eftsfuehrer Klaus Lippmann ist der älteste noch existierende Reepschlägerbetrieb

Taue und Seile spielen auch in der modernen Seefahrt noch eine wichtige Rolle. Früher gab es in Hamburg viele Hersteller, aber heute droht der Handwerksberuf des Reepschlägers langsam auszusterben.

Die meisten Hamburger waren noch nie auf der Reeperbahn. Denn die echte Reeperbahn befindet sich nicht auf St. Pauli, sondern auf der anderen Seite des Hafens in Hausbruch. Hier steht eine der letzten Arbeitsstraßen, nach der die weltbekannte Amüsiermeile benannt ist. Seit der aus dem Harz stammende Seilermeister Friedrich Lippmann 1850 der Liebe wegen in der Hansestadt hängen blieb, werden in dem von ihm gegründeten Betrieb Taue, Trossen und Seile hergestellt. Zunächst auf der Elbinsel Altenwerder, nachdem der Betrieb bei der Jahrhundertflut 1962 abgesoffen und 1979 abgebrannt war, verkaufte Urenkel Klaus Lippmann ihn aber 1982 nach jahrelangen Verhandlungen an die Stadt, die auf dem Gelände das modernste Containerterminal Europas errichten ließ.

Das Unternehmen wird von der fünften Generation fortgeführt: Klaus Lippmann hat seine Tochter dafür begeistern können
Das Unternehmen wird von der fünften Generation fortgeführt: Klaus Lippmann hat seine Tochter dafür begeistern können

Der 68-jährige baute den Betrieb, den heute seine Tochter in der fünften Generation führt, auf der anderen Elbseite wieder auf, inklusive der 342 Meter langen Reeperbahn, weil dies trotz moderner Maschinen die qualitativ beste Methode für manche Spezialitäten ist. Neue Seilschlagmaschinen brauchen zwar nur ein Dreißigstel des Platzes, mit ihnen können aber auch nur Seile bis 40 mm Durchmesser hergestellt werden. Ältere Exemplare von 1930 schaffen immerhin eine Dicke von 50 mm und 220 Meter Länge, aber alles, was darüber hinaus geht, wird noch immer auf der Reeperbahn gefertigt. Zum Beispiel Brandungstaue, 30 Zentimeter dick und 250 Meter lang, die dazu dienen, auf Reede liegende Schiffe zu sichern. Drehte sich bei Lippmann früher fast alles rund um die Seefahrt, liegt heute die Zahl des für Schiffe hergestellten Tauwerks unter 20 Prozent der Gesamtproduktion, die mehr als 3.000 Artikel umfasst – darunter Hängebrückenseile und Kletternetze für Kinderspielplätze, Zugseile für Segelflieger und Forstarbeiter, Treppengeländer, Barabsperrungen, Katzenkratzbäume sowie Schnüre für Kitesurfer und eine eigene Angelserie namens “Hemingway”. So gibt es in ganz Deutschland keine 40 Reepschläger mehr, 30 davon arbeiten bei Lippmann German Ropes, wie die Firma heute heißt.

Ein Mitarbeiter überwacht vier bis sechs Maschinen
Ein Mitarbeiter überwacht vier bis sechs Maschinen

Die traditionell gefertigten Schiffstaue sind in der ganzen Welt gefragt, vor allem bei Hobby- und Sportseglern. Mit geteerten Seilen, wie sie jahrhundertelang Verwendung fanden, rüstete der Betrieb auch das auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene schwedische Kriegsschiff Vasa aus, das nach der Bergung und Restaurierung in einem eigens gebauten Museum in Stockholm ausgestellt ist. Bei Reedern moderner Schiffe haben Materialien wie Hanf, Flachs, Sisal oder Kokos wegen der schwierigen Pflege aber keine Chance, nur noch 30 Prozent der hergestellten Taue bestehen aus Naturfasern. Hauptsächlich werden synthetische Seile aus Kunststofffasern gefertigt, die dünner als ein Menschenhaar sind, aber über eine immense Belastungsfähigkeit verfügen. Entsprechend eingefärbt sind sie von Naturseilen optisch kaum zu unterscheiden. Zur Produktion von Festmacherseilen für Tanker werden wegen der Feuergefahr mit Fasern umwickelte Stahldrahtlitzen verwendet, reine Drahtseile könnten Funken schlagen. Kreuzfahrtschiffe nutzen dagegen meist rein synthetisches Material wie Polypropylen oder Doppelflechtseile aus Polyester.

Ein Schlagwagen auf Schienen übernimmt heute die schwere Handarbeit früherer Tage
Ein Schlagwagen auf Schienen übernimmt heute die schwere Handarbeit früherer Tage

In der Produktionshalle rattern die Schlag- und Flechtmaschinen, die Spulen führen einen Bändertanz auf und flechten kunstvoll geknüpfte Seile. Beim Flechten werden auf Spulen aufgerollte Fäden kreisförmig um den Flechtpunkt herumgeführt. In Schlangenlinien gleiten sie auf sogenannten Klöppeln näher zum und wieder zurück vom Flechtpunkt. Da die unterschiedlichen Fäden sowohl im als auch gegen den Uhrzeigersinn verlaufen, werden sie miteinander verflochten. Ein Mitarbeiter überwacht vier bis sechs Maschinen, auch auf der Reeperbahn arbeiten nur noch drei Mann gleichzeitig an einem Seil. Vor der industriellen Einführung von Dampfmaschinen Anfang des 19. Jahrhunderts waren noch fast 200 Mann notwendig, um das Standardreep der britischen Marine von 1000 Fuß Länge (305 Meter) und 20 Zoll (50 cm) Umfang zu fertigen. Die Methode aber ist gleich geblieben: Die Fasern eines Seils sind zu millimeterdicken Fäden gesponnen und werden zu Litzen zusammengedreht. Diese Litzen laufen dann über ein Kranzbrett und werden auf der Reeperbahn über die gewünschte Länge gespannt und miteinander verdrillt. Dabei wird auch ein  “Herz” oder “Seele” genanntes Seil in die Mitte eingeschlossen, denn bei umeinander verdrehten Litzen entsteht ein Hohlraum, ähnlich, als ob man aus Ein-Euro-Stücken einen Kreis legt. Die daraus entstehenden Seile, Kardeelen genannt, werden zu Tauen oder  Trossen geschlagen. Die Schlagrichtung der Kardeelen und des gesamten Seils sind dabei einander entgegengesetzt, was ein Aufdrehen des Seiles verhindert. Früher liefen dabei die Reepschläger die Reeperbahn hinunter, heute übernimmt das ein Schlagwagen auf Schienen. Trotzdem kommt es vor allem auf Handarbeit und das menschliche Gefühl an. Ständig kontrolliert der Reepschläger, ob das Seil gleichmäßig fest ist und nicht weiter vorne weicher oder härter wird. Das Verbinden der Seilenden erfolgt durch das Spleißen, bei dem die Enden miteinander verflochten werden.

eftsfuehrer Klaus Lippmann ist der älteste noch existierende Reepschlägerbetrieb
Das Standardreep der britischen Marine umfasste 1000 Fuß Länge (305 Meter) und 20 Zoll (50 cm) Umfang

Das Prinzip  ist seit Jahrtausenden dasselbe, bereits für das Mesolithikum, 10.000 Jahre vor Christus, wurden Seile und Fischernetze aus Weidenbast nachgewiesen. Es war ein notwendiges Bedürfnis Tiere anzubinden und Kleidung zu verstärken oder zuzubinden. Die Herstellung von Seilen ist eines der ältesten Gewerbe der Welt, und auch das Älteste wird auf einer Hamburger Reeperbahn ausgeübt. Auf der, die jeder Hamburger kennt. Dabei ist die Namensgebung historisch gesehen wohl falsch, denn die eigentliche Bahn der Reeper soll die im Vergleich zur heutigen Amüsiermeile schnurgerade verlaufene, parallele Simon-von-Utrecht-Straße gewesen sein. Was wohl auch besser war, denn egal ob damals oder heute, viele Reeperbahn-Besucher schaffen es ohnehin nicht immer, geraden Kurs zu halten.

 

Wer Taue, Seile o.ä. benötigt kann sich unter http://www.lippmann.de/ informieren.