Das Marinetrainigscentrum MTC in Hamburg

Eine Übungseinheit im modernsten Schifffahrtssimulator Europas zeigt, dass ein Fehler beim Manövrieren nicht sofort, sondern erst zehn Minuten später fatale Folgen haben kann. Und man kann diese selbst meist dann nicht verhindern, wenn man in der Zwischenzeit versucht, den fehler zu korrigieren.

Es stürmt heftig, der Wind heult um die Brücke, durch die Gischt der aufgepeitschten See und den wolkenbruchartigen Regen ist in der Dämmerung kaum Sicht, und es prasselt ununterbrochen auf das Dach während das Schiff durch zehn Meter hohe Wellen schaukelt. Die Männer auf der Brücke des kräftig rollenden Kreuzfahrers suchen nach Halt, den knapp 200 Meter langen Luxusliner auf Kurs zu halten ist schwierig, zumal wir uns in einer engen Fahrrinne kurz vor  der Einfahrt in einen Kanal befinden. Die Ansteuerungstonnen sind kaum zu erkennen, das Schiff kommt den roten Markierungstonnen gefährlich nahe, und ausgerechnet jetzt taucht vor uns aus dem Nebel auch noch ein riesiger Frachter auf. Es heißt schnell, aber auch nicht zu überhastet zu handeln, denn Schiffe reagieren träge. Eine falsche Entscheidung hat oftmals erst zehn Minuten später Auswirkungen, ist aber auch meist nicht mehr zu korrigieren. Genau das ist jetzt der Fall, ich habe das Ruder viel zu hart nach Steuerbord eingeschlagen, wir befinden uns auf Kollisionskurs und selbst Notmanöver würden nicht weiterhelfen, der Zusammenstoß mit dem Frachtgiganten ist nicht mehr zu verhindern.

MTC: Modernstes Trainingszentrum in Europa

Zum Glück befinden wir uns nicht auf hoher See, sondern in einem unscheinbaren Flachbau in der Nähe des HSV-Stadions. Und was im Ernstfall eine Havarie oder gar einen Untergang nach sich ziehen würde, sorgt nur für ein breites Grinsen bei Andreas Hartmann, einem der Ausbilder des Marine Training Center (MTC): „Keine Sorge, das passiert hier öfter.“ Auf 2.600m² ist knapp fünf Kilometer von der Elbe entfernt das modernste Schulungs- und Weiterbildungszentrum in Europa entstanden. Rund 4.000 Nautiker und Schiffsingenieure bekommen im ersten Jahr von acht Festangestellten  und Honorarkräften am MTC den Umgang mit neuester Technik beigebracht.

Die originalgetreue Brücke mit 360 Grad Bildschirm
Die originalgetreue Brücke des MTC mit 360 Grad Bildschirm

Die Ausbildung erfolgt an Brücken- und Maschinensimulatoren, dazu gibt es eine Schulungswerkstatt, in der die Maschinenwartung geübt wird. Das Herzstück ist der zwei Millionen Euro teure 360-Grad Schiffführungssimulator, dessen zwölf Projektoren Bilder von zehn Seegebieten wie z. B. Deutsche Bucht, Ärmelkanal oder der Bucht von Yokohama und von Häfen wie Hamburg, Rotterdam, Singapur oder Shanghai erzeugen.  Die Computeranimationen basieren auf realen Filmen und Fotos, die im virtuellen Sicht- und Datenmodell bis ins Detail umgesetzt sind, Küstenlinien und Seezeichen werden in Echtzeit dargestellt. Es ist kaum zu glauben, wie real sich die Einfahrt am Blankeneser Hügel vorbei in den Hamburger Hafen anfühlt. Selbst die Geräusche sind authentisch, das Möwengekreische mischt sich mit dem Stampfen der Maschinen, und man spürt die Vibrationen, die mit riesigen Basslautsprechern unter dem Boden der Brücke erzeugt werden. Alle Umweltbedingungen wie Wind, Strömungen, gleißendes Sonnenlicht, Regen, Nebel und sogar Hagel oder Schneetreiben können ebenso simuliert werden wie Dämmerungs- und Nachtfahrten. Dazu kommen Manövereffekte, die durch Sandbänke, Flachwasser und die Begegnung von zwei Schiffen hervorgerufen werden: Abstoßung, Ansaugen, Bugwellen sowie aufgewühltes Fahrwasser. Und ein bewegter elektrischer Horizont täuscht das menschliche Gefühl durch Gieren, Stampfen und Rollen eines Schiffes bei Orkan oder Hurrikan so perfekt, dass selbst erfahrene Seebären in dieser Anlage seekrank geworden sind.

Originalgetreue Kommandobrücke

Auch die Ausstattung lässt schnell vergessen, dass es sich um einen Simulator handelt, denn die Kommandobrücke ist originalgetreu wie die eines modernen Großschiffes eingerichtet. Steuerstand, Manöverkonsole, Hightech-Radar sind ebenso vorhanden wie alle Navigationseinrichtungen mit Kartentisch, Kommunikationseinrichtungen und die elektronische Bedienung des Maschinenraumes. Insgesamt 60 Schiffe können derzeit dargestellt werden, neben Container-Schiffen mit einer Größe  von 1.100 bis 13.500 TEU, Großtanker mit bis zu 208.000 BRT sowie Kreuzfahrtschiffe mit einer Länge von bis zu 281 Meter. Zu dem einzigen Simulator mit Rundum-Sicht in Europa, der sich in einem kreisrunden Raum mit 14 Metern Durchmesser befindet, können noch drei kleine Kommandobrücken mit jeweils 120- Grad-Sicht zugeschaltet werden. So sind bis zu sechs eigene Schiffe gleichzeitig manövrierbar, und man muss bis zu 20 fremde Schiffe und deren Tun im Auge behalten.

Wetter- und Wellenbedingungen können im MTC per Mausclick verändert
Wetter- und Wellenbedingungen können im MTC per Mausclick verändert werden

Mit den Simulatoren werden Brücken- und Maschinenbetrieb, Sicherheitsabläufe und die Behandlung flüssiger Ladung geprobt, alle Prozesse der verschiedenen Tankertypen bis hin zum Be- und Entladen. Fünf verschiedene Maschinen stehen zur Verfügung,  vom 4.000 kW-Aggregat eines Feeders bis hin zum 42.100 kW-Antrieb eines 5.100 TEU-Frachters. Selbst ein Pod-Antrieb wird simuliert, der 3-Tages-Kurs wird vom Werftkapitän der Papenburger Meyer-Werft geleitet, der ansonsten für die Ems-Überführung riesiger Kreuzfahrtschiffe verantwortlich ist.

Rund 1.500 Parameter wurden für den Simulator angelegt

Das MTC ist trotz der mehr als 3.400 von deutschen Reedern betriebenen Schiffe nicht auf Deutschland allein fokussiert, es kommen vor allem viele Osteuropäer zur Weiterbildung nach Hamburg, hauptsächlich Ingenieure. Unterrichtssprache ist Englisch, nur die Lotsenkurse werden auf Deutsch abgehalten. Die Lotsenbrüderschaften Hamburg, Elbe und Nord-Ostsee-Kanal mit ihren 470 Mitgliedern gehören zu den Unterstützern der Anlage seit dem heutigen Geschäftsführer Heinz Kuhlmann im Jahr 2006 die Idee dazu kam. Im Dezember 2007 wurde die Firma gegründet und insgesamt 6,5 Millionen Euro von Privatinvestoren eingesammelt. Neben den Lotsenbrüderschaften gehören Reedereien, Schiffpersonaldienstleister, Motorenhersteller und der Germanische Lloyd zu den zwölf Gesellschaftern; auch die Hansestadt Hamburg beteiligte sich mit 900.000 Euro. Bau und Einrichtung des 360-Grad-Simulators dauerten fünfzehn Monate, rund 1.500 Parameter mussten für Schiffstypen und Seegebiete angelegt werden, so dass die Anlage im Frühjahr 2009 eröffnet werden konnte.

Ganz schön schwierig, alles im Blick zu behalten und auch noch richtig zu reagieren
Ganz schön schwierig, alles im Blick zu behalten und auch noch richtig zu reagieren

Obwohl es im Interesse der Reedereien liegt durch die Kurse die Qualifikation ihrer Offiziere und Ingenieure zu erhöhen und so auch die Kapitänsausbildung zu verkürzen und obwohl ein Teil der Kurse sogar Pflicht für Berufsseeleute sind, bekam auch das MTC durch weniger Anmeldungen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu spüren. Wieder einmal halfen die Lotsen weiter, allein 70 Prozent der Gesamtauslastung wurden mit Kursen für die maritimen Pfadfinder abgedeckt. Neben der Aspirantenausbildung und Upgrades auf höhere Schiffsklassen und –längen ragte dabei die Vorbereitung auf den Erstanlauf des Frachtgiganten „Marit Maersk“ heraus, mit knapp 370 Metern das bislang längste Containerschiff, das Hamburg jemals ansteuerte. Das Training sorgte für einen perfekten Ablauf beim wirklichen Besuch des Schiffsriesen, trotz des starken Nebels an diesem Tag.

Workshops für Manager und Kurse für Laien

Das Training für die neue Gigantenklasse wird die Zukunft des MTC prägen, 170 dieser Riesen sind derzeit im Bau.  Am MTC wird aber nicht nur der Umgang mit Schiffen trainiert, auch für den Bau neuer Hafenbecken können wertvolle Informationen gegeben werden. So wurden die geplanten Baumaßnahmen für den Mittleren Freihafen in Hamburg und die sich daraus ergebenden Bedingungen für Frachtschiffe simuliert. Nach der Testreihe stand fest: das Wendebecken muss größer werden als ursprünglich geplant, damit auch die neuen Großschiffe bei ungünstigen Witterungsbedingungen sicher anlegen können. Außerdem bietet das MTC Workshops für Manager an, die im Simulator Stresstests unterzogen werden, begleitet von einem Psychologen, der die Interaktion der Gruppe, die Teamfähigkeit des Einzelnen und Konfliktlösungen analysiert. Auch wer privat schon immer mal ein Kreuzfahrtschiff oder einen Containerriesen steuern wollte, kann dies tun. Am Wochenende werden Laienkurse angeboten, ab knapp 400 Euro am Tag.

Weitere Informationen unter http://mtc.hamburg/