Buchkritik / Rezension "Atlas der abgelegenen Inseln", Judith Schalansky, mare Verlag. Eine Fundgrube meist unbekannter Eilande und verrückter Geschichten

Der „Atlas der abgelegenen Inseln“ ist ein ganz besonderes Buch, so eine hervorragende Gestaltung und Qualität findet man zu diesem Preis nur noch sehr selten. Dies führte nicht nur zu 18 Auflagen und mehr als 100.000 Käufern, sondern auch zu einer renommierten Auszeichnung: dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst, mit dem das schönste deutsche Buch des Jahres gekürt wird.

Bei so viel Erfolg verwundert es nicht, dass der mare Verlag, der ein Händchen für außergewöhnliche Bücher und Autoren hat, eine erweiterte Neuausgabe herausgebracht hat. Mit der Gough-Insel, North Sentinel, Agalega, Nukulaelae und den Midwayinseln sind zu den 50 Inseln der ursprünglichen Ausgabe fünf neue Eilande hinzugekommen. Von einigen dieser 55 Inseln, ihrer Geschichte und den Geschichten, die sich um sie ranken, hat man schon mal gelesen oder gehört wie von den Osterinseln und deren Ureinwohnern oder von Pitcairn und den Meuterern der Bounty. Doch viele der Inseln in diesem Atlas und vor allem deren Geschichte sind nur wenigen Vielgereisten und Geografie- oder Geschichtsspezialisten bekannt.

Hätten Sie gewusst, dass die mitten im Atlantik liegende Himmelfahrtsinsel ein absolutes High Tech-Paradies und Tummelplatz für Spione ist?  Bereits 1899 wurden hier die allerersten Untersee-Kabel verlegt und 1960 baute die NASA hier eine Beobachtungsstation für Interkontinental- und Weltraumraketen. Auf der Weihnachtsinsel begann der Wettlauf im All, in dem erst die Russen mit Gagarin die Nase vorn hatten bis Apollo 11 auf dem Mond landete, überwacht von weißen Parabolantennen, die überall auf der Weihnachtsinsel verstreut an den Kratern von erloschenen Vulkanen stehen.

Judith Schalansky nimmt den Leser auch mit auf die russische Insel Einsamkeit, mitten im Nordpolarmeer 20 km² groß und unbewohnt. Kein Wunder, wenn man die Jahresdurchschnittstemperatur von -16 Grad bedenkt. Dabei gab es hier Forschungsstationen: Deutsche U-Boote beschossen im 2. Weltkrieg die einsame Wetterstation und töteten alle Meteorologen. Während des Kalten Kriegs wurde eine Forschungsstation des sowjetischen Polarinstituts aufgebaut. Heute sind die grünen Holzbaracken verlassen, in denen Geräte zum Messen des Luftdrucks, der Himmelsstrahlung oder der Wolkenhöhe sowie eingefrorener Proviant zu finden ist. Auf St. Kilda, zu den Äußeren Hebriden gehörend und der schottischen Küste vorgelagert, starben Ende des 19. Jahrhunderts so viele Babys innerhalb ihrer ersten acht Lebenstage an Neugeborenen-Tetanus, dass werdende Mütter zu Niederkunft und Wochenbett auf das Festland flüchteten. Zwei Drittel aller Neugeborenen erlagen der sogenannten Achttagekrankheit, die erst 1891 ihr Ende fand.

Auf Rapa Iti, das zu den Austral-Inseln in Französisch-Polynesien zählt, fand ein lange Unverstandener sein Glück. Der einer französischen Kleinstadt aufgewachsene Marc Liblin spricht mit sechs Jahren eine vermeintliche Fantasiesprache, die er in seinen Träumen gelernt hat. Forscher versuchen vergeblich die unbekannte Sprache zu entschlüsseln. Als Erwachsener kommt Liblin auf eine Idee, zieht durch Hafenkneipen auf der Suche nach Seemännern, die diese Sprache schon einmal gehört haben. Und er hat Glück: einer erkennt den Dialekt als denjenigen, der auf einer kleinen Insel in der Südsee gesprochen wird und auch noch eine früh verwitwete Polynesierin in der Stadt, die sie spricht. Das verändert Liblins Leben: zum ersten Mal kann er sich mit jemanden in seiner Traumsprache unterhalten. Er heiratet die Frau und die beiden ziehen gemeinsam auf die Insel auf der die Sprache gesprochen wird.

Es sind Geschichten wie diese, die Judith Schalansky in dem äußerst originellen „Atlas der abgelegenen Inseln“ erzählt, der Leser erfährt viel Erstaunliches. Der Aufbau – jede Insel auf einer Doppelseite mit Karte, Geschichtszeitstrahl oder wichtigsten Fakten – lädt zum kurzweiligen Lesen und Stöbern ein. Die Geschichten und Begebenheiten sind einerseits so spannend, andererseits so kurz angerissen, dass man neugierig gemacht und zu weiteren Nachforschungen zu den Inseln veranlasst wird und selber auf Entdeckungsreise geht – nach Bildern, weiteren Quellen und mehr Informationen. Neben der aufwändig-vielfarbigen typografischen Gestaltung macht dies den besonderen Charme dieses hochwertigen Bandes aus.

Eine großartige Mischung von Geographie und Sehnsucht, eine Fundgrube meist unbekannter Eilande und verrückter Geschichten, die beim Inselhopping auf dem Sofa Fernweh und Abenteuerlust hinterlässt.

Atlas der abgelegenen Inseln

Judith Schalansky

Halbleinen mit dreiseitigem Farbschnitt, 160 Seiten, 36 Euro

ISBN: 978-3866486836

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/atlas-der-abgelegenen-inseln-8117