Reportage über eine Expedition mit dem Kreuzfahrtschiff Quest durch das Wattenmeer ab/bis Hamburg nach Helgoland, Sylt, Amrum & den Halligen

Reportage zu einer Expedition mit dem Kreuzfahrtschiff Quest durch das norddeutsche Wattenmeer

Gebannt blicken die Passagiere der „Quest“ auf Dutzende Seevögel, die auf Armeslänge und nur durch Drahtseile getrennt, ohne Scheu oder Aufregung sitzen und sich putzen oder ihre Jungen füttern. Helgoland mit dem Lummenfelsen, Deutschlands kleinstes Naturschutzgebiet, ist das erste Ziel der fünftägigen Expeditionskreuzfahrt durch das norddeutsche Wattenmeer, die erstmals durchgeführt wird. Hier können die Gäste die „Big Five“ Helgolands ganz aus der Nähe betrachten: Basstölpel, Eissturmvogel, Tordalk, Trottellumme und Dreizehenmöwe. Diese Seevögel brüten nur in Deutschland, der Tordalk sogar nur auf Helgoland.

Den Seevogel-Felsen kann man sich wie ein Mehrfamilienhaus vorstellen: Im Penthouse sitzen die Basstölpel, eine Etage tiefer in Felsnischen die Trottellummen, darunter wohnt auf Vorsprüngen der Tordalk und im Souterrain der Eissturmvogel, der mit bis zu 60 Jahren Lebenserwartung der Klippen-Opa ist. Darüber, im Erdgeschoss, haben die Möwen ihren Imbiss. Denn aus den Nestern der oben wohnenden Nachbarn fallen immer mal wieder Eier oder Jungvögel und landen direkt auf dem Möwen-Buffet.

Der Basstölpel ist ein Zugezogener, erst in den 1990-er Jahren hat sich das erste Brutpaar angesiedelt. Mittlerweile gibt es mehr als 1.500 Brutpaare, die von ihren Zügen zurückkommen. Männchen und Weibchen sind dabei nach der Brutzeit getrennt unterwegs bis sie sich zur neuen Paarung wiedertreffen. Klingt nach einem interessanten Konzept? Nun, irgendetwas ist ja immer, in diesem Fall ist die Rückkehr des Partners nicht garantiert. Vor allem die Weibchen scheinen den Verlockungen besserer Wohnlagen in schickeren Gebieten nicht abhold zu sein. Selbst wenn er im Penthouse lebt, kann das Leben bei der Rückkehr aus dem Süden also eine böse Überraschung bereithalten und der arme Tölpel sein Single-Dasein noch nicht einmal genießen, weil die Art an sich monogam ist. Unter Umständen dauert es zwei, drei Jahre bis ein neues Weibchen von den eigenen Vorzügen überzeugt werden kann und mit etwas Pech geschieht dies mehrfach, so dass der Basstölpel während seines 30-jährigen Daseins auch die Nachteile serieller Monogamie erfahren muss.

Hat sich einen großen Traum erfüllt: Reeder Sven Paulsen

Die Passagiere sind von der Vogelvielfalt überwältigt und auch Sven Paulsen, Inhaber der Reederei Adler-Schiffe aus Sylt, die diese Nordsee-Expedition anbietet, ist restlos begeistert: „Ich war schon zig Mal auf Helgoland, aber immer geschäftlich. Bis hier oben habe ich es noch nie geschafft – das ist ja ein Traum!“ Ein lang gehegter Traum geht für Paulsen mit dieser Expeditionskreuzfahrt in Erfüllung. Schon lange wollte er diese Reise anbieten, doch das unternehmerische Risiko war zu hoch.

Die Gelegenheit ergab sich, weil das schwedische Reiseunternehmen, das die „Quest“ sonst chartert und in Grönland und Spitzbergen einsetzt, wegen der Corona-Krise alle Fahrten abgesagt hatte. Das Schiff, das dem norwegischen Veranstalter Arctic Travel Company gehört, lag seit Februar am Pier in Tromsø. Flottenchef Christian Kruse, der als Expeditionsleiter mit an Bord ist, hatte ein ähnliche Idee wie Paulsen und suchte eigentlich nach Vertriebspartnern in Deutschland als er mit dem Adler-Chef telefonierte. Der 60-jährige wollte diese Kreuzfahrt aber lieber selbst anbieten. Drei Tage wurde verhandelt, dann war man sich einig und Kruse kam drei Wochen zur Vorbereitung nach Sylt.  Dass er einen Verlust einfahren wird, war Paulsen vorher klar, aber er sah die Chance, die Marktfähigkeit dieser Kreuzfahrt zu testen: „Vielleicht rede ich mir das schön, aber eine Markterkundung kostet auch Geld und so habe ich reale Werte statt Umfragen oder Studien.“ Darum ist für Paulsen die Kundenzufriedenheit an Bord auch weit wichtiger als die Auslastung: „Wir hatten ja nur einen sehr kurzen Vermarktungszeitraum, bei normaler Marktlage können wir sicher 30 Prozent mehr Auslastung erreichen.“ Paulsen setzt dabei auch auf das riesige Potenzial, das die Reederei Adler-Schiffe besitzt, die 27 Fähren und Ausflugsschiffe an Nord- und Ostsee mit rund einer Million Fahrgäste pro Jahr betreibt: „Wenn nur fünf Prozent unserer Kunden buchen, wären diese Expeditionsreisen über Jahre ausverkauft.“

Natur- und Umweltschutz spielt bei der Fahrt durch ein so sensibles Gebiet wie das UNESCO-Biosphärenreservat Wattenmeer eine noch wichtigere Rolle als ohnehin schon. Neben der Genehmigung vom Nationalparkamt Wattenmeer wurden darum auch wichtige Naturschutz-Vereine aus der Region in die Planung und Umsetzung miteinbezogen: „Wir haben mit der Schutzstation Wattenmeer, dem Erlebniszentrum „Naturgewalten“ und vielen Trägern gesprochen und halten uns an alle Auflagen, sonst könnte ich mein Ausflugsgeschäft ja auch dicht machen.“ Außerdem fährt die „Quest“ auf diesen Touren mit normalem Straßendiesel, der wesentlich sauberer als Schiffsdiesel ist. Die wichtigste Auflage war, mit den Zodiacs nicht in die Stufe 1-Schutzzonen und bei Hochwasser nicht auf die Sände zu fahren, weil dies die letzte Rückzugsmöglichkeit für die Tiere darstellt.

Da im Wattenmeer ein Abstand von 100 Metern zu den Tieren gehalten werden muss, aber dieser auf der Helgoländer Düne nur 30 Meter beträgt, kommt man dort ohnehin viel näher heran.  Am Südstrand liegt Deutschlands größte Kegelrobbenkolonie träge in der Sonne. Es ist kaum vorstellbar, dass das bis zu 300 Kilo schwere, größte Raubtier Mitteleuropas an Land eine Spitzengeschwindigkeit von 30 km/h schafft, wie Damaris Buschhaus vom Verein Jordsand, dem ältesten Naturschutzverein Deutschlands, erklärt.

Das Raubtier mit seinen imposanten Zahnreihen ist gut von den ebenfalls hier liegenden Seehunden gut zu unterscheiden: nicht nur weil Robben größer werden und in der Regel dunkler gezeichnet sind, sondern auch durch ihr Verhalten. Während Kegelrobben wie ein nasser Sack im Sand liegen, krümmen Seehunde beim Liegen oft ihren Körper wie eine Banane, so dass Kopf und Schwanz sich in der Luft befinden.

Krummlegen mussten sich auch Expeditionsleiter Christian Kruse und die Crew der „Quest“: Ebenso wichtig wie Umweltschutz ist in diesen Zeiten das von den Behörden vorgegebene Hygienekonzept, das so umfangreich war, dass zahlreiche Überstunden anfielen. Bevor es am Hamburger Terminal Steinwerder an Bord geht, steht Fiebermessen sowie das Desinfizieren von Händen und Koffergriffen an. Die Passagierzahl wurde von maximal 56 auf 47 reduziert. An Bord herrscht in allen Innenräumen bis auf die eigene Kabine Maskenpflicht. Außerdem sollen die Passgiere auf Gängen, in Treppenhäusern sowie beim Einsteigen ins Zodiac einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einhalten.

Im Restaurant wurden extra Plexiglasscheiben eingebaut

Im Restaurant und auf den Zodiacs gibt es fest zugewiesene Plätze, so dass maximal vier bzw. im Zodiac, das normalerweise 12 Mitfahrer fasst, sechs Personen in einer Gruppe sind. Sobald man im Restaurant und in der Panorama-Lounge auf Deck 3 seine Plätze eingenommen hat, darf man die Masken ablegen. In allen öffentlichen Räumen hängen Desinfektionsspender, die Zahl der Tische in Restaurant und Lounge wurde reduziert, so dass Sicherheitsabstand gewährleistet ist.

Die Panoram-Lounge bietet einen 270-Grad-Blick auf das Meer

Die Bedienungen tragen immer Maske und Handschuhe, das Essen wird serviert, auch das Frühstück wird a la carte gereicht.  Im Restaurant wurden durchsichtige Plastik-Trennscheiben zwischen benachbarte Bankreihen gehängt und selbst die blauen Tischdecken ausgetauscht, weil sie nicht in die Kochwäsche können.

Nach der obligatorischen Sicherheitsübung startet die Hafenrundfahrt, die nur mit Ausnahmegenehmigung möglich ist. An den Docks von Bohm + Voss vorbei, in Richtung Landungsbrücken mit Michel, Cap San Diego und Rickmer Rickmers im Blick geht es zum eigentlichen Highlight: Vor der Elbphilharmonie wird ein längerer Fotostopp eingelegt, bevor das Schiff dreht und elbabwärts dem Sonnenuntergang und Helgoland entgegenfährt.

Küchenchef Jay bietet nicht nur beim Barbecue tolle Speisen

Dort hat am Abend, nach den langen Ausflügen auf Düne und Lummenfelsen, Küchenchef Jay eine Überraschung parat: es gibt bis zum Sonnenuntergang ein Barbecue an Deck mit allerlei Köstlichkeiten. Die kommen auch stets während Mittags- und Abendessen auf den Tisch: es stehen immer drei Hauptgerichte zur Wahl, besonders lecker sind die regionalen Spezialitäten wie Nordsee-Scholle, Sylter Labskaus oder Matjes, außerdem gibt es immer ein vegetarisches Gericht.

Friesenhaus in Keitum

Auf Sylt, wo die „Quest“ am nächsten Tag vor List auf Reede liegt, hat Sven Paulsen ein Heimspiel.  Die Fülle des Ausflugsprogramms erschlägt einen fast: Spaziergang zu den Wanderdünen, Exkursion zu den Austernbänken, Besuch der Lister Austernkompanie, Kutterfahrt zu den Seehunden, Meerestierbestimmungen, Fahrradtour nach Keitum, Kulturführung, Fahrt mit einem Oldtimer-Bus nach Hörnum, Muschelessen im Hafen, an Bord der „Quest“ entlang der malerischen Westküste oder abends mit der Adler-Fähre am Abend nach Amrum, wo das Expeditionsschiff auf Reede liegt.

Tour mit dem Oldtimer-Bus

Die Tour zur 25 Meter hohen, oberen Wanderdüne im Naturschutzgebiet Nord-Sylt darf nur von Guides vom Erlebniszentrum Naturgewalten und auch nur zehn Mal im Jahr durchgeführt werden. Die einzigen Wanderdünen Deutschlands, die nur über einen Schafstrampelpfad erreichbar sind, bekommen die Gäste der „Quest“ so exklusiv zu sehen. Bis zu 3,6 Meter pro Jahr, also etwa 1 cm am Tag, bewegt sich die Wanderdüne Richtung Meer. Etwas schneller geht es auf der gemütlichen Radtour zu. Das Lunchpaket für die Passagiere, die längs über die Insel radeln wollen, hat es nicht rechtzeitig bis zur Radstation geschafft. Das Problem löst Expeditionsleiter Christian schnell und elegant: Für jeden gibt es ein Fischbrötchen von Deutschlands bekanntestem Fisch-Großgastronom und ein Getränk. In Keitum mit seinen pittoresken Reetdachhäusern wartet ein Magirus-Bus, Baujahr 1950, und bringt die Radler nach Hörnum, wo am Hafen zur Stärkung drei Muschel-Variationen aufgetischt werden.

Exklusiv: Wanderung zur Wanderdüne

An Bord hält das Expeditionsteam Vorträge. Neben Christian Kruse sind Ornithologe Reinhard Vohwinkel und die Wattenmeer-Spezialistin Mandy Thieme an Bord. Der als „Meisterfänger“ bekannte Vohwinkel ist in Beringer-Kreisen ein internationaler Star und Deutschlands einziger professioneller Vogelfänger. Das Wattenmeer ist eine der letzten naturbelassenen Großlandschaften in Europa und eines der weltweit wichtigsten Gebiete für Zugvögel: Zehn Millionen machen jedes Jahr Station. Die ständige Nährstoffzufuhr macht Deutschlands letzter Wildnis nach dem Amazonas-Regenwald zum produktivsten Lebensraum der Erde: rund 5.000 Pflanzen- und Tierarten leben hier.

Muschelessen im Hörnumer Hafen

Mit dem Zodiac geht es auf die Hallig Langeness zur Salzwiesenwanderung und Hallig Hooge. Noch ist es auf der bekanntesten Hallig, die 90.000 Tagestouristen im Jahr empfängt, absolut idyllisch. Einer der vielen Vorteile dieser Expeditionsreise ist, dass man 2,5 Stunden vor Ankunft der ersten Fähre auf Hooge vollkommen in Ruhe Warften, Salzwiesen und Sehenswürdigkeiten wie Königspesel und Kirche anschauen kann.

Noch ist es ruhig und idyllisch auf Hooge

Die Halligleute nennen ihr Gotteshaus „Recyclingkirche”, denn Holz, Kirchenbänke und auch Taufbecken von St. Johannis wurden angeschwemmt und stammen aus bei der Großen Sturmflut 1634 untergegangenen Kirchen Nordfrieslands.

Die “Recycling”-Kirche von Hooge

Voller Eindrücke sitzen die Passagiere am letzten Abend bei Friesentorte in der Panorama-Lounge zusammen und lassen die Erlebnisse bei einer Foto-Show des Expeditionsteams Revue passieren.  Der 70-jährige Christoph Jähn aus Freiburg bringt die einhellige Meinung der Gäste auf den Punkt: „So ein vielfältiges Programm könnte man sich selber doch gar nicht zusammenstellen. Dinge wie die Wanderdüne auf Sylt bekommt man normalerweise ja gar nicht zu sehen. Was wir in dieser kurzen Zeit erlebt haben, war absolut traumhaft.“

Friesentorte zum Abschluss einer traumhaften Kreuzfahrt

Dabei hat Reeder Sven Paulsen sogar noch einen weiteren, viel größeren Traum: „Ich würde diese Reise gerne ausweiten und durch das gesamte Wattenmeer mit allen 25 Inseln und Halligen fahren, vom dänischen Fanø über die Nordfriesischen und Ostfriesischen Inseln bis ins niederländische Texel.“  Dazu müsste der Adler-Chef eines der eigenen Schiffe mit wenig Tiefgang zu einem Expeditionsschiff für 80 bis 100 Passagiere umbauen. Dann wären zwei siebentägige Touren denkbar, die auch miteinander kombiniert und von April bis Oktober abwechselnd in beide Richtungen gefahren werden könnten. Neben der einzigartigen Natur des Wattenmeeres und den touristischen Highlights der ausgesuchten Inseln und Halligen stünde dann auch die friesische Kultur und Sprache auf dem Programm.

Informationen und Buchung unter www.adler-expedition.de/

Den ganzen September über noch Terminefür die Expedition: 3. -7. / 7.-11./11.-15./15.19./19.-23./23.- 27./ 27.-1.10.

Die fünftägige Reise (vier Nächte) ab/bis Hamburg kostet ab 1.600 Euro pro Person inklusive Vollpension