Buchkritik/Rezension "Der Holländer", Matthijs Deen, mare Verlag. Ruhiger Krimi, souverän erzählt, die Liebe zum Wattenmeer spürt der Leser in jeder Zeile

In „Der Holländer“ spinnt Autor Matthijs Deen rund um Ebbe und Flut, Priele, Strömungen und Sandbänke einen komplexen Kriminalfall im deutsch-niederländischen Wattenmeer: Drei Extrem-Wattwanderer planen seit Jahren den gefährlichen Weg vom Festland nach Borkum in Angriff zu nehmen, sobald die Voraussetzungen stimmen. Wattwandern als Extremsport? Ja, gibt es, wie Deen im Buch schildert und es kann lebensgefährlich werden, wenn man sich nicht auskennt oder nicht minutiös vorbereitet ist. Die Wattwanderung vom Festland nach Borkum ist nur unter ganz bestimmten Konstellationen möglich, die nur alle paar Jahre auftreten, und gilt als „Mount Everest der Wattwanderer“. Als die Borkum-Wattwanderung und damit das Lebensziel der drei Freunde in greifbare Nähe rückt, läuft nicht alles wie erhofft. Zwei von ihnen gehen los, der dritte ist zu der Zeit in England und will nicht zurückreisen. Aber nur einer der Wanderer kommt durch. Der andere wird tot auf der Sandbank „De Hond“ gefunden, genau an der deutsch-niederländischen Grenze. Sein Begleiter steht unter Schock und ist psychisch labil. War es ein Unfall oder Mord? Nicht nur der Auffindeort der Leiche gibt Rätsel auf.

Autor Mathijs Deen, geboren 1962, wurde 2018 für die literarische Qualität seiner Werke der Halewijnpreis verliehen. Ein Band mit Kurzgeschichten war für den AKO-Literaturpreis nominiert. Im mare-Verlag erschienen bisher sein Romane „Unter den Menschen“ (2019) und „Der Schiffskoch“ (2021). Deen beschäftigt sich vor allem kenntnisreich mit maritimen Themen und passt ins Portfolio des mare-Verlags wie die Faust aufs Auge.

Sein sehr ruhiger Erzählstil, genau beobachtend, und die ausgezeichnete Kenntnis des Wattenmeeres, die Schilderungen dieses Naturphänomens, machen das Buch zu etwas Besonderem. Zur souveränen Sprache und den mit knappem, sicherem Strich exakt gezeichneten Figuren kommt ein lakonischer Humor, der immer wieder aufblitzt. Die Handlung ist schlüssig, die Spannung steigt ruhig, aber kontinuierlich, wie das auflaufende Wasser bei Flut.

Hauptperson ist „Der Holländer”, Liewe Cupido, der im Dienst der Bundespolizei und gern mal auf eigene Faust ermittelt. Der Holländer ist aber gar keiner – er wird von seinen deutschen Kollegen nur so genannt, weil er auf Texel aufgewachsen ist. Eine ideale Kombination, denn die Niederländer haben den toten Deutschen gefunden, die Leiche geborgen, bevor die Flut kam und nach Delfzijl gebracht. Es kommt zum Kompetenzgerangel zwischen niederländischen und deutschen Behörden, denn der Fundort liegt in umstrittenem Grenzgebiet: Mitten im Wattenmeer verläuft die deutsch-niederländische Grenze, die seit dem Vertrag von 1824 strittig und Gegenstand einer Reihe von Nachverträgen ist, die die Grenzpraxis regeln sollen.

Was diesen Krimi aus der Masse heraushebt, ist nicht der Kriminalfall. Denn die eigentlichen Hauptpersonen dieses Buchs sind die Emsmündung und das Watt zwischen Dollart und Borkum. Hier kommt die Stärke von Mathijs Deen voll zum Tragen, seine Landschafts- und Naturbeschreibungen, sprachlich bildhaft präzise und ohne jeglichen Kitsch. Seine Liebe zum Meer und diesem einzigartigen Ökosystem spürt der Leser in jeder Zeile.

Der Holländer

Matthijs Deen

Mare Verlag

Gebunden mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 20 Euro

ISBN: ‎ 978-3866486744

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/der-hollander-8674