Buchrezension von "Die Kreuzfahrer" von Wladimir Kaminer aus dem Verlag Wunderraum. Gerade auf einer Kreuzfahrt wird es ein Genuss

In seinem Buch “Die Kreuzfahrer” erzählt der russisch-deutsche Schriftsteller Wladimir Kaminer vom Massentourismus weit draußen auf dem Ozean. Kaminer wurde mehrfach als Autor mit seiner Frau auf Kreuzfahrt eingeladen, als Gegenleistung unterhielt er die Kreuzfahrtgäste als Lektor mit Lesungen und Vorträgen. Seine Erlebnisse auf vier dieser Kreuzfahrt-Lesereisen hat er in „Die Kreuzfahrer“ literarisch verwertet: Kaminer fuhr mit einem US-Riesendampfer über den Atlantik und macht drei AIDA-Kreuzfahrten; ins Mittelmeer, die Ostsee und in die Karibik.

So erzählt Kaminer von seinen Beobachtungen an Schiff und bei den Landgängen. Seine Gedankengänge hierzu sind amüsant, teils schräg, immer kurzweilig und sehr unterhaltsam. Wieder einmal hat der Bestsellerautor einen augenzwinkernden Blick für Kuriositäten, Vorurteile und Peinlichkeiten und erzählt sie mit großem Vergnügen: „Auf einer Kreuzfahrt sammelt man in zwei Wochen so viele Geschichten wie auf dem Festland in Monaten nicht.“ Kaminer nimmt sich, seine Frau und die Menschheit aufs Korn, auf verständnisvolle Art und stets behutsam. Der Erzählband strotzt vor amüsanten Anekdoten und klugen Beobachtungen. Wer öfter auf Kreuzfahrt geht, wird einige bekannte Szenen, Typen und Situationen wiederentdecken.

So sind auf der Transatlantik-Reise von Barcelona nach Miami vor allem Amerikaner unterwegs. Kaminer lässt an seinen US-Mitreisenden kaum ein gutes Haar. Sie sind laut, übergewichtig, stets auf Shoppingtour und dabei auf eine anstrengende und für den Autor unverständliche Art gut gelaunt. Der Deutschrusse Kaminer findet bei den Beschreibungen seinen ganz eigenen, für ihn typischen Blick. Seine russische Sicht auf viele Dinge der westlichen Welt hat er sich bewahrt. Er berichtet in seinem ganz besonderen Erzählstil und mit herrlichen Ansichten. Sein trockener Humor, sein unverstellter Blick und sein Geschick, Gesellschaftskritik mit intelligentem Witz zu tarnen, zeichnen die Geschichten aus: „Wenn die amerikanische Queen am ehesten einer schwimmenden Kaufhalle ähnelte, so glich unsere AIDA einer schwimmenden Kneipe.“

Selbst der Buchtitel „Die Kreuzfahrer“ ist wohl kaum ohne Hintergedanken und wegen der wunderschönen Doppeldeutigkeit gewählt worden: Denn die Urlauber auf einem Kreuzfahrtschiff können auch fremde Eindringlinge und auf kleinen Karibikinseln zumindest für einen Tag Besatzer sein. Diese Ambivalenz zieht sich durch die Geschichten in diesem Buch. Auf der einen Seite Reisespaß pur: Menschen und Mentalitäten kennen lernen, Wissen und Horizont erweitern, reflektieren und Eindrücke verarbeiten. Doch schon im nächsten Absatz thematisiert Kaminer dann die Schattenseiten des Kreuzfahrt-Tourismus, der immer öfter zu Übertourismus wird. Und auch dies pointiert, teils sogar schmerzhaft auf den Punkt gebracht, wenn man sich selbst und sein Verhalten erkennt.

 

Das Buch ist auch haptisch eine Freude, liebevoll und hochwertig gestaltet mit rotem Leinenrücken und Lesebändchen. Einziger Kritikpunkt ist der gegen Ende des Buches schwächer werdende Spannungsbogen. Die Karibik-Kreuzfahrt ist deutlich weniger pointiert und lesenswert als die Berichte der anderen reisen. Aber wahrscheinlich konnte selbst ein Bestsellerautor aus den immer gleichen Stränden Palmen sowie den Abläufen an nicht mehr herausholen. Oder der Leser war nach den ersten Dreivierteln des Buches sehr verwöhnt. Insgesamt ein klarer Lese-Tipp. Gerade auf einer Kreuzfahrt wird es nach der Lektüre ein Genuss sein, das von Kaminer so zart sezierte Verhalten der Kreuzfahrer immer wieder zu entdecken.

Zur Homepage von Wladimir Kaminer: http://www.wladimirkaminer.de/

Zur Seite des Verlags: https://www.randomhouse.de/Verlag/Wunderraum/72000.rhd

Wladimir Kaminer Die Kreuzfahrer
Verlag Wunderraum, Leineneinband mit Lesebändchen, 224 Seiten
ISBN: 978-3-336-54798-2
Preis: 20,00 Euro