Buchkritik/Rezension "Das zweite Geheimnis", Titus Müller, Heyne Verlag. Gehört zum Besten, was über das komplizierte Verhältnis beider deutschen Staaten geschrieben worden ist

„Das zweite Geheimnis“ ist der zweite Band der Spionin-Trilogie um die Hauptfigur Ria Nachtmann. Das Buch ist ein spannender Spionageroman – der Kalte Krieg wird noch einmal lebendig, es ist 1974, in Ostberlin finden die Weltjugendspiele statt. Vor diesem Hintergrund agieren Stasi, KoKo und BND. Die Geschichte wird lebendig durch eine Liebesgeschichte, eine konfliktreiche Mutter-Tochter-Beziehung. Menschen, die besessen ihre Ziele verfolgen und andere, die dem System entfliehen wollen. Ria Nachtmann arbeitet für Alexander Schalck-Golodkowski, den Devisenbeschaffer der DDR. Ihre Tochter Annie hat sie gleich nach der Geburt zu Pflegeeltern abgegeben. Als ihr Schwager Henning Nowak bei einem Fluchtversuch als Grenzsoldat schwer verletzt wird, gerät sie in den Fokus der Staatssicherheit. Oberleutnant Marga Dierks setzt sich auf Rias Fährte und ist entschlossen, Ria zu überführen.

Titus Müller erzählt die Geschichte von Ria Nachtmann und ihrer Familie konsequent weiter und gibt dieser Epoche eine atmosphärisch dichte, bildgewaltige, aber auch brutal ernste Atmosphäre. Müller, geboren 1977 in Leipzig, gründete mit 21 Jahren gründete die Literaturzeitschrift „Federwelt“, ein Jahr später veröffentlichte er seinen ersten historischen Roman. Er ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u. a. mit dem C.-S.-Lewis-Preis, dem Sir-Walter-Scott-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet. Seine Spionin-Trilogie, deren zweiter Band „Das zweite Geheimnis“ ist, erzählt die Story einer mutigen Frau vor dem Hintergrund von drei Jahrzehnten deutsch-deutscher Geschichte.

Die Figuren Ria Nachtmann, Henning Nowak und Marga Dierks handeln jeweils in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Meist wird die Geschichte aus einer dieser drei Perspektiven erzählt und durch die Gedankengänge dieser Figuren gewinnt die Geschichte an Authentizität. Alle Charaktere sind erstklassig konzipiert, Haupt- und Nebenakteure bilden ein komplexes Gesamtkonstrukt. „Das zweite Geheimnis“ ist auch durch die stimmigen Protagonisten atmosphärisch ungemein gut. Titus Müller erzählerischer Stil ist großartig, er spielt mit gleich mehreren Spannungsbögen. Themen wie Folter in der Haft, Verhör- und Beschattungstechniken, erpresserische Manipulationen von Freunden und Familienmitglieder sowie Verrat sind nachvollziehbar geschildert, mit viel Emotionen, die unter die Haut gehen. Historische Begebenheiten wie die Weltfestspiele der Jugend oder die Enttarnung des Spions Günter Guillaume im direkten Umfeld des bundesdeutschen Kanzlers Willy Brandt werden in die Handlung integriert. Im Nachwort geht Titus Müller auf die historischen Ereignisse ein und bietet damit viele, interessante Hintergrundinformationen.

Diese Mischung aus Spionageroman, historischen Elementen und Beschreibung ganz alltäglicher Begebenheiten ist gründlich und ausführlich recherchiert, Dabei spannend und mit viel Tiefgang geschrieben. Der dritte Roman dieser Reihe erscheint im Mai 2023 und wird im Jahre 1989 spielen – der Fall der Berliner Mauer, der das Ende der DDR einläutet und wenig später zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten führt. Natürlich ist „Das zweite Geheimnis“ ein klare Leseempfehlung. Auch ohne den ersten Band zu kennen, ist das Buch gut les- und verstehbar. Die bisherigen beiden Bände der Trilogie gehören zum Besten, was über das komplizierte Verhältnis beider deutschen Staaten geschrieben worden ist. Das Echo der deutsch-deutschen Vergangenheit hallt nach.

Das zweite Geheimnis

Titus Müller

Heyne Verlag

Taschenbuch, broschiert, 432 Seiten, 16 Euro

ISBN: ‎978-3453441262

Weitere Informationen unter https://www.penguinrandomhouse.de/Autor/Titus-Mueller/p423137.rhd?gadsnetwork=x&gclid=CjwKCAjw-8qVBhANEiwAfjXLriJ51TZ9Hf5cneE0aS8xPxI0ECwv1iPu-9-Hx5C5k0xGGJ7iXfQadRoCkbIQAvD_BwE