Buchkritik / Rezension / Besprechung "Die Nachbarin" von Caroline Corcoran aus dem Heyne Verlag: ruhige Entwicklung, spannendes Ende

Das Erstlingswerk „Die Nachbarin“ von Caroline Corcoran, die als Autorin für einige der wichtigsten Online- und Printmagazine sowie Tageszeitungen in Großbritannien geschrieben hat, basiert auf eigenen Erlebnissen: In London, wo sie 13 Jahre wohnte, konnte sie ihre Nachbarin durch die dünnen Wände ihrer Wohnung stets hören – doch getroffen haben sich die beiden nie. Dieser jahrelang andauernde, kuriose Umstand inspirierte Corcoran zu ihrem Debütroman: Lexie und Harriet wohnen in einem anonymen Hochhaus mitten in London, Wand an Wand. Beide lauschen den Geräuschen aus der Nachbarwohnung und stellen sich das perfekte Leben ihrer Nachbarin vor.  Welches aber bei beiden bei weitem nicht so perfekt ist, wie es der jeweils anderen Lauscherin scheint. Lexie ist Texterin, hat einen festen Partner mit Kinderwunsch.  Harriet komponiert Musical-Songs und lebt für Partys, die Sie von Ihrem Ex ablenken sollen.

In Rückblenden, wobei die Kapitel jeweils mit dem Namen der Erzählerin gekennzeichnet sind, wird abwechselnd aus den Ich-Perspektiven der beiden Nachbarinnen Lexie und Harriet erzählt. Dabei taucht der Leser tief in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Frauen ein, die mit zunehmender Entwicklung der Geschichte nicht unbedingt sympathischer werden. Denn Neid, Missgunst, Obsession, Missbrauch, Stalking, künstliche Befruchtung und die Gefahren sozialer Medien werden in “Die Nachbarin” zu einem explosiven Mix, der zu regelrechtem Hass führt.

Das alles sind hervorragende Voraussetzungen für einen spannendem Stoff, aber ein Psychothriller ist die Geschichte nicht, denn sie entwickelt sich recht langsam. Dieser ruhige Aufbau ist zwar für Verständnis für das Handeln und die Charaktere der Hauptdarstellerinnen gut, aber erst im letzten Viertel entwickelt die Story die Rasanz und Dramatik mit einer Sogwirkung auf den Leser, die einen echten pageturner  ausmachen. Das Finale ist dann so rasant, dass man endlich mitfiebern kann. Der Schreibstil ist flüssig, mit erstklassig herausgearbeiteten Hauptfiguren. Eine wirklich interessante und auch ungewöhnlich umgesetzte Idee. Wer sich auf die ruhige Entwicklung der Story einlässt, wird mit einem spannenden Ende belohnt. Insgesamt ein gutes Erstlingswerk – man darf gespannt sein, ob Caroline Corcoran noch einmal mit einer ähnlich guten Grundidee kommt.

Weitere Informationen unter https://www.randomhouse.de/Paperback/Die-Nachbarin/Caroline-Corcoran/Heyne/e558923.rhd

Die Nachbarin

Caroline Corcoran

Heyne Verlag

Broschiert, 448 Seiten, 12,99 Euro

ISBN: 978-3453580800