Rezension/Buchkritik Albert Ballin, Klaus Eichler, Köhler Verlag. Umfassendes Bild des Global Players des anfänglichen 20. Jahrhunderts

Biografien über Albert Ballin, Generaldirektor der HAPAG von 1899 bis 1918, Erbauer grandioser Ozeanliner und Erfinder der Kreuzfahrten, gibt es reichlich. Doch dieses Buch ist etwas Besonderes, denn es beruht auf lange verschollenen Originaldokumenten, vor allem privaten Briefen Ballins, die von seinem Urenkel Heinz Hueber zufällig auf dem Dachboden seines Hauses in Österreich gefunden wurden. Ein bedeutender Fund, denn die Erinnerung an Ballin, der zu seiner Zeit so bedeutend war wie heute Bill Gates oder Elon Musk und die Schifffahrt und damit den Welthandel sowie die Auswanderung in die USA maßgeblich prägte, wurde von den Nazis ausgelöscht und selbst offizielle Dokumente vernichtet, weil er jüdischer Abstammung war. Noch heute ist Albert Ballin in Großbritannien oder den USA deutlich bekannter als in Deutschland, wo ihn nur viele Hamburger (und die zumeist nur wegen des Prachtboulevards Ballindamm an der Binnenalster) oder Menschen aus der Schifffahrt kennen.

Die Kisten mit dem privaten Nachlass waren von Huebers Mutter Ursula, Enkelin Ballins (geb. Bielfeld) und in Hamburg aufgewachsen, die einen Österreicher geheiratet hatte, 1944 in drei Eisenbahnwaggons nach Oberösterreich geholt und bis auf Möbel, Gemälde und wenige persönliche Gegenstände auf dem Dachboden gelagert worden. Als sich der Urenkel Jahrzehnte später durch den Nachlass wühlt, findet er zahlreiche Briefe und Dokumente, die vor allem einen Blick auf den Menschen Albert Ballin gestatten. Autor Klaus Eichler ist es zu verdanken, dass dieser einmalige Fund hochprofessionell ausgewertet wurde und über eine bloße Dokumentation hinausgeht: Äußerungen in Briefen, private Fotografien und andere Dokumente werden in den historisch-politischen, unternehmerischen und auch gesellschaftlichen Zusammenhang eingeordnet. So ist keine weitere Biografie wie die zuvor Veröffentlichten entstanden: Durch das bislang unbekannte Material ist wirklich Neues über Ballin in dem Buch zu finden. Ein großformatiger Band, der Albert Ballin zum ersten Mal vor allem als Mensch zeigt und nicht nur allein als Wirtschaftsmagnaten und kaisertreuen Vasallen. Ballin stammte aus ganz einfachen Verhältnissen, schaffte es aber mit einem Volksschulabschluss bis zum Generaldirektor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG), die zur Jahrhundertwende die größte Reederei der Welt war. Es war Ballin, der das bis heute größte Passagierschiff unter deutscher Flagge bauen ließ: Die „Vaterland“, die am 14. Mai 1914 ihre Jungfernfahrt begann und bei Ausbruch des 1. Weltkriegs in New York beschlagnahmt wurde.

Insgesamt 20 Kapitel beinhaltet das Werk von Klaus Eichler, die sowohl privates wie auch berufliches anhand der gefundenen Dokumente darstellen. Ballin und seine Frau führten ein weltoffenes Haus, luden gerne Gäste ein und alles, was damals Rang und Namen hatte, kam vorbei bis hin zu Reichskanzlern und Kaiser Wilhelm II. Gerade das Kapitel „Zu Gast bei Ballins“ zeigt einen freundlichen, sympathischen und angesichts seiner gesellschaftlichen Bedeutung bescheidenen Mann, der gerne scherzte und über ein enormes Gedächtnis, Schlagfertigkeit und viel Humor verfügte. Ballin wurde ein wichtiger Freund des Kaisers und war politisch tätig. Er sah den Ersten Weltkrieg kommen, versuchte einen Ausgleich zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien zu erzielen, später dann den Krieg noch zu verhindern, scheiterte aber in beiden Fällen. Die Sorge um die Kriegsfolgen für Deutschland und seine Menschen brachten Ballin um den Schlaf und ließen ihn zu starken Medikamenten greifen, an deren Überdosis er schließlich kurz nach Kriegsende am 9. November 1918 starb. Ob gewollt oder versehentlich, darüber streiten Historiker bis heute.

Eichler zeichnet aus den Dokumenten das Bild eines lebensbejahenden, strategisch denkenden und sich liebevoll um Familie, Freunde und Angestellte kümmernden Mannes. Die Fürsorge gegenüber seiner Frau, seiner adoptierten Tochter sowie deren Mann, den er als Sohn betrachtete, und seinen Enkeln liest sich in den Originaldokumenten geradezu rührend. Darüber hinaus enthält das Buch zahlreiche Abbildungen, die nicht nur den Reeder, sondern auch den Privatmenschen Albert Ballin zeigen. Bilder und Texte schaffen eine emotionale Nähe wie sie zuvor nicht möglich war. Dem Köhler Verlag ist es zu verdanken, dass nicht nur inhaltlich, sondern mit Leineneinband, Schutzumschlag und dem Großformat auch ein optisch und haptisch tolles Buch entstanden ist, das auch als sogenanntes Coffee Table Book gut als Deko geeignet ist. Der Inhalt allerdings ist überragend, um sich ein umfassendes Bild dieses Global Players des 19. und anfänglichen 20. Jahrhunderts zu machen. Der Band wird Albert Ballin und seinem Leben und Wirken erstmals umfassend voll und ganz gerecht. Nicht nur für alle Schifffahrts- und Reedereienthusiasten ein ausgezeichnetes Buch.

Albert Ballin: Vater – Unternehmer – Visionär

Klaus Eichler

Koehlers Verlagsgesellschaft

Gebunden, mit Schutzumschlag, 240 Seiten, 29,95 Euro

ISBN: ‎ 978-3782213196

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