Rezension „Eine bittere Wahrheit“ von Nicci French, Thriller aus dem C. Bertelsmann Verlag. Dieser Krimi kommt langsam, aber dann gewaltig.

„Eine bittere Wahrheit“ ist der neue Krimi des Erfolgsduos Nicci French. Hinter diesem Namen verbirgt sich das Ehepaar Nicci Gerrard und Sean French, das seine Bücher gemeinsam entwirft und schreibt. Seit mehr als 20 Jahren sorgen sie mit außergewöhnlichen Thrillern international für Furore und verkauften weltweit bereits mehr als 8 Millionen Exemplare. „Eine bittere Wahrheit“ hat den Fall einer sich unschuldig fühlenden, psychisch angeschlagenen Frau als Plot. Die Hauptfigur, Tabitha Hardy, kann sich leider nicht genau an die Ereignisse erinnern. Klar ist: in ihrem Schuppen wurde eine Leiche gefunden und sie selbst lag blutverschmiert auf dem Sofa, als die von einem Bekannten alarmierte Polizei kam. Alle Indizien sprechen gegen sie, Tabitha wird des Mordes beschuldigt und landet im Gefängnis. Niemand glaubt ihr, nicht einmal die eigene Anwältin, doch Tabitha ist überzeugt, unschuldig zu sein und vertritt sich selbst vor Gericht.

Was diesen Thriller so spannend macht, ist die Ambivalenz zwischen mäßig sympathischer, sperriger Hauptfigur, die immer wieder haarsträubende Fehler begeht, und dem Mitfiebern, ob es ihr gegen alle Widrigkeiten gelingen kann, das scheinbar Unmögliche zu erreichen: die Jury von ihrer Unschuld zu überzeugen. Tabitha erringt manchen Überraschungssieg, macht diesen aber durch ihr Verhalten gleich wieder zunichte. Der Alltag im Gefängnis ist geprägt von endlosen Gedanken und Gefühlsbeschreibungen, die Überlegungen der Protagonistin drehen sich komplett im Kreis. Aber trotz der durch diese Perspektive ausgelösten vielen Wiederholungen, nimmt die Spannung zu, denn mit der Zeit ändern sich Blickwinkel und scheinbare Logik, so dass neue Puzzleteile dazukommen. Auch die Aussagen der Zeugen vor Gericht sind für die Personen im und vor dem Buch gleichermaßen überraschend. Neben der spannenden und unvorhersehbaren Handlung wartet die Story mit einer Entwicklung Tabithas und einigen amüsanten Nebenfiguren auf, so dass auch genügend Platz für Humor bleibt. Der Schreibstil ist angenehm und flüssig, vor allem atmosphärisch ist dieser Thriller sehr gelungen: Durch die vielen Wendungen, gerade wenn es wieder etwas gut für Tabitha zu laufen scheint, entsteht beim Lesen oftmals ein beklemmendes Gefühl. Die beklemmenden, genauen Beschreibungen des Gefängnisalltags und das Ausgeliefertsein gegenüber der Justiz, lässt die von Tabitha empfundene, ungläubige Ohnmacht gut nachvollziehen.

In diesem Thriller ist der Blick hinter die Fassade das Spannende, die Dynamik der Dorfgemeinschaft und die Abgründe, die sich immer wieder auftun. Denn die Geschichte fächert sich im Verlauf immer mehr auf, mit jedem neuen Puzzleteil kommen neue Bosheiten und Geheimnisse ans Licht, die unter der vermeintlichen Idylle des Dorfes schlummern. Leser, die es gern etwas ruhiger, aber hintergründig mögen, werden sich sehr gut unterhalten fühlen. Dieser Krimi kommt langsam, aber dann gewaltig. Stück für Stück ziehen die Autoren die Spannungsschraube dermaßen an, dass man der Lösung entgegenfiebert.

Eine bittere Wahrheit

Nicci French

C. Bertelsmann Verlag

Broschiert, 512 Seiten, 16 Euro

ISBN: 978-3570103784

Weitere Informationen unter https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Eine-bittere-Wahrheit/Nicci-French/C-Bertelsmann/e552803.rhd