorstands des Axel-Springer-Verlags glänzen beim Erzählen von seinem ersten Sammlerstück genau so wie damals die des kleinen Peters gestrahlt haben mögen. Und die liebevolle Mama hätte sicher zweimal überlegt, wenn sie geahnt hätte, was sie mit diesem kleinen Geschenk anrichtete. Denn fortan war Peter Tamm mit dem Sammelvirus infiziert.

Mehr als 36.000 Schiffsmodelle, 5.000 Ölgemälde, 100.000 Briefmarken, eine Million Fotos sowie unzählige nautische Instrumente, Seekarten, Dokumente, Tonaufnahmen, Gemälde, Waffen, Uniformen und Orden hat er seitdem zusammengetragen: „Wenn ich umgezogen bin, war zunächst immer noch Platz für neue Stücke, aber kurze Zeit später war dann wieder alles vollgestellt und wir mussten uns erneut eine größere Bleibe suchen.“ Das ist bis heute so geblieben, auch nachdem Tamm seine Schätze Ende 2002 in eine private Stiftung überführte und die Sammlung nach Jahrzehnten in der eigenen Villa an der Elbchaussee nun in der HafenCity ausstellt. Das Internationale Maritime Museum befindet sich jetzt auf einer Fläche von 16.000 Quadratmetern im ältesten Hamburger Kaispeicher von 1878. Den historischen Kaispeicher B hat die Stadt Hamburg für 30 Millionen Euro sanieren und umbauen lassen und der Stiftung, die das Museum verwaltet, für 99 Jahre kostenlos zur Verfügung gestellt. Diese Tatsachen hatten im Vorfeld der Eröffnung am 25. Juni 2009 durch den damaligen Bundespräsidenten Köhler Kritik hervorgerufen, auch  wegen des militärischen Teils der Sammlung hatte es Proteste gegeben. Tamms Haltung zu diesen Protesten ist klar und eindeutig: „An jedem Stück hier im Museum hängen Menschen dran und die Erinnerung an diese Menschen zu erhalten ist mir wichtig. Jede Uniform hat einen Zettel in der Tasche mit den persönlichen Daten des Trägers. Das ist wahrhaftige Geschichte und auch nicht einseitig, wir haben hier ja von allen beteiligten Parteien etwas.“

Die Sammelleidenschaft von Peter Tamm begann mit sechs Jahre und dauert immer noch an
Die Sammelleidenschaft von Peter Tamm begann mit sechs Jahre und dauert immer noch an

3000 Jahre Schifffahrtsgeschichte sind auf zehn Etagen ausgestellt und bereits vor dem Eingang geht es los: Im Foyer stehen drei Meter lange Modelle der „Queen Elizabeth 2“ und des Containerfrachters „E. R. Shanghai“. Was im Inneren folgt, ist eine Schau der Superlative – Peter Tamm hat die größte maritime Sammlung der Welt zusammengetragen: „Schifffahrtsgeschichte ist die Geschichte der Menschheit, ohne Boote wären viele Entdeckungen, Besiedlungen und der Wirtschaftsverkehr gar nicht möglich gewesen. Ich hab immer alles gesammelt, was mit Schiffen zu tun hatte, und was ich wollte, habe ich auch irgendwann bekommen. Ich kann warten und ungeheuer stur werden.“ Das Ergebnis von Geduld und Beharrlichkeit ist auf den sogenannten Decks zu sehen und die Ausstellungsräume vermitteln Besuchern durch Planken und viel dunkles Holz tatsächlich den Eindruck an Bord eines Schiffes zu sein. Jedes der neun Decks ist einem Thema gewidmet, von der „Entdeckung der Welt“ über „Handels- und Passagierfahrt”,  „Krieg und Frieden“ und „Expedition Meer“ bis hin zu der „Großen Welt der kleinen Schiffe“ mit den Miniaturmodellen. Das zehnte hoch über den Dächern der HafenCity ist als Veranstaltungsraum zu mieten.

Dabei sind im alten Kaispeicher noch längst nicht alle Kostbarkeiten ausgestellt, gleich nebenan im klimakontrollierten Lager im Heinemann-Speicher lagern noch hunderttausende von Sammlerstücken, darunter 130.000 Bücher, 15.000 originale Schiffsspeisekarten oder Geschirr und Standarten der Kaiseryacht „Hohenzollern“: „Wir bräuchten noch ein weiteres Haus, um wirklich alles zeigen zu können“, so Peter Tamm, „hier lagert Stoff für tausende von Doktorarbeiten.“ Besonders stolz ist er auf die mehr als 60.000 Konstruktionspläne, viele davon persönlich aus Werftinsolvenzen oder vor aufräumenden Erben gerettet: „Die Geschichte muss doch erhalten werden, aber gerade nach dem Zweiten Weltkrieg wurde unheimlich viel einfach weggeschmissen. Und auch heute interessieren sich nur wenige der nächsten Generation für Dinge, welche die Altvorderen zusammengetragen haben. Von den Bauplänen eines Schiffs leitet sich aber alles ab, auch die Miniaturmodelle.“ Mittlerweile verfügt das Museum über einige Tausend privater Nachlässe, die von einem Teil der insgesamt 25 Mitarbeitern und einigen Ehrenamtlichen gesichtet und katalogisiert werden. Allein in den vergangenen beiden Tagen hat Tamm mehr als 100 große Papiermodelle, japanische Kekse in Form des größten jemals gebauten Kriegsschiffs und das Modell der Superyacht „Pelorus“ geschenkt bekommen.

Das Lager platzt aus allen Nähten
Das Lager platzt aus allen Nähten

Seinen größten Coup landete der Sammler als er in den 1960-er Jahren in London Trödelhändler abklapperte. Noch heute kann Tamm sein Glück kaum fassen: „Der wusste gar nicht, was er da eigentlich herumstehen hatte. Das war so ein typischer Trödler, Treppe runter ins Souterrain, dreckige Scheibe und dahinter alles vollgestopft. Inmitten des ganzen Plunders stand ein großes Schiffsmodell, fingerdick mit Staub bedeckt, da bin ich rein und hab mir das genauer angeguckt.“ Der Staubfänger entpuppte sich bei näherer Betrachtung als Knochenschiff, ein aus Tierknochen gefertigtes Modell, wie sie Kriegsgefangene der Engländer während der Napoleonischen Kriege anfertigten, um sie gegen Essbares einzutauschen. Der Nachbau der „Chesapeak“, einer 1799 vom Stapel gelaufenen Segelfregatte der US Navy, ist das größte erhaltene Knochenschiff der Welt und heute von unbezahlbarem Wert. Tamm handelte den Trödelhändler auf dreihundert Pfund herunter, ließ das Modell nach Hamburg bringen und aufwändig restaurieren: „Leider passiert so etwas beim Sammeln nur ein einziges Mal und nicht hundertmal.“ Das Knochenschiff kann man in der „Schatzkammer“ auf Deck 8 bewundern, im krassen Gegensatz dazu sticht dort neben zahlreichen Silber-, Elfenbein- und Bernsteinschiffen ein besonders glänzendes Ausstellungsstück hervor:

Der Nachbau der Kolumbus-Karavelle „Santa Maria" aus 2,5 Kilogramm Gold
Der Nachbau der Kolumbus-Karavelle „Santa Maria“ aus 2,5 Kilogramm Gold

Bei diesem einzigartigen Stück hatte Tamm selbst die Hände im Spiel: „Ich kannte den Juwelier und der wollte zum 250. Geschäftsjubiläum was ganz Besonderes herstellen. Mensch, hab ich gesagt, das ist doch auch das Jubiläumsjahr von Christopher Kolumbus, bau doch sein Schiff nach!“ Ein Jahr Arbeit steckt in dem Goldschiff selbst die Takelage drehte der Juwelier aus feinsten Golddrähten und schuf ein einzigartiges Stück, das zum Ende des Jubiläumsjahres natürlich in Peter Tamms Sammlung landete. Nicht mit Gold aufzuwiegen ist der erste gezeichnete Schiffsriss der Welt, den William Holtridge 1684 zu Papier brachte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden immer Holzmodelle der zu bauende Schiffe angefertigt, damit sich der meist adelige Auftraggeber ein Bild machen konnte – über solche jahrhundertealten Holzmodelle verfügt das Museum selbstverständlich auch. Fragt man Tamm nach seinen Lieblingsstücken, braucht er nicht lange nachzudenken: „Das gesamte Museum, ich finde jedes Stück toll.“ Besonders stolz ist er aber auf die Originalbriefe von Lord Nelson, der Held von Trafalgar ist für ihn der Größte.        

                                            

Es befinden sich aber nicht alle gesammelten Kostbarkeiten in der HafenCity, in seinem Privathaus verwahrt Tamm „die Dinge, die mit der eigenen Familie zu tun haben.“ Tamm und seine Ehefrau stammen beide aus Seefahrerfamilien, im Ersten Weltkrieg waren die Väter bei der U-Boot-Flotte. Der Schwiegervater als Kommandant auf UC 91, der eigene Vater als Maschinist auf UB 50: „Die beiden Schiffe lagen in der Adria eine Zeit lang nebeneinander im Hafen. Als meine spätere Frau und ich unsere jeweiligen Familienalben angeschaut haben, waren da teilweise dieselben Fotos drin.“ Nur ein Stück war zu groß für die heutige Unterkunft, der vier Meter lange Nachbau der „Wappen von Hamburg“, der im Treppenhaus des Museums hängt. Der Kommandant des Konvoischiffs aus dem 18. Jahrhundert hieß Martin Tamm. Aus der Familie hat er vor allem seinen achtjährigen Enkel mit der Leidenschaft für Schiffe angesteckt, „der ist schon Spezialist für Kriegsschiffe.“

Allein 36.000 Schiffsmodelle sind im IMM ausgestellt
Allein 36.000 Schiffsmodelle sind im IMM ausgestellt

Herzstück der Sammlung sind die rund 36.000 kleinen und tausend großen Schiffsmodelle auf Deck 9, wo gerade die Containerterminals von Bremerhaven detailgetreu im Miniaturformat aufgebaut worden sind. Sieben Jahre Handarbeit stecken in dem exakten Nachbau, sogar jeder einzelne der tausenden Mini-Container wurde per feinsten Pinselstrichen mit Schriftzügen versehen. Auf Deck 6 wird die Geschichte der Handels- und Passagierschifffahrt erzählt, vom Kaffeesack bis zum Container; vom Glamour der alten Ozeanliner bis zur modernen Kreuzfahrtindustrie. Mit Originalmobiliar eingerichtete Kabinen der Viermastbark „Sea Cloud II“ und des Fünf-Sterne-Schiffs „Hanseatic“ zeigen Kreuzfahrtluxus, Hängematten und Segelmacherwerkzeug dagegen den harten Alltag der Seeleute in den vergangenen Jahrhunderten. Deck 7 dagegen taucht unter die Oberfläche: Es ist der Tiefsee und der Meeresforschung gewidmet. Auch an die kleinen Besucher wurde gedacht: In der Tauwerkstatt gibt es für Kinder viele Knoten und Tampen zum Anfassen und Nachknüpfen, auf Deck 1 steht ein sechs Meter langer Nachbau der „Queen Mary 2“, gebaut aus 780.000 Legosteinen in 1.200 Baustunden. 870 Kilo wiegt der Bausteinkoloss. Auf Knopfdruck leuchten Unter- und Oberdeck oder das Schiffshorn dröhnt, gleich daneben dürfen die kleinen Seebären eigene Modelle zusammenstecken und den Profis der Modellbauwerkstatt bei der Arbeit zusehen.

Mit einem einzigen Besuch ist die Fülle der Sammlung gar nicht zu erfassen, man nimmt sich am besten von vornherein vor, nur die Themendecks anzuschauen, die einen am meisten interessieren – das Internationale Maritime Museum ist mehr als nur einen Besuch wert. Fehlt Peter Tamm noch irgendetwas in seinem Museum? „Ja, weitere Stifter !“

Peter Tamm ist am 29. Dezember 2016 im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben.

Informationen zu Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Sonderausstellungen unter http://www.imm-hamburg.de