Buchbesprechung / Rezension "Unterwegs in Albanien" von Franziska Tschinderle, DUMONT REISEVERLAG. Hochinteressant und augenöffnend

„Unterwegs in Albanien“ ist ein „erzählter“ Reiseführer aus einem vielen Mitteleuropäern noch viel zu unbekannten Land, das aus unserer Sicht aber geografisch noch vor der Top-Urlaubsdestination Griechenland liegt. Autorin Franziska Tschinderle hat als Journalistin Südosteuropa oftmals bereist und kennt Albanien, wo sie für dieses Buch sogar ein paar Monate gewohnt hat, hervorragend. Darum ist auch kein typischer Reiseführer entstanden, der nur als Wegbegleiter eines Touristen wertvoll wäre, sondern vielmehr eine geistige Reise durch ein sehr spannendes Land im Aufbruch.

Jahrzehntelang war Albanien abgeschottet und isoliert, mit Enver Hoxha herrschte ein brutaler Diktator. Sein Erbe ist bis heute zu spüren, gesellschaftlich, kulturell, politisch, juristisch. Dennoch hat sich das Land enorm weiterentwickelt. Beiden Aspekten trägt Franziska Tschinderle hervorragend Rechnung. Sie berichtet mit viel Fingerspitzengefühl, feiner Beobachtungsgabe und Neugier, was sie während ihren intensiven Reisen durch Albanien erlebt hat – vor allem den Begegnungen mit Menschen, die von ihrem Leben während des Regimes, in der Wendezeit bis heute erzählen. Das macht das Buch nicht nur authentisch, sondern vor allem spannend und sehr lebendig. Denn durch die Augen dieser Menschen lernt man das Land quasi von innen kennen. Das Buch liefert viele kleine Geschichten von Begegnungen, die ein umfassendes Bild zeichnen und alle Bereiche von Politik und Geschichte über Kultur bis hin zu gesellschaftlichen Themen abdecken. Man erfährt vieles über die Diktatur und das Leben und den Terror in dieser Zeit, es werden aber auch aus heutiger Sicht schwierige Themen nicht ausgespart wie z.B. die Situation von Schwulen und Lesben oder die in abgeschiedenen Gegenden noch üblich Blutrache, wegen der ganze Familien sich vor Angst nicht aus dem Haus trauen.  So ergibt sich für den Leser ein zusammenhängendes und ziemlich eindrucksvolles Bild.

Die Autorin schafft es, typische Tagesbeobachtungen ins Buch einfließen zu lassen und einzuordnen, beschreibt Situationen prägnant ohne als Oberlehrerin zu wirken und führt in den unterschiedlichen Kapiteln durchs Land. Der Leser fühlt sich schnell in die für Albanien typischen Cafés versetzt, erlebt die Treffen mit interessanten Gesprächspartnern und ihren Einzelschicksalen genauso wie die Fahrten durch die Landschaften, von den Küsten der albanischen Riviera bis hinauf in die Berge. Denn Albanien hat noch urtümliche Natur wie den letzten Wildfluss sowie die (noch) einsamsten Küsten in Europa.

Diese Reiseeindrücke sind eindringlich, informativ und ergreifend erzählt, ein paar farbige Bilder in der Buchmitte geben kleine Eindrücke von den Reisen durch das Land. „Unterwegs in Albanien“ ist auch deshalb besonders lesenswert, weil es in bemerkenswerter Art sowohl Kenner der Region als auch Neulinge erreicht. Das Buch macht Lust auf einen Besuch in einem Land, das man noch als echten Geheimtipp in Europa bezeichnen kann.

Toll recherchiert, prägnant sowie hochinteressant geschrieben und augenöffnend – eine kurzweilige Lesereise mit hohem Erkenntnisgewinn.

Unterwegs in Albanien

Franziska Tschinderle

DUMONT REISEVERLAG

Broschiert, 280 Seiten, 16,95 Euro

ISBN: 978-3770166350

Weitere Informationen unter https://www.mairdumont.com/presse/2020/07/15/franziska-tschinderle-unterwegs-in-albanien-meine-reise-durch-ein-unbekanntes-land/