Rezension / Buchbesprechung "Die Polarfahrt" von Hampton Sides aus dem mare Verlag: Hervorragend recherchiert und bis zur letzten Seite spannend.

“Die Polarfahrt” ist ein außergewöhnliches Buch, ein Zwischending aus Roman und Sachgeschichte: Im Jahr 1879 begibt sich Kapitän George W. De Long mit seiner Crew auf eine ganz besondere Reise, er will einen Seeweg zum Nordpol finden, der – damals noch unentdeckt – das Sehnsuchtsziel der Forschungs- und Polarreisenden war. Finanziert wird die Reise vom exzentrischen Herausgeber der Tageszeitung „New York Herald“, der zuvor auch die Suche nach dem verschollenen Livingston in Afrika erfolgreich organisiert hatte. Natürlich alles für die Steigerung der Auflage, die Entdeckung des Nordpols soll für seine Zeitung der ganz große Coup werden. Und so werden keine Kosten und Mühen gescheut, um die U.S.S. Jeannette Richtung Norden zu schicken. Man glaubte damals, das Nordpolarmeer sei offen und schiffbar und die Passage zum Nordpol frei von undurchdringbarem Packeis. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich für die Männer sehr bald herausstellt, denn die Fehlannahme führt zu einem unmenschlichen Martyrium und täglichen Kampf ums Überleben. Denn das im Eis gefangene Schiff kann nach während der letzten Überwinterung dem Druck nicht standhalten und zerbirst. Die Mannschaft begibt sich auf einen mühsamen Treck über die endlos scheinende Eiswüste, erreicht schließlich offenes Wasser und teilt sich in Gruppen auf die über das Eis mitgeschleppten Beiboote auf, um das russische Festland zu erreichen. Nur um dann im Morast des Lena-Deltas mit seinen unzähligen Wasserläufen erneut Hunger, Kälte und Terrain trotzen zu müssen.

Als Leser begleitet man Kapitän DeLong und seine 32 Crewmitglieder vier Jahre lang durch eine wahre Odyssee. Autor Hampton Sides erzählt die Geschichte dieser Fahrt in beeindruckender Weise, der Leser betrachtet die ganze Reise gewissermaßen durch ein Fernrohr und wird zum Beobachter. Die mit vielen Hintergrundinformationen zur damaligen Weltgeschichte und zum Stand der Wissenschaft im 19. Jahrhundert angereicherte Erzählung ist verbunden mit originalen Tagebucheintragungen unterschiedlicher Mannschaftsmitglieder, die im Text eingebaut sind. So sieht der Leser den Gesamtrahmen und fühlt sich doch mitten im Geschehen.  Hampton Sides gelingen in diesem Mix auch noch sehr einfühlsame Charakterbeschreibungen, die porträtierten, handelnden Personen um Kapitän George W. DeLong werden schnell vertraut. Man lernt die Männer kennen, als sei man Mitgefangener in der ewigen Dunkelheit des hocharktischen Winters und litte mit ihnen. Die Spannung in dem Buch ist greifbar, auch die riesige Informationsfülle ist dabei kein Hindernis.

Der mare-Verlag steht für hochklassige Literatur mit dem Meer als Angelpunkt und hat einige hervorragende Bücher zu Expeditionen herausgebracht. „Die Polarfahrt“ toppt dabei die anderen großartigen Bände wie „Barrow´s Boys“ oder „Amundsen-Bezwinger zweier Pole“ und selbst Michael Palins großartig recherchiertem und erzählten Buch „Erebus“, denn es ist auch noch spannend wie ein Krimi: Auf einer wahren Begebenheit beruhend, mit Logbucheinträgen und Briefen der Besatzung der USS Jeanette hinterlegt, ist „Die Polarfahrt“ ein wahres Meisterwerk. Hervorragend recherchiert und von Beginn an bis zur letzten Seite spannend und informativ.

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/buecher/unsere-lieblingsbucher/die-polarfahrt-8616

Die Polarfahrt

Hampton Sides

mare Verlag

Klappenbroschur mit Abbildungen, 580 Seiten, 18,- Euro

ISBN: 978-3-86648-616-4