Reportage einer Expeditionskreuzfahrt mit der Silver Discoverer zu den Inseln des Westpazifiks mit ihren UNESCO-Stätten und wichtigen Kriegsschauplätzen.

Auf die kleinen Eilande im Chinesischen Meer kommen nur wenige Europäer. Dabei ballen sich auf und vor den Inseln des Westpazifiks UNESCO-Stätten und wichtige Kriegsschauplätze.

Andächtig schaut sich Hidetoshi Kanematsu  in dem engen Gewölbe um. Der freundliche 75-jährige, den alle nur Toshi nennen, nimmt die getrockneten Blutspritzer in Augenschein, die vom Selbstmord Admiral Otas stammen sollen. Irgendwo hier, in diesem Tunnelsystem im Bauch der Hügel Okinawas, ist im Zweiten Weltkrieg auch sein Vater gestorben.

Ein Mann, den Toshi nur von vergilbten Fotos kennt und der der Grund für seine zehntägige Kreuzfahrt von Hongkong nach Nagasaki auf dem Expeditionsschiff Silver Discoverer ist: „Palaui und Okinawa waren die letzten Einsatzorte meines Vaters. Meine Mutter hat seinen Tod nie überwunden, aber ich wollte hier schon immer mal hin.“ Nach dem Krieg wanderten Großeltern, Mutter und Sohn nach Kanada aus. Toshi, der Karriere bei einer Großbank machte, fühlte sich zeitlebens als Kanadier, kehrte nur zwei Mal nach Japan zurück und ist jetzt mit Frau, Tochter und Enkel Akito auf den Spuren seines Vaters unterwegs.

Bei der Operation Eisberg landeten US-Truppen ab dem 1. April 1945 rund 520.000 Soldaten auf Okinawa an, die auf 100.000 japanische Gegner trafen. Unter größter Geheimhaltung hatten japanische Soldaten monatelang mühsam mit der Hand ein Tunnelsystem in die Hügel geschlagen, Räume ausgegraben und getarnte Luken für Kanonen errichtet. Das ehemalige Hauptquartier der kaiserlichen Marinesoldaten ist heute ein Museum, in dem es 101 Stufen hinab in enge, niedrige Gänge geht. An den Felswänden sind noch deutlich die Spuren der Spitzhacken sichtbar. Die Kommandozentrale, Küchen, Lazarett, Lager – keine der höhlenartigen Nischen ist größer als zwölf Quadratmeter. Es gab kein Wasser, die nächste Quelle war im Freien 200 Meter entfernt. Zum Waschen und um kochen zu können, mussten sich die Männer unter Beschuss in Lebensgefahr begeben.

Das Kommandozentrum
Die Kommandozentrale

Im letzten Brief, den Toshis Mutter von ihrem Mann erhielt, steht davon kein Wort: „Mein Vater hat aber wohl gewusst, dass er uns nie wiedersehen wird. Er bat sie mich als guten Japaner aufzuziehen, auch wenn er dabei nicht helfen könne.“ Kurz vor der Erstürmung der Höhlen, in denen sich nach viermonatiger Verteidigung Tausende Soldaten drängten, begingen Befehlshaber Ota und seine Stabsoffiziere am 13. Juni Selbstmord mit Handgranaten.

Admiral Ota beging Selbstmord
Admiral Ota beging Selbstmord

In der Schlacht um Okinawa starben mehr als 120.000 Soldaten, darunter rund zwei Drittel der japanischen Verteidiger, und unzählige Zivilisten. Zurück auf dem Schiff blickt Toshi bei einem Bier an der Poolbar nachdenklich hinüber auf das Festland: „Ich habe meinen Frieden ja schon lange gemacht, auch wenn ich meinen Vater nie kennenlernen durfte. Aber diese unmenschlichen Bedingungen mit eigenen Augen zu sehen, beschäftigt einen dann doch.“

Schwer beschäftigt sind Crew und Festmacher im philippinischen Vigan, um die Leinen an den wenigen Andockmöglichkeiten sicher zu vertäuen. Ein aus Bambusrohren zusammengeflochtener, schmaler Steg dient als Gangway. Gerade mal drei Expeditionsschiffe legen in diesem Jahr an – aber das ist Rekord. Dass die drittälteste Stadt der Philippinen, am 13. Juni 1572 von den Spaniern gegründet, so wenig angelaufen wird, ist erstaunlich. Denn Vigan wurde 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt und ist mit vielen guterhaltenen Gebäuden aus der Zeit der spanischen Kolonialherren in ganz Asien einzigartig. Ganze Straßenzüge mit historischem Kopfsteinpflaster, Holzhäusern und ihren charakteristischen Balkonen und Erkern prägen das Bild.

Alle Ausflüge sind auf dieser Kreuzfahrt der Silver Discoverer bereits im Reisepreis inkludiert und das elfköpfige Expeditionsteam hat sich viel Mühe gegeben, um den Passagieren Kultur, Natur und Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Die Touren zeigen nicht nur die Höhepunkte, sondern führen auch abseits ausgetretener Touristenpfade zu unbekannteren Besonderheiten der jeweiligen Region. Die Ausflüge sind äußerst abwechslungsreich und schließen auch viele Begegnungen mit Einheimischen ein. So geht es nach einem Festmahl mit Spanferkel in einem Restaurant mit grünem Hinterhof, in dem außer den Passagieren nur philippinische Familien sitzen, zu einem traditionellen Töpfer. Was in Mitteleuropa oftmals als Selbstverwirklichung sinnsuchender Selbstoptimierer gesehen wird,  ist hier gefragtes Handwerk und ein beinharter Knochenjob.

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Der Ton wird selbst per Hand gestochen, auf Ochsenkarre zur Werkstatt transportiert und dort zuerst von einem Wasserbüffel und dann vom Meister selbst mit den Füßen zum richtigen Weichheitsgrad gestampft. Die jeweiligen Portionen für die unterschiedlich großen Krüge und Gefäße werden für einen Tag im Voraus abgemessen. Die große Drehscheibe auf dem Boden treibt ein Helfer mit den Füßen an. Ist die richtige Geschwindigkeit erreicht, nimmt der Meister einen Tonklumpen und formt das Gefäß. Bis zu 60 große Krüge pro Tag stellt er her, welche die Einheimischen seit Jahrhunderten als Transport- und Aufbewahrungsbehälter nutzen.

Kap Engaño
Kap Engaño

Mit Motorradrikschas werden die Passagiere am nächsten Tag auf Palaui zum Kap Engaño an der Nordspitze der Insel gebracht. Die kleine Insel am Übergang der Luzonstraße zur Philippinensee wurde 1994 zum Meeresschutzgebiet erklärt und wird kaum von Touristen besucht. Traurige Berühmtheit erlangte Palaui durch die Schlacht vor Kap Engaño im Oktober 1944, Teil des größten Seegefechts im Zweiten Weltkrieg mit rund 250 Kriegsschiffen und 1.800 Flugzeugen. Die Japaner verloren nicht nur die Schlacht, sondern auch die Hälfte ihrer Flotte. Vom 1896 mit Natursteinen erbauten Leuchtturm schaut man hinunter auf die Idylle mit dem bis zum Horizont tiefblauen Meer – aber damit auch direkt auf das Schlachtfeld, das Toshis Vater auf einem Zerstörer noch überlebte.

Noch weniger Passagiere als nach Vigan oder Palaui schaffen es zum nächsten Ziel: Die Silver Discoverer ist das erste Kreuzfahrtschiff überhaupt, das in Sabtang anlegt. Am Kai ist es proppenvoll, alle 1.621 Einwohner scheinen da zu sein, um die Gäste mit großer Parade zu empfangen. Nach dem Spektakel geht es mit Ausleger-Booten auf die andere Seite der Insel. Hier leben Seenomaden, die traditionell mit Stellnetzen und selbstgebastelten Harpunen fischen.

 

Ein engagierter Lehrer versucht, den Kindern eine Zukunft mit einem anderen Beruf als Fischer zu ermöglichen. Die Kleinen staunen: nur selten bekommen sie Europäer zu sehen. Das Expeditionsteam hat Englischlehrbücher, Schreibhefte und Stifte für sie mitgebracht, denn die Reederei unterstützt mit ihrer Stiftung, der Maruzza Foundation, Projekte in den Fahrtgebieten.

Das Mittagessen wird heute an Land aufgetischt, die Dorfbewohner haben ein Festmahl zubereitet. Es gibt Hummer, Krebse, Tintenfisch, Garnelen und andere Meeresfrüchte mit Gemüse und Kartoffeln oder Reis. Nach dem üppigem Mahl tut die Wanderung zum Aussichtspunkt Tinyan gut. Der Verdauungsmarsch den schmalen Pfad des Hügels hinauf fällt etwas schwer, dafür lohnt sich das Panorama und zwar auf beiden Seiten. Zum Meer hin ragen steile Felsklippen die Hänge hinauf und bilden einen natürlichen Rahmen für die Strandbucht Chamantad Cove. Landeinwärts liegt Marlboro Country, schön geschwungene Täler mit fetten grünen Wiesen und reichlich Rindern, jeden Augenblick muss da doch der Cowboy auf seinem Pferd um die Ecke kommen.

 

„Man kann sich wirklich nur fragen, wie viel Gehorsam und Pflichtgefühl nötig ist, um so eine schöne Welt freiwillig zu verlassen.“ Kopfschüttelnd steht Toshi in Hualien auf Taiwan vor dem ehemaligen Kamikaze-Hauptquartier, das oberhalb der Stadt in einen großen Park mit Pinien und Zedern eingebettet ist. Hier verbrachten die Selbstmord-Piloten ihre letzte Nacht vor den Einsätzen, ließen sich von einem Shinto-Priester segnen und bekamen noch einmal ihre Lieblingsspeisen. Die Berge im Hintergrund, der ins Meer mäandernde Fluss Meilun und die blaue Bucht bieten ein herrliches, friedliches Panorama.

Malerisch ist auch das 1993 zum Weltnaturerbe erklärte Naturparadies Yakushima. Wenn man den Einheimischen glauben darf, regnet es auf der Insel 35 Tage pro Monat. Das führt zu einer üppigen, in vielen Grüntönen schimmernden, Vegetation mit bis zu 7.000 Jahre alten Zedern.

Im liebevoll eingerichteten Museum dürfen die Passagiere das kostbare Holz selbst bearbeiten: unter Anleitung eines Meisters schnitzen, feilen und schleifen die Gäste aus 300 Jahre altem Zedernholz japanische Essstäbchen, ein tolles, selbstgefertigtes Souvenir. Zum Abschlussdinner an Bord probieren viele Passagiere die selbstgefertigten Esswerkzeuge aus.

Bei Jakobsmuscheln und Chateaubriand zieht Toshi, der mit seiner Familie in Nagasaki noch das Atombomben-Museum besuchen wird, Resümee: „Für mich war das keine Reise in die Vergangenheit, sondern ein Fingerzeig für die Zukunft meines Enkels. Es ist wichtig der jungen Generation zu zeigen, was Propaganda, Hass und unbedingter Gehorsam anrichten.“