Aktive Vulkane, Orcas und mächtige Bären – auf Expeditionskreuzfahrt von Kamtschatka nach Japan dominiert die Natur. Wo kaum ein Mensch seinen Fuß hinsetzt, kann man Tieren noch sehr nahe kommen und ungestört beobachten.

Es dampft, brodelt, zischt und pfeift, gewaltige Rauchwolken steigen auf, Asche und vereinzelte Gesteinsbröckchen regnen herab. Gebannt blicken die Passagiere in ihren Zodiac-Schlauchbooten aus sicherem Abstand auf das einzigartige Naturschauspiel. So nahe ist noch keiner von ihnen einem aktiven Vulkan gekommen.

Dem aktiven Vulkan ganz nah
Dem aktiven Vulkan ganz nah

Beim Abendessen auf der Superyacht L´Austral der französischen Reederei Ponant gibt es für die Passagiere kaum ein anderes Gesprächsthema. “Genau auf so ein Erlebnis haben wir gehofft als wir diese Kreuzfahrt gebucht haben”, sagt die 55-jährige Elisabeth aus Pforzheim. “Mein Mann und ich wollten schon immer mal eine ungewöhnliche Schifffahrt machen und an Land waren uns die Expeditionsurlaube, die uns interessiert haben, zu anstrengend. Das hier ist genau die richtige Mischung: einmalige Natur, viel zu sehen, aber dazu mit tollen Kabinen und hervorragendem Essen.” Expeditionskreuzfahrten gehören in einer Industrie, die Schiffe auch mit Eislaufbahnen, Glaskapseln an Kranarmen, Formel 1-Simulatoren oder Autoscootern ausstattet und den Fokus immer mehr auf Erlebniswelten an Bord ausrichtet, zu den letzten großen Abenteuern und Entdeckungstouren. Dieses Abenteuer und dahin zu reisen, wo kaum jemand bereits war, hat die meisten der knapp 200 Passagiere gelockt, die diese Seereise von Kamtschatka über die Kurilen nach Japan gebucht haben.

Nur mit dem Schiff erreichbar

Auf eigene Faust ist diese Tour nahezu unmöglich, man erhält für die als Naturpark geschützten Inseln keine Genehmigung und die südlichsten vier Eilande sind Sperrgebiet. Die Kurilen, eine etwa 1.200 Kilometer lange Kette von mehr als 30 Inseln, die sich von  Russlands Südosten bis vor die japanische Insel Hokkaido zieht, scheinen auch strategisch wertvoll zu sein. Mehrere Kriege zwischen Japan und Russland, darunter blutige Schlachten im Zweiten Weltkrieg, sowie das gegenwärtige Diplomatie-Problem bei dem es vor allem um Fischereirechte geht, zeugen davon. Nur mit großem bürokratischem Aufwand kann man als Ausländer von Petropawlowsk aus per Fähre die Insel Paramuschir mit der Hauptstadt Severo-Kurislk mit ihren rund 2.500 Einwohnern erreichen. Die Kurilen werden auch von Kreuzfahrt-Reedereien selten angefahren, die L ´Austral ist erst das zweite Schiff in zwei Jahren. Dabei kann man hier einen  besonders aktiven Teil des Pazifischen Feuerrings erleben, eines Vulkangürtels der im Halbbogen von Südamerika bis fast nach Neuseeland reicht. Rund 100 Vulkane gibt es auf den und um die Kurilen, mehr als 40 sind noch aktiv.

Die Reiseroute ist zwar sorgfältig geplant, denn ein kleines Expeditionsteam hat sich bereits im Vorjahr Anlandungsmöglichkeiten, Natur und andere Sehenswürdigkeiten genau angeschaut. Aber wer auf Expeditionskreuzfahrt geht, muss laut Kapitän Patrick Marchessau wissen, dass jederzeit eine Routenänderung erfolgen kann: „Wenn man eine Expeditionskreuzfahrt bucht, sollte einem klar sein, dass man nicht immer stur nach Fahrplan unterwegs sein kann. Alles hängt von den Wetterverhältnissen, dem Seegang oder in Arktis und Antarktis von den Eisbedingungen ab. Man kann nicht gegen die Natur arbeiten.“ So fallen auch auf dieser Kreuzfahrt drei geplante Ausflüge buchstäblich ins Wasser. Meterhohe Wellen überspülen die Marina, von der die Zodiacs starten, und machen das Einsteigen für die Passagiere zu gefährlich. Sicherheit steht für Crew und Expeditionsteam, das die Landausflüge, wegen der Möglichkeit auf Bären zu treffen, immer mit Gewehren antritt, an oberster Stelle.

Man kann jederzeit auf Bären wie die gewaltigen Kodiacs treffen
Man kann jederzeit auf Bären wie die gewaltigen Kodiacs treffen

Die vielfältige Tierwelt ganz nah

Und auch Kapitän Marchessau ändert die Route, die Ausläufer eines ein Taifuns, der über Japan zieht, bringen mehr als 50 Knoten Wind und acht Meter hohe Wellen. Die L´Austral dreht ab in eine geschützte Bucht. Trotzdem bewahrheitet sich abends eine alte Kreuzfahrtregel: Je höher der Seegang, desto niedriger die Zahl der Gäste beim Essen. Die aufgrund der Witterungsbedingungen vorgenommene Routenänderung erweist sich aber als Volltreffer. In der alternativ ausgewählten Bucht bekommen die Passagiere mächtige Braunbären zu sehen und am nächsten Tag wird die L ´Austral von einer Herde Orcas begleitet.

Eine Orca-Familie begleitet das Schiff
Eine Orca-Familie begleitet das Schiff

 

Neben Vulkanen ist es vor allem die vielfältige Tierwelt, welche die Passagiere begeistert.  Belugas, Grau-, Mink-  und Buckelwale, Seelöwen-, Walross-  und Robbenkolonien, Seeotter, Silberfüchse sowie Reiher- und Kormoranschwärme sind gut zu beobachten. Das achtköpfige Expeditionsteam, bestehend aus Walexperten, Ornithologen, Geologen, Klimakundler, Meeresbiologen und zwei einheimischen Scouts unter Leitung des bekanntesten französischen Polarforschers Nicholas Dubreuil, bereitet die Passagiere am Vortag auf die anstehenden Landgänge vor, erklärt und zeigt Sehenswürdiges während der Touren, bereitet das Gesehene anschließend noch einmal auf und steht auch sonst für Fragen zur Verfügung. Ein deutscher Naturkundler ist mit an Bord und kümmert sich um die deutschsprachigen Gäste.

Ob Robben im Wasser oder
Ob Robben im Wasser oder
den großen Seelöwenbullen an Land: Tiere bekommt man überall zu Gesicht
den großen Seelöwenbullen an Land: Tiere bekommt man überall zu Gesicht

“Offene Brücke” und tolles Design 

Eine gewisse Fitness ist auf Expeditionskreuzfahrten, bei denen man meistens nicht in Häfen anlegt, sondern mit Zodiacs an den Strand gefahren wird, unerlässlich. Für Rollstuhlfahrer und stark eingeschränkte Passagiere sind diese sogenannte Wet Landings, bei denen man manchmal knietief im Meer stehen muss, nicht geeignet. Man muss nicht sportlich sein, aber Ponant verlangt ein medizinisches Tauglichkeitszeugnis. Dies bekommt in der Regel aber jeder, der nicht erkrankt ist oder keine schweren chronischen Leiden hat. Auch richtige Kleidung ist unentbehrlich, vor der Reise haben alle Gäste eine Checkliste erhalten. Wichtigste Utensilien: kniehohe Gummistiefel sowie wasser- und winddichte Hosen. An Bord bekommt jeder Teilnehmer von der Reederei dann noch einen roten, arktistauglichen Parka geschenkt.

Die L ´Austral ist für Expeditionskreuzfahrten gebaut
Die L ´Austral ist für Expeditionskreuzfahrten gebaut

Einmalig ist das „Open Bridge-Konzept“ der Reederei Ponant, die sich auf Yacht- und Expeditionsreisen spezialisiert hat und in diesem Segment Marktführer in Arktis und Antarktis ist: Passagiere sind jederzeit auf der Brücke willkommen, bei  US-Reedereien absolut undenkbar. Die vier baugleichen Superyachten Le Boreal, L ´Austral, Le Soleal und Le Lyrial gehören zu den besten ihrer Klasse. Elegant designt von außen und innen, mit sehr durchdachten Details wie drei verschiedenen Steckdosenvarianten in den Kabinen, so dass man keinen Adapter benötigt,  oder dass Bad und Toilette getrennt sind.

Unberührte Natur auf der Kurilen-Insel Onekotan
Unberührte Natur auf der Kurilen-Insel Onekotan

Fast mystisch mutet die Insel Onekotan an, mit ihren bizarren Felsformationen, den grünen Hänge und mit einem Kratersee in der Mitte, der über eine verborgene Zufahrt vom Meer aus mit Zodiacs angesteuert wird. Auf der unbewohnten Insel können die Passagiere in heißen Quellen baden und kommen in freier Natur den Tieren so nahe wie sonst kaum irgendwo. Einem Polarfuchs, der sich zum Schlafen zusammengerollt hat, kann man sich bis auf zwei Meter nähern; das Tier hat keine Angst, weil es den Menschen nicht gewohnt ist und nicht als Bedrohung wahrnimmt.

Ein Polarfuchs lässt sich nicht von den Menschen stören
Ein Polarfuchs lässt sich nicht von den Menschen stören

Absolutes Highlight der Reise ist für nahezu alle Passagiere aber der live miterlebte Vulkanausbruch. Der Schlot auf der Insel Tchirpoy ist seit Monaten damit beschäftigt mit  Lava und Gesteinsmassen neues Land zu schaffen. Expeditionsleiter Dubreuil, der vergangenes Jahr die Reiseroute ausgekundschaftet und sich auf virtuellen Karten markiert hat, schaut bei der Zusammenfassung des Tages für die Passagiere auf Google Earth nach: rund 40 Meter ist Tchirpoy seitdem in das Meer hineingewachsen.