Rezension / Buchkritik Maigret und Pietr der Lette von Georges Simenon aus dem Atlantik Verlag. Erstlingsroman der Maigret-Reihe

Maigret und Pietr der Lette ist der erste Maigret-Roman von Georges Simenon, doch der heute weltberühmte Kommissar aus Paris erscheint in diesem ersten Fall, als sei er schon immer dagewesen. Das mag daran liegen, dass Autor Simenon sich langsam an seinen Kommissar herangetastet hat: vor diesem Buch hatte er unter Pseudonym bereits andere Detektiv- und Kommissar-Romane geschrieben und in mindestens vier der Vorläufer tauchen Kommissare namens Maigret auf. Maigret und Pietr der Lette, 1931 erstmals veröffentlicht, ist der erste Fall, den der Autor unter seinem Namen Georges Simenon herausgebracht hat.

Dabei hat Simenon Jules-Amédeé-Francois Maigret, wie der Kommissar mit vollem Namen heißt, auf wenige charakteristische Merkmale beschränkt: Pfeife, Melone, Mantel mit Samtkragen, großgewachsen, kräftig, scharfer Verstand und Chef der Brigade criminelle. Bereits in diesem ersten Roman tritt die Menschlichkeit des Kommissars zutage, sein Mitgefühl mit dem Verbrecher, seine Methode der Sympathie und sein Einfühlungsvemögen.

Pietr der Lette nennt sich der Anführer einer europaweit agierenden Betrügerbande. Als seine Ankunft in Paris angekündigt wird, will ihn Kommissar Maigret am Bahnhof Gare du Nord in Empfang nehmen. Doch im Zug befinden sich zwei Menschen, auf die die Beschreibung des Letten passt. Einer steigt in einem Luxushotel an den Champs-Élysées ab und nimmt Kontakte zu einem reichen amerikanischen Geschäftsmann auf. Der andere liegt ermordet in der Zugtoilette. Maigret muss sich entscheiden, welche der beiden Spuren die richtige ist. Dieser erste Fall spielt weitgehend in Paris mit einigen Abstechern nach Fécamp, einem kleinen Fischerort in der Normandie. Der ganze Roman besteht aus der Beschattung des im Luxushotel abgestiegenen Mannes. Er entschlüpft Maigret mehrmals und allmählich kommt dem Kommissar der Verdacht, dass der Lette sich mehrerer Identitäten bedient. Maigret verfolgt den Verbrecher unerschütterlich und hartnäckig, vor allem aber mit unendlicher Geduld.

Dabei zieht das Buch nicht nur aus den Figuren, die zu Gegenspielern werden, seinen Reiz, sondern aus der Verflechtung von weltweiter Bandenkriminalität mit der feinen Gesellschaft, die in Luxushotels wohnt und speist sowie und Opernpremieren beiwohnt. Simenon konstruiert gekonnt ein Doppelgänger-Spiel, bedient sich eines einfachen Erzählstils und stellt das Wesentliche plastisch und authentisch dar. Maigret wird dabei zu einem Idealbild des genießerischen, etwas behäbigen, aber gewitzten Franzosen. Trotzdem ist dem Buch der Erstling deutlich anzumerken und es ist sicher nicht einer der Top Ten-Bände des Maigret-Gesamtwerks.

Aber „Maigret und Pietr der Lette“ hat als Erstling eine zentrale Bedeutung im Reich der Maigret-Romane: Literaturgeschichtlich markiert das Buch den Schritt vom klassischen Whodunit, wer war der Täter, hin zum tiefergreifenden Whydunit, das Fragen nach dem Warum, den Umständen und Beweggründen eines Verbrechens. Für den Autor war „Maigret und Pietr der Lette“ das Coming out, erstmals unter eigenem Namen veröffentlicht, und Auftakt einer Reihe von insgesamt 75 Romanen und 28 Erzählungen um Kriminalkommissar Maigret. 1999 wurde das Buch bei einer Umfrage in Frankreich zu den 100 Büchern des Jahrhunderts von „Le Monde“ gewählt.

Maigret und Pietr der Lette

Georges Simenon

Atlantik Verlag/ Hoffmann & Campe

Taschenbuch, 240 Seiten, 12 Euro

ISBN 978-3455006957