Buchkritik / Rezension "Lost & dark Places Hamburg, Manfred Ertel, Bruckmann Verlag. Die Zeitreise in eine andere, vergangene Welt wird in diesem Buch zu einem Aufbruch ins Abenteuer.

In der Lost & Dark Places-Serie, die der Bruckmann Verlag 2020 erstmals aufgelegt hat, ist mit „Hamburg“ der insgesamt fünfzehnte Band der Buchreihe erschienen. Und man hätte kaum einen besseren Autor finden können als Manfred Ertel, 1950 in der Hansestadt geboren, der auf St. Pauli lebt, HSV-Aufsichtsratschef war, hier – bis auf einige längere Dänemark-Abstecher sein gesamtes Leben verbrachte – und fast 40 Jahre lang politischer Korrespondent sowie investigativer Autor beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL war und für seine Reportagen mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde. Zum einen kennt Ertel Stadt und Leute, zum anderen ist er nicht nur glänzender Rechercheur, sondern vor allem ein so hervorragender Schreiber, dass dieser Band die Geschichte der einzelnen Lost & Dark Places kurzweilig und mit einigen Döntjes erzählt. Dadurch sind sehr lebendige Texte entstanden, die einen guten Kontrast zu den eher düsteren Orten bilden.

Das Aufsuchen von alten und verfallenden Gebäuden in der näheren Umgebung hat sich für einige Menschen zu einem Freizeittrend entwickelt. Diesen Urbex-Trend (Urbex = Urban Exploration), Gebäude und Plätze zu entdecken und fotografieren, hat Manfred Ertel in seinem Buch aufgegriffen und 33 Orten in und um Hamburg mit ihrer meist vergessenen Historie eine neue Wertschätzung zu teil werden lassen. Diese kleinen Geschichtsstunden zeigen auch bekanntere Punkte, wie die Mausoleen in Ohlsdorf, die jeder Hamburger, der hier auf dem größten Friedhof Europas mit seinen herrlichen Parkanlagen einmal spazieren war, schon einmal gesehen hat. Aber nur wenige kennen die Geschichte der prächtigsten Exemplare wie dem Riedemann-Mausoleum des ehemaligen „Tankerkönigs“ und Mitgründers von „ESSO“, welches er seiner Tochter Sophie errichtete.

Auch das prächtige Portal des Dampfboot-Wartezimmers in den Kasematten der Lombardsbrücke, den Wohlerspark, das Überseezentrum oder das kleine Häuschen unter der Hochbahn am Baumwall, das 1904 extra für Kaiser Wilhelm II. als Ankleidekammer vor einem Spaziergang durch die damals sehr fortschrittliche Kanalisation Hamburgs diente, kennen viele, vor allem ältere, Einheimische. Aber einige der Orte sind echte Geheimtipps, die noch nicht einmal geborene Hamburger wirklich auf der Pfanne haben. Wer weiß schon, dass es mitten auf dem Festland in Wedel, einen U-Boot-Teich gibt, der 1943 eines der größten Rüstungsprojekte der Nazis werden sollte, mit riesiger unterirdischer U-Boot-Werft? Den Zugang zur Elbe sollte ein rund 600 Meter langer Kanal zur Elbe werden, dessen Zugangsstutzen noch am Wedeler Strandbad zu erahnen ist. Und jeder Hamburger kennt den Spielbudenplatz an der Reeperbahn, aber kaum jemand weiß, dass sich hinter der denkmalgeschützten Fassade der Hausnummer 26, einem absoluten Filetstück auf der Amüsiermeile, ein seit 30 Jahren ungenutztes Grundstück liegt, welches zunächst das Konzerthaus „Die neue Welt“ dann die erste rund um die Uhr geöffnete Kneipe der Stadt, die Hamburg-America-Bar und ab 1934 das damals modernste Sportbad Deutschlands beherbergte. Warum dieses Millionengrundstück brachliegt und was man damit machen könnte, das verrät Ertel in diesem Buch.

Ein weiteres derzeit noch ungenutztes Millionen-Grundstück mitten in Hamburg gehört dem Staat Tschechien. Ja, richtig gelesen, Saale- und Moldauhafen auf dem Kleinen Grasbrook sind tschechisches Hoheitsgebiet. Hier wurden einst westliche Waren in die und vor allem Industriegüter aus der Tschechoslowakei umgeschlagen, durch tschechische Angestellte, die hier auch in einem Wohnheim lebten. Schon seit langem ist der Betrieb eingestellt und das Gelände liegt brach, aber im Jahr 2028 läuft das Hoheitsrecht Tschechiens ab. Die Entwickler reißen sich schon heute um dieses weitere Filetstück, denn die HafenCity soll erweitert und der geplante Sprung über die Elbe Richtung Wilhelmsburg und Harburg mit Leben erfüllt werden. Dann werden aus Millionen- vermutlich eher Milliardensummen.

Dieses Buch enthält viele interessante, mysteriöse und wunderliche Geschichten, bei denen es sich lohnt, näher hinzuschauen. Eine Karte im Vorsatz gibt einen guten Überblick, wo sich die Lost Places befinden. Zu jedem der 33 verlassenen Orte gibt es die GPS-Daten und Anfahrtsmöglichkeiten, so dass man sie auch als Ortsunkundiger finden und entdecken kann. Zahlreiche Bilder geben zudem stimmige Eindrücke des jeweiligen Ortes, das historische Grundwissen des Objekts wird kurz und klar vermittelt. Was dieses Buch aber so besonders macht, ist die hervorragende, spannende Art dieser Wissensvermittlung. So wird die Zeitreise in eine andere, vergangene Welt in Ertels Buch zu einem Aufbruch ins Abenteuer. Kein Wunder, dass die 1. Auflage nahezu ausverkauft ist und demnächst wegen des großen Erfolges eine zweite, aktualisierte Auflage erscheinen wird.

Lost & Dark Places Hamburg

Manfred Ertel

Bruckmann Verlag

Broschiert, 160 Seiten mit vielen Abbildungen, 19,99 Euro

ISBN: ‎ 978-3734320484

Weitere Informationen unter https://verlagshaus24.de/lost-dark-places-hamburg?number=9783734320484