Buchkritik / Rezension "Ferner Westen", Paulo Moura, mare Verlag. Tolle journalistische Reportagen einer Küstentour durch ganz Portugal

Der in Portugal als Reporter sehr bekannte Paulo Moura, hat sich in „Ferner Westen“ auf den Weg gemacht, das Leben an der portugiesischen Küste zu erkunden, vom äußersten Norden bis in den tiefsten Süden. Er hat mit Hafenarbeitern gesprochen, ist mit Fischern hinausgefahren, hat Aussteiger oder Dauercamper getroffen und auf seinem Weg, den er komplett mit dem Motorrad zurückgelegt hat, immer wieder Geschichten ausgegraben. Denn Moura ist Vollblutreporter, arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Redakteur für die Tageszeitung Público, in der diese Reportagen zunächst erschienen, bevor sie dann gesammelt in diesem Buch aufgelegt wurden.  Dem mare Verlag ist es zu verdanken, dass es diese unterschiedlich langen Preziosen jetzt auch erstmals in deutscher Übersetzung gibt.

Wie Menschen leben, wie sie über die Runden kommen, darüber schreibt Moura in allen seinen Reportagen und Büchern. Er ist immer auf der Suche nach lohnenswerten Geschichten, erzählt von Menschen und ihrem Leben, versucht zu verstehen, was sie bewegt. So erzählt der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autor auch vom Leben an der portugiesischen Küste, von den ärmsten der Armen und ihrem täglichen Kampf bis zur Lissaboner Elite, die sich Villen in den schönsten Badeorten als Refugium zulegen. So zeichnet Moura ein präzises und unsentimentales Bild einer Gesellschaft im Wandel, ein Kaleidoskop quer durch alle Schichten.  Im kleinen Dorf Afife stößt er auf ein verlassenes Tanztheater mit einer erstaunlichen Entstehungsgeschichte, in Tamera auf eine Kolonie deutscher Aussteiger. Er begleitet die Hafenarbeiter von Lissabon und die Fischer von Sesimbra bei ihrer harten Arbeit und erzählt von den portugiesischen Literaten, die im 19. Jahrhundert den vornehmen Badeort Figueira da Foz für sich entdeckten. Auf der kleinen Insel Berlenga traf er ein Pärchen, das dort auch im Winter lebt, völlig abgeschottet von der Zivilisation.

„Ferner Westen“ liest sich wie ein selbst erlebtes Roadmovie und ist durch die bildhaften Beschreibungen und die präzise Sprache Mouras gleichzeitig ein ganz besonderer und ungewöhnlicher Reiseführer. Von Viana do Castelo ganz im Norden über Porto die Lagune von Aveiro, Figueira da Foz, Nazaré, die Berlengha-Inseln, Lissabon, um das Cabo de Sao Vicente herum, den südwestlichsten Punkt des europäischen Festlands, bis an die Küste der Algarve mit ihren Lagunen und Flüssen. Moura beschreibt Portugals Landschaften, Städte und Dörfer. Durch die Begegnungen und Begebenheiten, die er auf dieser Reise hat, erfährt der Leser viel über die jeweiligen Menschen, ihre Heimatliebe, Anekdoten und Begebenheiten und lernt so etwas über die Seele Portugals. Als Reporter hat Moura nicht nur den Blick für besondere Geschichten, sondern versteht es auch meisterhaft diese umzusetzen. Sein Schreibstil ist flüssig, abwechslungsreich und bildhaft, er ist nah dran an den Menschen, aber hält auch Abstand, wenn es nötig ist. Liebevolle Landschaftsbeschreibungen wechseln sich dabei ab mit teils schwermütigen, melancholischen Erinnerungen seiner jeweiligen Hauptpersonen.  Sprachlich bleibt Moura dabei sehr präzise, klar und verständlich.

“Ferner Westen” gibt einen spannenden und sehr lohnenden Einblick in Welten, die dem Touristen in Portugal oft verborgen bleiben. Herausragend ist die Aufarbeitung der Geschichten im beobachtenden, nie wertenden Reportagestil. Beides macht dieses Buch absolut lesenswert und zu einem Hochgenuss.

Weitere Informationen unter: https://www.mare.de/buecher/ferner-westen-8669

Ferner Westen

Paulo Moura

Mare Verlag

Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 288 Seiten, 24 Euro

ISBN: 978-3-86648-669-0