Tolles Panorama: Die Saarschleife

Nach einem halben Jahrhundert kehrte die Flusskreuzfahrt  nach Stuttgart zurück. Am Cannstatter Wasen legt die MS Casanova ab, zu einer siebentägigen Reise über Neckar, Rhein, Mosel und Saar.

Wenn Flusskreuzfahrten bereits im 18. Jahrhundert so populär gewesen wären wie heute, hätte Giacomo Casanova mit seiner aktuellen Herzdame wohl diese Reise gewählt. Denn der venezianische Abenteurer war zeitlebens der Schönheit verfallen und die Vier-Flüsse-Fahrt von Stuttgart nach Saarbrücken ist wahrscheinlich die schönste Flussreise in Deutschland überhaupt. Umso erstaunlicher, dass diese Strecke erst seit Juni 2010 wieder angeboten wird – nach knapp fünfzig Jahren Pause.

Es fehlte ein geeignetes Schiff

Am 18. Juni 1960 brach die “MS Schwabenland” zur Jungfernfahrt auf,  alle zwei Wochen über Neckar und Rhein bis nach Rotterdam. Die Fahrt zur Nordsee wurde in den einheimische Gazetten bejubelt, vom “Anschluss an den internationalen Schiffsverkehr” war die Rede. Doch die Freude dauerte nicht lange, die Gäste kamen nicht so zahlreich wie erhofft, die Fahrten wurden eingestellt und das Schiff 1963 an eine Schweizer Reederei verkauft. Seitdem ist der Neckar von Reedereien gemieden worden, zu kurvig, viele Schleusen und nicht rentabel genug.  Lange fehlten auch das passende Schiff bis die MS Casanova kam: einst auf Rhein, Donau und Po eingesetzt und mit 103 Meter Länge, 9,70 Meter Breite und Platz für 96 Passagiere klein genug, um die Schleusen zu passieren, aber auch groß genug, um rentabel Kreuzfahrten anbieten zu können.

MS CASANOVA
MS CASANOVA
 

Lange fehlte auch das passende Schiff bis die MS Casanova kam: einst auf Rhein, Donau und Po eingesetzt und mit 103 Meter Länge, 9,70 Meter Breite und Platz für 96 Passagiere klein genug, um die Schleusen zu passieren, aber auch groß genug, um rentabel Kreuzfahrten anbieten zu können.

 

Eine der schönsten Barocksehenswürdigkeiten

Die Route führt nach dem Einsteigen in Stuttgart am Anleger Cannstadt durch die Kurven des mäandernden Neckars nach Ludwigsburg-Hoheneck, wo das Schiff über Nacht liegen bleibt. Der Ausflug am nächsten Vormittag geht zum Schloss, das mit seinen wundervollen Parkanlagen zu den schönsten Barocksehenswürdigkeiten  gehört und dem opulenten Lebensstil der  Monarchen Württembergs einen würdigen Rahmen gab. 1798 von Herzog Friedrich II. zur Sommerresidenz erkoren, wurde Schloss Ludwigsburg 1805 nach der Ernennung des Herzogs durch Napoleon I. zum König von Württemberg noch einmal mit viel Marmor ausgebaut. Die fantastische Landschaft der blühenden Schlossgärten kann sich mit dem Vorbild in Versailles messen lassen.

Schloss Ludwigsburg
Kurfürstliches Palais in Trier

 

Bei Brücken: Kopf einziehen!

Am Nachmittag nimmt die MS Casanova Kurs auf Lauffen, fünf Schleusen warten auf nur knapp 40 Flusskilometern. Insgesamt müssen auf dem Neckar sogar zweiundzwanzig der Pegelausgleichkammern überwunden und noch mehr Brücken unterfahren werden. Beides gerät in den ersten Tagen zur Publikumsattraktion – sowohl an Bord als auch an Land. Radfahrer halten an, Angler und Spaziergänger schauen zum Schiff hinüber, das langsam in den Tiefen der Schleusenkammern versinkt. Von der Reling aus verfolgen Passagiere die Manöver von Kapitän Jaroslaw Drozdik, die triefenden Betonwände sind zum Greifen nah. Kaum aus der Schleuse raus, heißt es auf dem Sonnendeck schon “Kopf einziehen”, die nächste Brücke folgt. Die Überführungen sind auf dem Neckar erstaunlich niedrig, zumindest für das 4,70 Meter über dem Wasser aufragende Kreuzfahrtschiff. Auch andere Extreme reihen sich auf dem Fluss aneinander, auf die pittoresken Hessigheimer Felsengärten folgt das Atomkraftwerk Neckarwestheim, danach wieder Postkartenromantik – Anlegen im Weinstädtchen Lauffen. Der Neckar besticht durch ein herrliches Landschaftspanorama mit weiten Weinbergen und Obstwiesen, auf fast jedem Berg thront eine kleine Burg oder eine Ruine, in den Städten wird malerische Architektur geboten. Bad Wimpfen, der nächste Stopp, besticht durch seine denkmalgeschützte Altstadt mit mittelalterlichem Flair, Heilbronn verfügt mit der Kilianskirche über eines der bedeutendsten Renaissance-Bauwerke Deutschlands, Hirschhorn, das sich zurecht mit dem Titel “Perle des Neckartals” schmückt, liegt an einer Doppelschleife des Flusses im Naturpark Bergstraße-Odenwald. Früh am nächsten Morgen folgt der Neckardurchbruch durch den Odenwald mit seinem Juragestein, kurz danach Heidelberg, Ikone der Romantik mit der weltberühmten Altstadt, Schloss und Universität.

An den zahlreichen Brücken auf dem Neckar wird es eng: hier heißt es Kopf einziehen!
An den zahlreichen Brücken auf dem Neckar wird es eng: hier heißt es Kopf einziehen!

 

Zwei Mal pro Tag vier Gänge

Die Fülle der Sehenswürdigkeiten und Eindrücke ist nur zu bewältigen, weil sich das Leben an Bord entschleunigt, man genießt den Ausblick vom Sonnendeck oder den französischen Balkons der bis zu 16 m² großen Kabinen. Langsamer reisen geht kaum, selbst Radler überholen das Schiff. Von den Terrassen zahlreicher Ausflugslokale winken Besucher herüber, das Kreuzfahrtschiff ist hier noch selbst eine Attraktion. Kurz nach Heidelberg nimmt die MS Casanova Abschied vom Neckar und erreicht bei Mannheim den Rhein. Mainz heißt das Ziel dieses Abends, das Schiff legt gleich beim ehemaligen kurfürstlichen Schloss an. Die Mehrheit der Passagiere macht es sich auf dem Schiff gemütlich. Nach dem Abendessen, das – wie fast alle Speisen der zweimal vier Gänge am Tag –  überwiegend aus regionalen Köstlichkeiten wie z. B. Badischem Ochsenfleisch, Kalbsbäckchen oder Steinpilz-Maultäschle besteht, trifft man sich im Panoramasalon zu Bingo- und Quizveranstaltungen oder hört Bordmusiker Iwan zu, der am Keyboard zum Tanz aufspielt.

Gemütlichkeit im Panoramasalon
Gemütlichkeit im Panoramasalon

 

Augenweide Romantischer Rhein

Bekannte Weinorte liegen am Ufer der folgenden Passage am sogenannten “Romantischen Rhein”. Eltville, Rüdesheim, das Niederwalddenkmal und Burgen wie Reichenstein, Hohneck und Gutenfels werden passiert bevor bei St. Goar der Loreley-Felsen auftaucht –  die gesamte Strecke ist ein einziger optischer Höhepunkt. Am Nachmittag wird zu einem Stadtrundgang in Koblenz angehalten, das mit seiner mehr als 2000-jährigen Geschichte zu den ältesten Städten Deutschlands gehört. Beim Deutschen Eck mit dem Reiterstandbild Wilhelm I., 2011 einer der Kernbereiche der Bundesgartenschau, wird der Rhein verlassen. Moselaufwärts geht es bis zur nächtlichen Pause in Treis-Karden, danach entlang lieblicher Weinberge über Traben-Trarbach nach Bernkastel, wo das Schiff am nächsten Nachmittag eintrifft und bis zum nächsten Morgen bleibt. Zum Glück, denn so bleibt genügend Zeit für eine ausführliche Weinprobe auf dem mittelalterlichen Marktplatz mit den vielen gut erhaltenen Fachwerkhäusern.

Fachwerkromantik
Fachwerkromantik

 

In der ältesten Stadt Deutschlands

Noch vor Beendigung des etwas späteren Frühstücks erreicht die MS Casanova Trier. Die älteste Stadt Deutschlands wurde 16 v. Chr. von den Römern unter dem Namen Augusta Treverorum gegründet und ist bereits seit dem dritten Jahrhundert Bischofssitz. Beides prägt Trier bis heute: die gut erhaltenen Bauten aus  römischer Zeit, darunter das Stadtwahrzeichen Porta Nigra, Konstantinbasilika,  Römerbrücke, Amphitheater und Thermen sowie Dom und Liebfrauenkirche wurden 1986 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

Porta Nigra
Porta Nigra

 

Romantischer Umweg

Kurz hinter Trier verlässt das Schiff die Mosel und biegt bei Konz auf die Saar ab, nur noch 91 Kilometer flussaufwärts bis Saarbrücken. Bis dahin prägen die Weinberge entlang der Saar-Riesling-Straße beide Ufer und natürlich die bekannteste Sehenswürdigkeit dieses Reiseabschnitts, die große Saarschleife. Das Durchbruchstal der Saar beginnt kurz hinter dem Merzinger Stadtteil Besseringen und endet in Mettlach, die Luftlinie beträgt nur gut zwei Kilometer. Doch die Saar macht romantische Umwege, zehn Kilometer geht es entlang steil zerklüfteter Felswände, kleiner Schluchten und dicht bewaldeter, geschwungener Hügel. Vom Wasser aus kann man den bewaldeten Bergrücken innerhalb der Saarschleife, den Burgberg mit der Ruine Montclair, besonders gut betrachten.

Tolles Panorama: Die Saarschleife
Tolles Panorama: Die Saarschleife

Viel zu schnell taucht nur zwei Stunden später bereits Saarbrücken am Horizont auf, das Endziel der Vier-Flüsse-Fahrt. Die Mitreisenden lassen zum Schluss die vergangene Woche Revue passieren, noch einmal wird von der Schönheit der durchfahrenen Gebiete geschwärmt, tauchen die besten Panoramen und die eindrucksvollsten Bauwerke vor dem geistigen Auge auf. Die Vielzahl der landschaftlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten rechtfertigt die Einschätzung von Vielreisenden und Kennern, dass diese Strecke wohl die schönste Flusskreuzfahrt in Deutschland ist.