Rezension / Buchkritik "Das Lied des Nebelhorns", Jennifer Lucy Allan, mare Verlag, faszinierenden Kultur- und Klanggeschichte des Nebelhorns

Bei einem Konzert an der englischen Küste, das mit dem mit dem kraftvollen Einsatz eines Nebelhorns endete, wurde die britische Musikwissenschaftlerin Jennifer Lucy Allan von der Begeisterung für die lautstarken Ungetüme gepackt. Bis zu 140 Dezibel laut, und damit über der Schmerzgrenze für menschliche Ohren, ist ein Nebelhorn. Sein Dröhnen geht durch Mark und Bein, nicht nur wenn man in der Nähe steht. Die tiefen, von Allan als melancholisch empfundenen, Tonsignale versprechen aber auch Sicherheit, wenn sie meilenweit über das Meer schallen und so Seeleute bei Nebel oder anderem schlechten Wetter vor einer zu gefährlichen Annäherung an die Küste warnen.

In ihrer faszinierenden Kulturgeschichte des Nebelhorns verknüpft Allan ihr musikalisches Wissen mit der Faszination für das Nebelhorn als Instrument und erzählt von der Erfindung, der Wirkungsweise und dem Einfluss des Nebelhorns auf die Musik. Die Erfindung der monströsen Schalltrichter wird meist dem Kanadier Robert Foulis um 1850 zugeschrieben. Foulis soll im Nebel einen Strandspaziergang gemacht und durch das weithin klingende Klavierspiel seiner Tochter zurück nach Hause haben. Davon inspiriert habe er begonnen, sich eine Technik für die Sicherheit der Schifffahrt auszudenken und das dampfbetriebene Nebelhorn erfunden. Das ist eine der Anekdoten, die sich um die Geschichte der Nebelhörner ranken und deren Wahrheit die Autorin bezweifelt. Foulis meldete nie ein Patent an, der US-amerikanische Erfinder Celadon Daboll hingegen 1851 für ein druckluftbetriebenes und per Nockenwelle gesteuertes Nebelhorn, die sogenannte „Daboll-Trompete“ schon.  Allan erzählt in kleine Anekdoten, aber auch mal in langen Geschichten von einem Stück Seefahrtgeschichte, findet beispielsweise Aufzeichnungen darüber, dass 1873 neun Monate lang verschiedene Arten von Signalen für Schiffe getestet wurden, und das Nebelhorn die ideale Lösung war. Sie besucht Leuchttürme und Nebelhörner auf den britischen Inseln, reist auf die Shetlandinseln und nach San Francisco, berichtet von Schiffswracks und Leuchtturmwärtern, von Musikern wie John Cage, Anthony Braxton oder van Morrison, die das Nebelhorn in ihre Kompositionen einbauten, sowie Beschallungssystemen für Küsten-Raves und Musikfestivals.

Allan, die sich selbst als Liebhaberin schräger Klänge verortet, schreibt klar, packend und schildert anschaulich, bis hin zum Verschwinden der Nebelhörner. Denn der technische Fortschritt hat Nebelhörner überflüssig gemacht, heute verfügen Schiffe über GPS und Radar. Das Lied des Nebelhorns verschwindet, was im englischen Originaltitel auch klar ausgedrückt wird: „The Foghorn’s Lament: The Disappearing Music of the Coast.“ Noch gibt es sie als nostalgischen Klang, aber die Küsten verlieren nach und nach eines ihrer prägendsten Geräusche.

Das Lied des Nebelhorns

Jennifer Lucy Allan

mare Verlag

Gebunden, 304 Seiten, 24 Euro

ISBN: ‎ 978-3866486898

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/buecher/das-lied-des-nebelhorns-8689