Buchkritik / Rezension "Orte des Verbrechens", Manfred Ertel, Sutton Verlag. Tolles Sachbuch, das sich so spannend liest wie ein Thriller.

In „Orte des Verbrechens: Hamburg“ erzählt der mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnete, ehemalige SPIEGEL-Reporter Manfred Ertel von 33 tatsächlich passierten Verbrechen in der Hansestadt. Sogenannte „True Crime“-Geschichten sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden und können für viele Leser noch spannender sein als fiktionale Krimis. Kriminalfälle sind zwar meistens fesselnd, doch wenn sie tatsächlich passiert sind, hebt das die Geschichten auf ein ganz anderes Level, weil in der Regel beim Leser viele Emotionen ausgelöst werden: Das Spektrum reicht dabei von Angst und Verletzlichkeit bis hin zu Neugierde, Mitfiebern bei der Tätersuche, der Faszination am Bösen oder einer gewissen Genugtuung, wenn Täter einer gerechten Strafe zugeführt werden. Eine Besonderheit der True-Crime-Formate ist, dass auch psychologischen und andere Hintergründe ergründet werden.

Wenn diese dann auch noch wie von Manfred Ertel gut erzählt werden, sich dabei an Fakten haltend, ohne auszuschmücken oder der schönen Geschichte wegen reißerisch zu schreiben, dann weiß man wieder, was Qualitätsjournalismus einst bedeutete. Die Auswahl der Fälle ist dem Autor sehr gelungen, mit großer Bandbreite bei Taten und Fällen, aber auch vom Zeitlichen her. Vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Alstermord im Jahr 2016 reicht die Palette, aus vielen Jahrzehnten ist was dabei, Bekannte und unbekannte Kriminalfälle. Von der später hingerichteten „Engelmacherin von St. Pauli“ über den „Lord von Barmbek“, einem erfolgreichen Kneipenwirt, Einbrecher und Geldschrankknacker, der seinen Spitznamen der stets tadellosen Kleidung verdankte und der ersten weiblichen Bankräuberin der Bundesrepublik, die Mitte der 1960-er-Jahre 19 erfolgreiche Überfälle verübte, bevor sie gefasst werden konnte. Nazi-Terror von den ermordeten „Kindern vom Bullenhuser Damm“ 1944 bis hin zu einem der NSU-Morde am türkischstämmigen Gemüsehändler Süleyman Tasköprü am 27. ‚Juni 2001. Der erste RAF-Mord, Rockerkrieg und Kiezkartelle auf St. Pauli bis hin zu den spektakulärsten Fällen, die auch außerhalb Hamburgs Schlagzeilen machten wie der Auftragskiller vom Kiez, „Mucki“ Pinzner, der auch den ihn verhörenden Staatsanwalt, seine Frau sowie sich selbst erschoss, den Frauenmörder Honka, die Reemtsma-Entführung oder der Anschlag auf Tennisstar Monica Seles während des Rothenbaum-Turniers. Dazu Hamburgensien wie der Diebstahl des Störtebeker-Schädels aus dem Museum für Hamburgische Geschichte, die Story des verstorbenen Sprayers Oz, der über die gesamte Hansestadt verteilt mehr als 200.000 Tags, Bilder und andere Sprühereien hinterließ, oder über das sogenannte Crashkid Dennis, der schon mit 13 begann Autos zu stehlen und Hunderte zu Schrott fuhr. Und natürlich kommt auch der Hafen nicht zu kurz, mit der „Schwarze Gang“ vom Zoll, die regelmäßig Tonnen an Kokain und anderen Rauschmitteln entdeckt.

Alle Fälle sind aus bis heute erhalten gebliebenen Originalakten, Gesprächen mit den Ermittlern, Ausstellungsstücken aus dem Polizeimuseum Hamburg und der umfangreichen Berichterstattung der Lokalmedien recherchiert. Dazu gibt es vielen Fotos von Tätern und Tatorten sowie Beweisstücken. Ertel beschäftigt sich in den meisten Fällen mit Tätern und Opfer gleichermaßen, auch Motiv nehmen eine wichtige Rolle ein, ebenso die Gerichtsurteile und was mit den Tätern geschehen beziehungsweise in der Gegenwart ist. So werden nicht nur bei vielen Hamburgern Erinnerungen an einige Fälle hochkommen.  Mit einem erfrischenden Schreibstil, der die Lektüre der 160 Seiten sehr kurzweilig macht, wird tieferes Wissen vermittelt. Ein tolles Sachbuch, das sich so spannend liest wie ein Thriller.

Orte des Verbrechens: Hamburg

Manfred Ertel

Sutton Verlag

Taschenbuch, kartoniert, 160 Seiten, 22,99 Euro

ISBN: 978-3-963033964

Weitere Informationen unter https://verlagshaus24.de/orte-des-verbrechens-hamburg