Slow Cruising mit der Costa neoRiviera

Eins, zwei, drei im Sauseschritt eilt die Zeit – wir eilen mit. Wenn Wilhelm Busch gewusst hätte, wie uns die Zeit heute in unserer schnelllebigen Welt davonrast, hätte er wohl noch drastischere Worte gefunden. Kein Wunder, dass einige Menschen zumindest im Urlaub auf die Bremse treten und einen Gang zurückschalten. Das hat vor einiger Zeit auch Costa Kreuzfahrten getan – mit Slow Cruising. Anstatt immer mehr Häfen mit immer kürzeren Liegezeiten ins Programm zu packen, entschloss sich die Reederei, genau das Gegenteil anzubieten. Inzwischen gibt es drei Schiffe der „neo“-Collection, die in einem etwas gemächlicheren Tempo auf den Weltmeeren unterwegs sind und auch über Nacht in interessanten Häfen bleiben: die „neoRomantica“, die „neoClassica“ und die „neoRiviera“. Ich wollte selbst ausprobieren, wie Slow Cruising sich anfühlt und ging in Dubai an Bord der „Costa neoRiviera“.

Sie ist das kleinste Schiff der Costa-Flotte und unterscheidet sich auch im Design ganz erheblich von ihren 14 Schwestern. Anstatt auf bunte Farben und Glitzer setzt die Inneneinrichtung eher auf den klassischen Geschmack. Und punktet damit vor allem bei den Nordeuropäern, die auf dieser Reise in großer Zahl vertreten sind. Schon traditionell bilden die Italiener mit 201 Gästen die größte Gruppe, gefolgt von den Deutschen. Insgesamt sind diesmal rund 750 Urlauber aus 27 Nationen dabei. Trotzdem werden wir nicht durch ständige Bordansagen in mehreren Sprachen zugedröhnt. Nur das Allerwichtigste wird über Lautsprecher kundgetan, um die Gäste nicht zu stören.

Zu den wichtigen Ansagen gehört am Abend des ersten Seetages die Nachricht von Kapitän Andrea Bardi. Auf unserer Route nach Bahrain erwarte uns ganz schlechtes Wetter, deswegen werde er die Route ändern und nach Abu Dhabi fahren, sagt der Käpt’n. Alle essen entspannt weiter. Nach Abu Dhabi wollten wir sowieso. Kein Grund zur Aufregung.

Ein wenig erwischt uns das Unwetter später trotzdem. Weit nach Mitternacht tauchen die Blitze senkrecht neben dem Schiff ins Meer ein. Der Donner grollt im gleichen Moment. Regen peitscht gegen die Fensterscheiben. Das Schiff tanzt auf den Wellen. Irgendwie hatte ich mir den Persischen Golf anders vorgestellt. So wie am nächsten Morgen, als die „neoRiviera“ unter einem unschuldig blauen Himmel auf glatter See in den Hafen von Abu Dhabi einfährt.

Ein Blick in die Zukunft

Am Counter der Landausflüge herrscht Gedränge. Quasi über Nacht mussten die Crewmitglieder versuchen, alle Touren auf den neuen Termin zu organisieren. Was ihnen zum Glück hervorragend gelungen ist, denn in Abu Dhabi gibt es viel zu sehen. Wir bleiben zwei Tage in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate und können uns ihre Höhepunkte ansehen, ohne zu hetzen. Schon vom Kreuzfahrthafen aus lässt sich ein Blick in Abu Dhabis Zukunft werfen. Mehrere Kräne ragen vor einer von Mangroven umgebenen Wüste empor. Saadiyat, Insel des Glücks, heißt dieser Ort. Bis 2018 sollen dort 29 Hotels mit über 7000 Zimmern, 8000 Villen und 38.000 Apartments entstehen. Künftige Urlauber aalen sich nicht nur in der Sonne, sondern stoßen auf geballte Kultur im Wüstensand. Stein auf Stein entstehen ein gigantisches Guggenheim Museum, eine Kopie des Pariser Louvre, ein Performing Arts Center mit Konzert- und Theatersälen sowie ein Nationalmuseum.

Noch aber gilt die Scheich-Zayid-Moschee als Attraktion Nr. 1 in Abu Dhabi. 40.000 Gläubige könnten zugleich in diesem Gotteshaus beten, das satte 545 Millionen US-Dollar gekostet haben soll. Wir betreten die strahlend weiße Moschee in Socken, laufen über den größten handgeknüpften Teppich der Welt und staunen über gewaltige Kronleuchter, an denen Tausende von bunten Swarovski-Kristallen funkeln. Von der Großen Moschee geht’s zurück ins Zentrum mit seinen futuristischen Wolkenkratzern, den riesigen Shoppingmalls. Einige fahren noch in den Ferrari Themenpark und klemmen sich hinters Steuer eines Rennwagens. Andere kurven im Jeep durch die Wüste und lassen sich mit Kamelen fotografieren. Langweilig wird es in Abu Dhabi auf jeden Fall nicht.

Paradies für Kaffee-Liebhaber

Neue Kräfte für den nächsten Sightseeing-Trip tanken die meisten Gäste auf der „neoRiviera“. Mein Lieblingsplatz dafür ist das Café Eze auf Deck 6. Hier herrscht immer eine relaxte Atmosphäre. Es duftet nach frisch gemahlenen Bohnen, und an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 50er-Jahren. Vor Dienstbeginn kommen die Crewmitglieder vorbei, um auf die Schnelle einen Espresso an der Theke zu trinken. Eben genau wie in einer Kaffeebar in Italien. „So viele Kaffesorten wie hier gibt es nur auf den Schiffen der neo-Collection“, strahlt Guest Relation Manager Matteo, der mir gleich empfiehlt, alle mal auszuprobieren. Am Preis würde es nicht liegen: Einen Espresso gibt es schon für 1,50 Euro, einen Cappuccino für 2,55 Euro. Und dann stehen da so verführerisch klingende Varianten wie „Rimini“ (= Meringue, Haselnuss, Espresso und Haselnuss-Topping für 3,50 Euro) auf der Karte. Aber bei der langen Liste an Kaffee-Spezialitäten müsste ich die Kreuzfahrt wohl verlängern, um diese Koffein-Herausforderung anzunehmen.

Ein Paradies für Kaffee-Liebhaber: Café Eze auf Deck 6.
Ein Paradies für Kaffee-Liebhaber: Café Eze auf Deck 6.


Matteo lädt mich zu einem Besuch in der Küche ein, und dort lerne ich Gennaro Chiatto kennen. Er ist Executive Chef, also Küchenchef, auf der „neoRiviera“. Jetzt am Nachmittag ist noch alles ruhig in seinem Reich. „Aber zur Abendessenzeit ist hier der Teufel los“, lacht Matteo. Obwohl Gennaro erst Mitte Dreißig ist, hat er schon in zahlreichen Ländern gekocht und eine beeindruckende Karriere hingelegt. Heute Abend werden Oktopus-Salat, Auberginen-Caponata, als Mittelgerichte verschiedene Pasta, als Hauptgerichte Calamari, Rumpsteak und Couscous sowie verschiedene Desserts serviert. „Wir bereiten alles frisch zu und kochen à la minute“, sagt Gennaro und beginnt nun doch, von einem Fuß auf den anderen zu trippeln. Zum Herumstehen und Quatschen hat er wirklich keine Zeit. Kochen ist sein Ding, und darin ist er wahrlich ein Meister. So freue ich mich jeden Abend aufs Neue auf ein vorzügliches Dinner, zu dem die passenden Weine eingeschenkt werden. Zur Auswahl stehen vor allem Gerichte der italienischen Küche, aber auch die typischen Speisen der Region, in der man sich gerade befindet. Im Restaurant Cetara sind viele Tische für zwei Personen eingedeckt, und fürs Essen darf man sich Zeit nehmen. Auch das gehört zur Slow Cruise.

Restaurant Cetara: Zur Auswahl stehen vor allem Gerichte der italienischen Küche, aber auch die typischen Speisen der Region.
Restaurant Cetara: Zur Auswahl stehen vor allem Gerichte der italienischen Küche, aber auch die typischen Speisen der Region.


Dinner mit Scheich und Haremsdame

Von Abu Dhabi aus nehmen wir Kurs auf Khor Fakkan am Golf von Oman. Viele Passagiere vertreiben sich die Zeit hier auf eigene Faust, doch im Vergleich zu Abu Dhabi gibt es nicht besonders viel zu sehen. Eine gute Gelegenheit also, die Annehmlichkeiten des Schiffes auszukosten. Während es in Deutschland schneit, zeigt das Thermometer an Bord milde 24 Grad. Kein Wunder, dass die Liegestühle am Nachmittag gut frequentiert sind…

Entspannung pur: Milde 24 Grad und ausreichend Liegestühle.
Entspannung pur: Milde 24 Grad und ausreichend Liegestühle.


Zwar stehen auch einige Gäste aus arabischen Ländern auf der Gästeliste, doch an diesem Abend scheinen sie sich auf mysteriöse Weise vermehrt zu haben. Ein Blick ins Bordprogramm klärt auf: Heute ist „Harem Night“ angesagt, und der Kleidungsvorschlag ist arabisch. Etliche Passagiere haben sich tatsächlich in den Shops von Khor Fakkan eingedeckt und erscheinen als Scheich oder Haremsdame beim Dinner. Einen wirklich stattlichen Scheich gibt auch unser Kreuzfahrtdirektor Eugenio ab. Er versprüht immer und überall gute Laune und liebt das neue Slow Cruising von Costa. „Alle sind doch viel relaxter als auf den anderen Kreuzfahrtschiffen – die Passagiere, aber auch die Crew“, findet er. Eugenio möchte wissen, wie mir die Atmosphäre auf der „neoRiviera“ gefällt.„Mir kommt es vor wie ein Stück Italien im Morgenland“, sage ich. „An Land erklingt der Ruf des Muezzins, an Bord ertönt Andrea Bocellis ‚Amore‘. Wir fahren durch den Persischen Golf, die Stewards begrüßen einen mit ‚Buongiorno!‘ und servieren mittags eine Pizza mit so knusprig dünnem Boden, wie man sie aus Italien kennt. Das ist schon eine ziemlich coole Mischung.“ Eugenio grinst: „Grazie! Oder sollte ich besser sagen: Shukran?“

Bootstour zu den Omani Fjorden

Eine Überraschung erwartet uns am nächsten Tag: Khasab. Dieser Hafen stand eigentlich gar nicht auf unserer Reiseroute. Er wurde kurzerhand gegen Bahrain ausgetauscht, das wir wegen des Unwetters nicht anlaufen konnten. „Khasab ist viel schöner. Mach’ die Bootstour zu den Omani Fjorden mit“, empfiehlt mir Matteo. Ein super Tipp. In einem offenen Holzboot verlassen wir den Hafen, der laut unserem Führer Khaled ein echter Schmugglerhafen sei. „Morgens kommen die Iraner mit ihren Schiffen voll Ziegen“, raunt er uns zu. „Haben sie die Tiere verkauft, decken sie sich hier mit Elektrozeugs ein und fahren abends wieder ab.“
„Und die Polizei?“ Khaled lacht. „Die sieht zu. Das sind nette Polizisten…“ Kaum haben wir den Eingang des Fjordes erreicht, schwimmt eine Delfin-Familie neben uns. „Los! Krach machen!“, brüllt Khaled. „Die Delfine wollen unterhalten werden!“ Sofort beginnen die Urlauber zu klatschen und zu pfeifen. Eine Delfin-Mama und ihr Baby springen aus dem Wasser, Kameras klicken, weitere Delfine kommen hinzu. Der Fjord schimmert in allen Grün- und Blau-Schattierungen im Morgenlicht. Karge Felswände ragen an den Ufern auf und spiegeln sich in der ruhigen Oberfläche. Ein Schwarm Kormorane kreuzt den Weg unserer Dhau. Nach dem Stadtleben von Abu Dhabi ist jeder von diesem Naturerlebnis begeistert. Neben Telegraph Island, einem verlassenen Außenposten des britischen Militärs, wird ein Badestopp eingelegt, bevor es wieder zu unserer „neoRiviera“ geht. Zurück lassen wir den einsamen Fjord mit seinen Delfinen und den wenigen Menschen, die an seinen Ufern leben wie in einer anderen Zeit.

Eine Bootstour zu den Omani Fjorden lohnt sich immer.
Eine Bootstour zu den Omani Fjorden lohnt sich immer.


Über Nacht legen wir die letzten 110 Seemeilen nach Dubai zurück. Einen ganzen Tag, eine Nacht und – je nachdem wann der Flieger geht – noch einige Stunden bleiben uns, um die Metropole am Golf kennenzulernen. Ich kaufe mir ein Ticket für den hop-on hop-off-Bus (rund 50 Euro), setze die Kopfhörer des Audiosystems auf und lasse mich auf den sechsspurigen Highways durch die City kutschieren. Schon bald schwirren mir die Ohren vor lauter Superlativen. Da lockt das höchste Gebäude der Welt (Burj Khalifa), das höchste Hotel der Welt (Marriott Marquis Hotel), eine der größten Shopping-Malls der Welt, der feinste Sand der Welt, die besten Bushaltestellen der Welt (auf 22 Grad klimatisiert), einer der größten Gold-Souks der Welt. Ich staune, fotografiere, bummele durch Edel-Geschäfte, feilsche in der „City of Gold“, versuche die Stationen meiner Busrundreise abzuhaken und scheitere doch kläglich. Es gibt so viel in Dubai zu entdecken, dass die Zeit einfach nicht reicht. Ein Glück, dass die „Costa neoRiviera“ heute Nacht im Hafen bleibt. So droht wenigstens nicht die Gefahr, das Schiff zu verpassen. Noch ein Grund also, warum Slow Cruising sehr zu empfehlen ist: der Adrenalinspiegel sinkt…

Sightseeing in Dubai: Burj Khalifa
Sightseeing in Dubai: Burj Khalifa


Über die Autorin: Susanne Müller ist Chefredakteurin des Kreuzfahrtmagazins WELCOME ABOARD (www.welcome-aboard.de) und betreibt seit kurzem auch den Reise-Blog www.wonderful-places.de.