Rezension / Buchkritik "Die Eloquenz der Sardine", Bill François, C.H. Beck Verlag. Unterhaltsam, spannend und ein sprachlicher Hochgenuss.

„Die Eloquenz der Sardine“ ist nicht nur ein ungewöhnlicher Buchtitel, sondern vor allem ein ungewöhnliches Buch. Autor Bill François erzählt in allererster Linie Geschichten und bringt dem Leser, auf unterhaltsame Weise so ganz nebenbei, moderne Wissenschaft nahe. Die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse sind daher weder trocken noch belehrend, sondern der Autor schildert die neuesten Ergebnisse aus der Meeresforschung auf eine vergnügliche und leicht verständliche Weise. Die Leidenschaft und die Liebe zum Meer mit allem, was darin lebt und gedeiht, erfasste ihn schon als Kind. Vermischt mit persönlichen Erlebnissen erzählt François von seinen zahlreichen Entdeckungstouren und Reisen zu den Meeresbewohnern, von antiken Forschern, mittelalterlichen Irrtümern sowie modernen Wissenschaftlern und vermischt in diesem Buch wissenschaftsbasierte Meeresbiologie, Historie, mythische Erzählungen und auch Autobiografisches in virtuoser Weise.

Der Physiker, der die Hydrodynamik aquatischer Organismen erforscht, hat in Frankreich einen renommierten Preis als bester Redner gewonnen. Das merkt man seinem Schreib- und Erzählstil an: Die Zeilen strotzen vor Poesie, Wortspielen, philosophischen Gedanken und sorgfältigster Wortwahl. Sein Ausdruck ist gewaltig, aber nicht sensationsheischend, sondern sanft und ruhig. Aus jedem Satz klingt die Liebe des Autors zum Meer, die Kapitel sind eine Hymne auf die Unterwasserlebewesen, das Buch mehr Liebesbrief als Erklärung. Der Text ist fabelhaft – im doppelten Wortsinn. Diese Sprache passt perfekt zu der magischen Unterwasserwelt, die Bill François schildert und die sich dadurch dem Leser offenbart: Er erzählt von den Sardinen, die ein choreografiertes Ballett aufführen und dadurch ihr Leben retten, von Austern, die das als Fremdkörper in sie eingedrungene Sandkorn so lange drehen und wenden, bis daraus eine Perle geworden ist, von der Einsamkeit eines Wals, der eine andere Sprache spricht als alle anderen Wale und daher keine Gesellschaft findet.

François ist den Unterwasserlebewesen überallhin gefolgt, um ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Selbst in der Kanalisation von Paris ist er fündig geworden: Hier leben Aale, Barsche, Döbel, Flusswelse und weitere Wasserbewohner. Er schildert Farben, Gerüche und Geräusche so plastisch und klar, dass der Leser meint, sie zu sehen, zu riechen und zu hören. Besonders eindrücklich sind die Beschreibungen der Kommunikationsformen der Meerestiere. Fische tauschen sich akustisch aus, aber auch durch Gerüche und wechselnde Farben der Schuppen, je nach Lichteinstrahlung. Elektrische und magnetische Felder sind wichtige Orientierungshilfen für viele Meeresbewohner. Menschliche Augen und Ohren nehmen nur einen Bruchteil dessen wahr.

„Die Eloquenz der Sardine“ ist voller überraschender Erzählungen über Wasserlebewesen: Beinahe hätte die Geschwätzigkeit von Heringen einen bewaffneten Konflikt ausgelöst. Während des Kalten Krieges bezichtigten die Schweden die Sowjetunion, heimlich ein U-Boot in ihre Gewässer eingeschleust zu haben. Trotz hohen Aufwands mit U-Booten und Flugzeugen war kein Eindringling zu finden, aber die Sonargeräte empfingen sehr deutlich Geräusche und aufsteigende Luftblasen schienen die Anwesenheit fremder Unterwasserfahrzeuge zu bestätigen. Schwedische Militärs, und damit auch die Politiker, glaubten an eine neue, überlegene Technik, und der Außenminister protestierte beim Kreml, der entrüstet alle Schuld von sich wies. Bis nach Jahren zivile Forscher herausfanden, dass die verdächtigen Geräusche und Luftperlen von Heringen stammten. Diese pupsen nämlich sehr vernehmlich mittels einer gasgefüllten Schwimmblase am Unterleib, um sich nachts zu verständigen und als Schwarm zusammen zu bleiben.

Bill François schreibt aber nicht nur von der Schönheit des Meeres und seiner Bewohner, François geht auch Problemen wie der Überfischung oder der Verschmutzung und Vermüllung der Meere und deren Auswirkungen auf den Grund.  Dabei ist er klar und deutlich und stellt die Folgen unserer modernen Lebensweise für die Meeres- und Flussbewohner dar. Dabei könnte Mensch vom Meer nicht nur als Nahrungs- und Erholungsquelle profitieren, sondern auch durch biomimetische Erfindungen, kurz Bionik genannt, dem Übertragen von Phänomenen der Natur auf die Technik. Wellblech ist ein Nachbau der extrem widerstandsfähigen Struktur von Jakobsmuscheln, Roboterarme imitieren die Wendig- und Geschmeidigkeit der Tentakel von Kraken, zahlreiche moderne Medikamente sind Kopien mariner Moleküle. Die Natur hat in Jahrmillionen Evolution geniale Lösungen hervorgebracht, die Wissenschaftlern und Ingenieuren weiterhelfen.

Diese Hommage an die Ozeane und die Lebewesen darin ist eine Unterwasser-Expedition im Sessel.  Die Faszination von Bill François und seine Sehnsucht zum Meer ist auf jeder Buchseite spürbar. Der Autor schafft es so, in bezaubernder Art und Weise, den Leser zu ködern und ebenfalls für eine faszinierende Lebenswelt zu begeistern. „Die Eloquenz der Sardine“ ist fesselnd, hoch unterhaltsam und spannend, dabei immer pointiert und ein sprachlicher Hochgenuss.

Die Eloquenz der Sardine

Bill François

C.H. Beck Verlag

Gebunden, 234 Seiten, 22 Euro

ISBN-13: ‎ 978-3406766909

Weitere Informationen unter https://www.chbeck.de/franois-eloquenz-sardine/product/31838165