Buchbesprechung / Rezension: Die Nordsee. Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küste von Tom Blass aus dem mare Verlag

Jeder sich am Strand tollende Sonnenanbeter am Mittelmeer, am Pazifik oder in der Südsee hat den Stränden der Nordsee etwas zu verdanken: Ferien an der Nordsee sind das Original, hier liegen die Ursprünge des Urlaubs am Meer. Mitte des 18. Jahrhunderts streifte die Nordsee ihr Dasein als rein nützliches Gewässer ab und erfreute sich ihrer bis dahin unentdeckten, glamourösen Möglichkeiten auf sozialem und erholungsförderndem Gebiet. Anmerkungen, Anregungen und Fakten wie diese machen die Reisereportagen des britischen Journalisten Tom Blass auch für Bildungsbeflissene zu einem Genuss. Wer gerne authentische Reisegeschichten mit viel Hintergrundwissen liest, ist ohnehin mit diesem Buch bestens bedient.

Über viele Jahre ist Blass für dieses Buch kreuz und quer über die Nordsee gereist und nimmt sich in fünfzehn Kapiteln ausgewählte Aspekte des großen Themas Nordsee vor. Wortmächtig und stimmungsvoll erzählt der Autor von der Kulturgeschichte der Nordsee und hangelt sich in metaphernreicher Sprache von Küste zu Küste. Die Reise führt entlang der Nordseeküste und auf einige der Inseln und Halligen: Der Leser besteigt mit ihm an der Humber-Mündung einen Frachter mit Kurs Göteborg, streift von London aus die Themse entlang bis in Küstenorte, die einst glänzten, aber noch schneller verblassten als sie aufgestiegen sind. Die Scheldemündung, Ostende, den Humber, Whitby, Nordfriesland, Schiermonnikoog, Amrum, Helgoland, Hallig Langeneß, Hallig Hooge, Rungholt, Skagen, das Königreich Sealand und die Shetland-Inseln – Blass hat all das gesehen und kehrte mit tollen Geschichten im Gepäck zurück.

Vor allem aber hat sich der Autor ausführlich mit den Einheimischen unterhalten, ihre Geschichte und ihre Geschichten sowie lokale Mythen und Anekdoten erfahren. Zusammen mit seinen ausführlichen Recherchen werden daraus sehr lebendige, informative Stories. Auf seinen Reisen fand Blass auch oft Überbleibsel der Weltkriege, etwa große Betonscheiben von alten Flakplattformen in England oder die Bombenkrater von Helgoland. Denn die Geschichte der Nordsee ist durchzogen von kriegerischen Auseinandersetzungen unter Nachbarn. Dass dabei alte Vorurteile auch heute immer noch sehr lebendig sind, zeigt dieses Zitat des Bürgermeisters von Helgoland: „Um Helgoländer zu sein, reicht es nicht zwanzig, dreißig, vierzig oder achtzig Jahre auf der Insel gelebt zu haben. Man muss hier geboren sein.“

Der Leser lernt viel über das Leben der Nordseeanwohner, die unterschiedlichen Landschaften und die Geschichte bis hin zur Gegenwart, mit Reaktionen auf den Klimawandel oder den schottischen Hoffnungen auf Unabhängigkeit durch Ölreichtum: Die Nordsee ist alles, was man darüber sagt und erzählt und doch nichts davon. Sie kennt keine andere Grenze, als die die Menschen ihr auferlegen, keine moralischen Werte oder Strukturen. All das steckt im Menschen und nicht im Meer. Die Reportagen laden mit ihren Bildern und ihrerem Sprachreichtum zur langsamen, sorgfältigen Lektüre und zum Nachdenken ein. Tom Blass hat nicht nur ein facettenreiches Porträt der Nordsee erstellt, sondern macht sie auch sprachlich wunderbar gelungen erlebbar. Wer die Nordsee liebt, wird auch dieses Buch lieben.

Die Nordsee. Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küste
Tom Blass, aus dem Englischen übersetzt von Tobias Rothenbücher.
Mare Verlag, Hamburg 2019. 352 Seiten, gebunden

28,- Euro

ISBN 9783866482708

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/buecher