Rezension Kritik Buch "Das Tao des Reisens" von Paul Theroux aus dem Atlantik Verlag (Hoffmann & Campe), hervorragende Anthologie

In seinem vierzehnten Reisebuch „Das Tao des Reisens“ ist Paul Theroux nicht unterwegs auf fremden Pfaden, sondern sammelt Ratschläge, Weisheiten, Erinnerungen, Philosophie und Verschiedenes aus seinen eigenen Büchern, aber vor allem aus denen anderer großer Reiseschriftsteller. Das „Tao des Reisens“ ist also keine der spannenden Erzählungen Therouxs, der zu den besten Reiseschriftstellern der vergangenen fünf Jahrzehnte gehört, sondern eine Anthologie.  Die Reihe von 27 Vignetten, von denen viele Einblicke in die Freuden und Gefahren des Reisens bieten, kann am besten verdaut werden, wenn man ein Kapital liest, das Buch zur Seite legt und sich zum Nachdenken verführen und inspirieren lässt.

Theroux beginnt das Buch mit einer großen Dosis seiner eigenen Arbeit: kurze Grübeleien über Themen wie die Unterschiede zwischen Reisenden und Touristen, seine Abneigung gegen Flugreisen und die Bedeutung des Alleinreisens – alles ursprünglich veröffentlicht in den Reiseberichten, die er verfasst hat in den vergangenen Jahrzehnten. Dies ist so etwas wie ein Abschnitt mit den größten Hits, der einige seiner denkwürdigsten Beobachtungen über Reisen enthält, wie „Du gehst für lange Zeit weg und kehrst als eine andere Person zurück – du kommst nie den ganzen Weg zurück“, „Wo all die krummen Politiker Nadelstreifenanzüge tragen, sind die besten Leute nackt“. Mit mehr als 40 Romanen und Erzählungen ist Theroux einer der bekanntesten englischsprachigen Schriftsteller der Gegenwart, und hat einen unverkennbar eigenen Stil als Reiseschriftsteller. Oftmals sind die Reisestücke brutal ehrliche und oft humorvolle Berichte, wie er auf dem Pazifik paddelt, durch Großbritannien spaziert und Afrika, Südamerika, Europa und Asien über die Schienen kennengelernt, für ihn die authentischste Form, um ein Land kennenzulernen: „Eine Zugfahrt ist eine Reise; alles andere – insbesondere Flugzeuge – ist Transfer“. Immer hat er versucht seine Leser dazu zu inspirieren, allein zu reisen, wenig Gepäck mitzunehmen und über Land zu Orten zu reisen, vor deren Besuch viele sogenannte Experten warnten. Selbst in unwirtlichsten und gefährlichen Gegenden ist Theroux dabei auf freundliche Menschen und Gastfreundschaft gestoßen. Aus eigener Erfahrung rührt seine Abneigung gegen Pauschalreisende, die sich in ihrer eigenen Wohlfühlblase bewegen und darum Land und schon gar nicht Einheimische kennenlernen: „Luxus ist der Feind der Beobachtung“ sowie „Touristen werden fast alles glauben, solange sie sich wohl fühlen“.

Die folgenden Kapitel des Buches enthalten Auszüge aus den Reiseberichten berühmter Schriftsteller und Weltenwanderer. Theroux bietet sowohl Zitate als auch Anekdoten über viele der besten von ihnen. Der Autor hat viel gelesen und recherchiert, so ist das „Tao des Reisens“ die Quintessenz aus den Erlebnissen und Einsichten reisender Schriftsteller und ihrer Erfahrungen wie dem seufzenden Robert Louis Stevenson: „Sightseeing ist die Kunst der Enttäuschung.“ Weitere Reisende, deren wesentliche Gefühle beim Reisen eingeflochten werden sind Henry Fielding, Samuel Johnson, Francis Galton, Freya Stark, Claude Lévi-Strauss, Evelyn Waugh oder Paul Bowles. Aber auch hierzulande eher unbekannte Autoren wie Dervla Murphy, Emily Dickinson, Samuel Johnson, Evelyn Waugh, Freya Stark oder Patrick Leigh Fermor. In einem Kapitel hat er eine Sammlung bemerkenswerter Reiseleistungen zusammengestellt, darunter wenig bekannte Abenteurer wie Ffyona Campbell, die mit 16 Jahren einmal längs durch Großbritannien wanderte, Göran Kropp, ein Schwede, der von Schweden nach Nepal und zurück radelte, um den Mount Everest zu besteigen, oder den Schweizer Aimé Tschiffely, der von Buenos Aires bis nach New York mit dem Pferd ritt.

In dem köstlichen Brevier versammelt der große amerikanische Reiseschriftsteller aber auch viele literarische Lagerfeuerlöwen und Salonaufschneider: in einem Kapitel mit dem Titel „Wie lange hat der Reisende auf Reisen verbracht“ hat Theroux Freude daran, zu enthüllen, wie wenig Zeit einige Schriftsteller an Reisezielen verbrachten, über die sie schrieben. Und er denkt dies konsequent zu Ende: In diesem philosophischen Handbuch kommen auch imaginäre Reisen nicht zu kurz – denn letztlich lässt sich ja auch lesend die Welt erkunden. Das „Tao des Reisens“ macht am meisten Spaß, wenn es direkt auf das Bizarre zusteuert. Ein Kapitel mit dem Titel “Ängste, Neurosen und andere Zustände” zum Beispiel ist eine Liste von Schriftstellern, die versuchten, ihre Leiden auf Reisen los zu werden oder besser zu verstehen, einschließlich Henry James’ Kampf gegen Verstopfung. So ist das Buch ein exzentrischer Leitfaden für das Leben auf der Straße, eine mäandernde Karte der Möglichkeiten und Fallstricke im Zeitalter der GPS-Effizienz und permanenten Erreichbarkeit via Mail oder Handy.

Diese Anthologie spiegelt die Lektüre und die Reisen eines ganzen, prall gefüllten Lebens in der Fremde wider. Was Paul Theroux hier zusammengestellt hat, sind nicht nur nachdenkenswerte Zitate und unterhaltsame Anekdoten. Der Altmeister des Reisens zeigt damit auch neue Wege und Denkansätze für den nächsten Trip des Lesers. Die Verweise auf andere, höchst interessante und vielen noch unbekannte Autoren, sind die Rendite in dieses Buch investiert zu haben. Auch der schöne Einband und der hochwertige Druck machen das „Tao des Reisens“ zu einem wunderbaren Geschenk oder zu einer lohnenden Ergänzung der eigenen Bibliothek.

Das Tao des Reisens

Atlantik Verlag (bei Hoffmann & Campe)

Gebunden mit Lesebändchen (Zeichenband), 368 Seiten, 24 Euro

ISBN: 978-3455700145

Weitere Informationen unter https://hoffmann-und-campe.de/products/175-das-tao-des-reisens?_pos=1&_sid=aaaf5763a&_ss=r