Rezension/Buchbesprechung "Akte B.", Manfred Ertel, Ellert & Richter Verlag. Spannender Krimi mit tiefen Einblicken in die deutsch-deutsche Zeitgeschichte - äußerst lesenswert

In „Akte B. – Wenn die Möwen tiefer fliegen“ trifft der Leser erneut auf die Hamburgerin Oberstaatsanwältin Eleni, die Krimigourmets bereits aus dem ersten Krimi von Manfred Ertel, „FoulSpieler“ kennen, in dem es um manipulierte Fußballspiele und die Wettmafia geht. Dieser zweite Fall geht deutlicher tiefer, in die deutsch-deutsche Geschichte und rund um die Machenschaften und Amouren eines norddeutschen Ministerpräsidenten, der in Waffengeschäfte verstrickt ist, sich gern in der DDR vergnügt und schlussendlich tot in einem Schweizer Hotel aufgefunden wird. Das weckt gerade bei Schleswig-Holsteinern gewisse Erinnerungen, aber natürlich sind Handlung und Charaktere vom Autor frei erfunden. Gut trifft sich allerdings, dass Manfred Ertel jahrzehntelang SPIEGEL-Reporter war und diverse Politikaffären verfolgt und sogar aufgedeckt hat. So verfügt der mit dem Nannen-Preis ausgezeichnete Autor über hervorragende Hintergrundkenntnisse der späten deutsche-deutschen Geschichte, die diesem Buch zugutekommen und den spannenden Background für diesen Krimi liefern.

Die „Akte B.“ bekommt eine junge Hamburgerin, nach vielen Jahren Kontaktunterbrechung, von ihrer in der DDR aufgewachsenen Mutter per Post zugeschickt. Kurz zuvor hat sie die Nachricht von deren Tod ereilt: Am jetzigen Wohnort Köln von einer Brücke gestürzt und ertrunken. War es wirklich ein Suizid wie die Polizei ermittelt hat oder doch Mord? In dem Päckchen findet die Tochter viele Hinweise, die sie an einem Freitod zweifeln lassen. Mit ihrer Freundin Eleni beginnt sie nachzuforschen und stößt auf alte Stasi-Seilschaften, die sich in der Bundesrepublik mit unterschlagenem DDR-Vermögen einflussreiche Positionen gesichert haben und noch weiter nach oben wollen in Politik und Gesellschaft.

Ertel schreibt, wie bei „Foulspieler“ über Dinge, die er kennt und glänzt in diesem Buch mit hervorragend verarbeitetem Wissen um die letzten Skandale der beiden Republiken im Zuge der DDR-Endzeit sowie der Wiedervereinigung. Nie belehrend, sondern großartig aufbereitet, hervorragend erzählt und spannend aufgebaut. Dass er dabei als ehemaliger SPIEGEL-Reporter außergewöhnlich gut schildern und beschreiben kann, versteht sich von selbst. So sind die Szenen und vor allem Rückblicke in die End-1980-er-Jahre gut greif- und nachvollziehbar. Wie das Frauen-Duo, trotz aller Widrigkeiten, Selbstzweifel und in den Weg gelegter Steine, langsam aber sicher auf die entscheidenden Spuren und die Machenschaften der Stasi-Mafia stößt, ist für Leser gut nachvollziehbar.

Die Charaktere sind noch besser und mit mehr Tiefgang ausgestaltet als in Ertels erstem Krimi, vor allem die drei Hauptfiguren Mutter, Tochter und Eleni. Was den Leser zu der Frage bewegt, ob die Oberstaatsanwältin Protagonistin einer Krimireihe wird. Das Publikum darf gespannt sein, was bei dem reichen Erfahrungsschatz Ertels als Nächstes kommt: die Aufdeckung erfundener und erlogener Geschichten eines mehrfach preisgekrönten Reporters bei einem großen deutschen Nachrichtenmagazin und die Machenschaften sowie Verflechtungen innerhalb eines Verlages? Ist natürlich reiner Speku-lotius, es könnte aber auch ein Plot sein, bei dem der ehemalige Erste Bürgermeister sich als Verantwortlicher für einen der größten Steuerskandale Hamburgs entpuppt. Oder es könnte um die dunklen Machenschaften eines Vorstandsvorsitzenden eines großen Hamburger Fußballvereins gehen. Alles rein fiktiv natürlich, aber aus dem reichen Lebenserfahrungsschatz des Autors gegriffen.

Falls Ertel aber seinen wohlverdienten Ruhestand zukünftig lieber anders verbringen möchte als Bücher zu schreiben, wäre dies zwar äußerst schade, aber der Geschichten-Genießer ist bereits mit „Akte B.“ bestens bedient: Ein spannender Krimi mit tiefen Einblicken in die kriminellen Verflechtungen der deutsch-deutschen Zeitgeschichte – auf beiden Seiten. Allein deswegen schon äußerst lesenswert.

Akte B.

Manfred Ertel

Verlag Ellert & Richter

Taschenbuch, broschiert, 384 Seiten, 18 Euro

ISBN: 978-3-8319-0817-2

Weitere Informationen unter http://www.ellert-richter.de/detail.php?ISBN=978-3-8319-0817-2