Buchkritik / Rezension "Als ich einmal in den Canal Grande fiel" von Petra Reski, Droemer Verlag. Leidenschaftliches Plädoyer für die Erhaltung Venedigs

Autorin Petra Reski, die seit den Neunzigern in Venedig lebt, erzählt so atmosphärisch wie schonungslos vom Leben in der Lagunenstadt, darunter auch die Titelgeschichte, wie sie tatsächlich einmal in den Canal Grande fiel. Die einzelnen Kapitel sind wie Kurzgeschichten und auch gut hintereinander weg lesbar. Reski, die als Reporterin und Autorin für Zeitschriften wie GEO, ZEIT, Merian und Brigitte gearbeitet hat, schildert die Stadt in einem farbenprächtigen Erzählstil, nimmt dabei den Leser an die Hand und schlendert mit ihm über die zahlreichen Brücken, durch verwunschene Gassen, an den Canal Grande und lässt ihn wie durch ein Schlüsselloch so manche, zauberhaft anmutende, Plätze und Gebäude sehen. Reski, die mit einem Venezianer verheiratet ist und ihm in seine Stadt folgte, ist ein großartiges Kaleidoskop des heutigen Venedigs gelungen, mit Streifzügen auch durch unbekanntere Stadtviertel, die in Venedig Sestiere (Sechstel) heißen, in die die Touristenwelle noch nicht so schwappt.

Das Buch ist aber kein Reiseführer, sondern ein fortlaufender Zustandsbericht. Nach 30 Jahren Leben in Venedig besitzt Petra Reski einen Blick aus ganz verschiedenen Perspektiven: Sie ist Bürgerin dieser Stadt und versteht die Sicht der Alteingesessenen, sie kennt Venedig als Touristin und ist als Reporterin auf der Spur von Korruption und Geschäftemacherei: Venedigs Ausverkauf begann, als der ehemalige Kommunist Massimo Cacciari Bürgermeister war und die Segnungen des freien Marktes entdeckte. Er garantierte Investoren 1994, für ihre Investitionen alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Seitdem wurden die meisten Inseln der venezianischen Lagune von internationalen Nobelhotelketten aufgekauft, aus Palazzi wurden Shopping Malls und riesige Werbeplakate für Mode- und Luxusmarken hängen selbst von den Fassaden der Kulturdenkmäler herab. Die Preise für Mieten oder gar Wohnungskauf stiegen ins Unendliche, kein Einheimischer konnte sich das mehr leisten. Die Folge: Selbst historische Palazzi wurden in viele, kleine Wohnungen aufgeteilt, die meist von ausländischen Investoren aufgekauft wurden, um sie an Touristen zu vermieten. So haben viele Venezianer alle paar Tage neue Nachbarn, Air BnB und andere Vermietungsportale stellen mit riesigem Abstand die meisten Mieter in Venedig. Die Einwohner werden nach Mestre vertrieben, in Venedig leben rund um den Canal Grande nur noch rund 50.000 Menschen, drei Viertel weniger als noch vor 60 Jahren. So ist Venedig zu einem gigantischen, historischen Freizeitpark geworden, ein Disneyland mit Geschichte und mehr als 33 Millionen Touristen pro Jahr. Viele bleiben aber nicht einmal über Nacht, weil sie zwar Gondeln, San Marco und Rialto-Brücke sehen möchten, aber lieber in billigeren Unterkünften auf dem Festland wohnen. Venedig ist zur Tagesklinik für ambulante Touristenbetreuung verkommen.

Noch schlimmere Folgen hatte die Anbiederung an die Kreuzfahrtindustrie: Die Lagune wurde durch hochgiftige Biozide von den Rümpfen der Kreuzfahrtschiffe verseucht, die fragilen Ufer Venedigs infolge des Drucks von Zehntausenden Tonnen verdrängten Wassers zerstört, die Gebäude unterspült sowie die Feinstaubbelastung und eine amtlich anerkannte signifikante Zunahme von Lungentumoren in Kauf genommen. Dazu kamen die Unfälle: 2019 rammte zunächst die MSC Opera einen Uferkai und ein dort liegendes Flusskreuzfahrtschiff, wobei wie durch ein Wunder nur fünf Menschen verletzt wurden. Kurze Zeit später konnte bei Schlechtwetter nur ganz knapp vermieden werden, dass die Costa Deliziosa mit ihren 90.000 BRZ beim Verlassen des Markusbecken auf das Ufer der Riva die Sette Martiri auffuhr. Bislang legten rund 500 Kreuzfahrtschiffe pro Jahr in Venedig an. Jahrelange Proteste der Einwohner nützten nichts bis die UNESCO drohte den Weltkulturerbe-Status Venedigs als gefährdet einzustufen. Erst dann reagierte der italienische Staat und ab August 2021 dürfen keine großen Kreuzfahrtschiffe mehr durch die Lagune fahren, sondern müssen in Mestre anlegen. Ein erster Erfolg der vielen Bürgerinitiativen und Aktivisten, die ihr Venedig erhalten möchten.

Auch das von Staat und Regierung gehypte, sogenannte Jahrhundertbauwerk MOSE, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als unnützes Milliardengrab, dass die Lagune sogar mehr gefährdet. MO.S.E ist das Akronym für Modulo sperimentale elettromeccanico: experimentelles elektromechanisches Probemodul, ein gigantisches Flutsperrwerk, für das Hunderte Millionen Tonnen Beton in der Lagune versenkt und 12.000 Betonpfähle in den Grund gerammt wurden. 78 bewegliche, auf dem Meeresgrund liegende Wassertore sollen in den drei Zugängen der Lagune wie Dmme funktionieren und Hochwasser verhindern. Nur: Die Fluttore verklemmen oftmals, der Druck des Betons hat den Lagunenboden absinken lassen und die Schleusenkammer für Schiffe wurde bei der ersten Sturmflut weggespült. Das 5,5 Milliarden teure Bauwerk ist nach drei Jahrzehnten Planung und 17 Jahren Bauzeit noch immer nicht vollständig betriebsbereit. Außerdem hat die Fluthöhe zugenommen, das Wasser strömt schneller (und höher) durch die Verengung, die das Bauwerk hervorgerufen hat. Die Planungsprognose, dass der Flutpegel um höchstens 31,4 Zentimeter ansteigt, war falsch, und wird jetzt schon übertroffen, was das gesamte Bauwerk sinnlos macht. Venedig wird regelmäßig in immer größerer Höhe überflutet. Zu allem Überfluss stellte sich auch noch heraus, dass bei der Genehmigung und Durchführung Amtsmissbrauch, Bestechung, illegale Parteienfinanzierung und Geldwäsche halfen: Nach offiziellen Untersuchungen sind eine Milliarde allein an Schmiergeldern geflossen. Konsequenzen: keine.

Das Buch ist melancholisch und komisch, traurig und kämpferisch zugleich. Reskis Liebe zu Venedig ist ebenso grenzenlos wie ihr Wissensdurst, den sie mit dem Leser teilt. Die Eigenschaft, sich nicht mit Vordergründigem zufrieden zu geben und abspeisen zu lassen, sondern in Interviews hartnäckig weiter zu fragen und zu recherchieren, machen das Buch zu etwas Besonderem. Dazu kommt die Sprachkunst der Autorin, ein fast zärtliches Beschreiben und detailliertes, oft auch sehr persönliches Erzählen mit sehr unterhaltsamen Begebenheiten. Sie streut immer wieder amüsante Anekdoten ein, lässt aber auch dabei den Ernst der Lage nicht aus dem Fokus und führt den Leser immer wieder zum Thema zurück. Sie legt den Finger auf die Wunden: Venedig wird ausgebeutet, ausgeschlachtet, an den Tourismus verschachert, verfremdet und entvölkert.

Ein leidenschaftliches Plädoyer für die Erhaltung Venedigs, das zum tieferen Nachdenken anregt. Nach dieser Lektüre sieht man nicht nur die einzigartige Lagunenstadt mit anderen Augen.

Als ich einmal in den Canal Grande fiel

Petra Reski

Droemer

Gebunden mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 18 Euro

ISBN: ‎ 978-3426278468

Weitere Informationen unter https://www.droemer-knaur.de/magazin/neuigkeiten/petra-reski-erhaelt-den-ricarda-huch-preis-2021