Reportage einer Segelkreuzfahrt mit der Sea Cloud Spirit um alle kanarischen Inseln - das Schiff ist der Star und Blickfang in jedem Hafen

Das große „Ah“- und „Oh“-Erlebnis kommt bereits am ersten Vormittag an Bord: Gebannt starren die begeisterten Gäste immer wieder gen azurblauen Himmel, vor dem 28 knallweiße Segel an drei bis zu 58 Meter hohen Masten den Wind einfangen. 4.100m² Tuch, doppelt so viel wie bei der Gorch Fock, lassen die Sea Cloud Spirit die an Bug klatschenden Wellen schneiden.

Eine halbe Stunde zuvor hat die Deckmannschaft das laufende Gut losgemacht und auf Deck gelegt. Das ganze Tauwerk und Gerätschaften wie messingglänzende Winden schaffen auf den beiden Teakdecks eine unvergleichliche Atmosphäre. Das von Hand ausgeführte Setzen der Segel ist eine eindrückliche Show, gekrönt vom Aufentern der Deck-Crew, zwei je 25 Meter hohe Wanten hinauf an den drei Masten, gesichert nur durch ein parallellaufendes Seil. In luftigen 50 Metern Höhe steigen die Seeleute wie maritime Seiltänzer auf dünne Fußleinen entlang der Rahen und lösen die Segel.  Sobald sie wieder unten sind, werden alle Segel mit Brassen und Winden getrimmt, so dass sich das Schiff ausbalanciert in den Wind legt.

Um dieses Erlebnis bieten zu können, musste die Reederei lange ringen: Mit der Indienststellung des 138 Meter langen Windjammers schließt sich für Sea Cloud Cruises ein mehr als zwölfjähriger Planungs- und Bauprozess. Zwischenzeitlich war aber mehr als unklar, ob der Großsegler jemals zu Ende gebaut werden würde. Dabei hatte die Hamburger Reederei viel Potenzial im hochklassigen Nischenmarkt Segel-Kreuzfahrt gesehen und sich entschieden, neben ihren beiden Windjammern, der historischen Sea Cloud (Baujahr 1931, 64 Passagiere) und der Sea Cloud II (Baujahr 2001, 94 Passagiere), einen Neubau in Dienst zu stellen.

Bei der Ausschreibung wurden europaweit Werften angefragt, die spanische Factoria de Naval Marín in der Nähe von Vigo gewann und erhielt im März 2007 den Auftrag für den Bau eines neuen Dreimast-Passagierseglers, der ursprünglich 2009 unter dem Namen Sea Cloud Hussar hätte ausgeliefert werden sollen. Dieser Name sollte an den ursprünglichen Namen der „Sea Cloud I” erinnern, die 1931 auf der Kieler Germania-Werft für die Amerikanerin Marjorie Merriweather Post gebaut worden war. Das technische Design für das Schiff stammt vom Ingenieur und Schiffbauarchitekten Iñigo Echenique. Dafür mussten sogar die Werftanlagen vergrößert werden, denn zuvor wurden bei Naval Marín Schiffe gebaut, die kaum halb so lang waren. Die Kiellegung des neuen Schiffes erfolgte am 18. Juli 2008, doch im Sommer 2010 ging die Werft in Konkurs. Der Weiterbau des Schiffes mit einer Rumpflänge von knapp 128 m – einschließlich Bugspriet ist der Großsegler 138 m lang – wurde daraufhin zunächst eingestellt. Es begann eine jahrelange Ungewissheit und Warten auf das zum Großteil bereits bezahlte Schiff.

Erst am 18. Mai 2015 wurde der Kasko zu Wasser gelassen, aber weiter aufgelegt. Ende Juni 2015 kaufte die Nodosa Group in Pontevedra den Kasko von der Bank Bankia und es vergingen weitere drei Jahre bis sich für Sea Cloud Cruises die unerwartete Chance ergab, den bestellten Großsegler doch noch zu Ende bauen zu lassen: Die Karkasse war zwischenzeitlich aus dem Wasser genommen und konserviert worden, lag noch auf dem Helgen und befand sich, wie eine gründliche Inspektion ergab, noch in einem extrem guten Zustand. Der neue Besitzer der Werft wollte aber den Helgen unbedingt frei und das Schiff aus der Werft haben. Der Hamburger Reederei war es, nach einer finanziell schwierigen Zeit, gelungen, im Jahr 2016 eine Gesellschafterstruktur aufzubauen und genügend Geldgeber zu finden, um das Schiff in Dienst stellen zu können: Insgesamt 15 Gesellschafter sind an der Sea Cloud Spirit beteiligt, neben Sea Cloud Cruises-Gründern Hermann Ebel und Harald Block, vor allem Freunde und Bekannte der beiden Familien – alles Kaufleute aus dem Umfeld der Handelsschifffahrt.

Die Reederei schaut sich verschiedene Werften an und holt viele Angebote ein, bevor die Entscheidung schließlich fällt: Vor allem wegen des hochwertigen Innenausbaus und erstklassiger, meist einheimischer Zulieferer erhält die ansonsten im Megayachtbau tätige, ebenfalls in Vigo ansässige Metalships & Docks SA den Zuschlag. Im Herbst 2018 bekommt die Werft den Auftrag zur schlüsselfertigen Fertigstellung und die Karkasse kommt mit Schleppern, 50 km entlang der Küste, an den neuen Kai, um für den Weiterbau wieder aufgeslippt zu werden.

Aber das Reederei-Team ist mit dem ursprünglichen Konzept und dem Innendesign nicht zufrieden, beides soll moderner werden, um es den Bedürfnissen der zukünftigen Gäste besser anzupassen. In Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro Partner Ship Design aus Hamburg, das auch bereits die Sea Cloud II ausgestattet hat, werden die Gäste- und Funktionsbereiche des Dreimasters grundlegend überarbeitet. Auch einen neuen Namen bekommt der Großsegler, statt Sea Cloud Hussar wird das Schiff Sea Cloud Spirit heißen. Die Bauphase bezeichnet Geschäftsführer Daniel Schäfer als „Abenteuer, bei dem niemand auf eine Blaupause zurückgreifen konnte“. So werden auch umfangreiche strukturelle Arbeiten vorgenommen, darunter der aus Stabilitätsgründen nötige und das Schiff etwas verlängernde Ersatz des stählernen Hauptdecks durch ein leichteres Aluminiumdeck. Im Gegensatz zum Bau großer Kreuzfahrtschiffe, bei dem die Kabinen aus Kunststoffen vorgefertigt und dann eingebaut werden, bauen Handwerker alle Kabinen und Suiten einzeln ein. Auch die Möbel aus edlen Hölzern wie Mahagoni, Wurzelholz oder Teak sind von spanischen Tischlern mit der Hand gefertigt und keine Massenware.

Die Suiten wie hier die Balkonkabine wurden einzeln von Hand eingebaut, die Möbel entstanden in Handarbeit

Am 27. Oktober 2019 erfolgt ein erneuter Stapellauf, doch aufgrund der COVID-19-Pandemie kommt es im Jahr 2020 zu deutlichen Verzögerungen beim Weiterbau des Schiffes. Die Arbeiten müssen aufgrund der Ausgangssperren in Spanien unterbrochen werden. Die ursprünglich für den 20. August 2020 vorgesehene Taufe und die am 29. August geplante Jungfernfahrt werden abgesagt. Auch ein neuer Termin für die Jungfernreise am 22. April 2021 muss verschoben werden. Die Fertigstellung des Schiffes erfolgt schließlich am 29. April 2021 – zwölf Jahre später, als ursprünglich geplant. Am Kreuzfahrtterminal von Palma de Mallorca findet die Taufe des neuen Dreimast-Vollschiffs statt. Taufpatin ist Gabriela Toran, die Ehefrau des technischen Schiffsdesigners, Iñigo Echeniqu. Sie hat die Patenschaft für das Schiff übernommen, nachdem die ursprünglich vorgesehene Taufpatin, Infantin Elena von Spanien, kurzfristig absagen musste. Die für die Taufe verwendete Champagnerflasche ist in Santiago de Compostela gesegnet worden: Der spanische Anwalt von Sea Cloud Cruises, Javier Arias-Camisón, hatte mit einer 120 km langen Wanderung von Ferrol in den weltberühmten Wallfahrtsort sein Versprechen umgesetzt, nach erfolgreicher Fertigstellung des außergewöhnlichen Schiffes den Tauf-Champagner nach Pilgerung in Santiago weihen zu lassen.

Die Sea Cloud Spirit verbindet das Ambiente historischer Windjammer mit dem Komfort moderner Kreuzfahrt. Bis zu 136 Passagiere haben die Wahl aus vier Kategorien der 69 Außenkabinen und Suiten, darunter zwei Einzelkabinen. Erstmals auf einem Großsegler verfügen 22 Junior- und drei Suiten über Balkone, ein Novum ist auch der Fahrstuhl.

Lido Lounge
Lido Bar

Der Neubau verfügt über vier Passagierdecks: Unten befinden sich Wellness, Spa und Friseur, eine Boutique und eine seitlich an Steuerbord herunterklappbare Badeplattform, Schnorchelausrüstung und Stand Up-Paddel-Boards stehen zum Ausleihen bereit. Ein Deck höher liegt die Rezeption und das Restaurant, das einen 180-Grad-Panoramablick bietet. Darüber befinden sich vorne eine Bibliothek mit herrlicher Sicht voraus und im Mittelschiff eine Lounge im Stil der Zwanziger Jahre mit Steinway-Flügel. Achtern ist die herrlich an frischer Luft unter einem Segeldach angelegte Lido Bar, die auch als Bistro dient. Auf dem Sonnendeck ganz oben stehen Liegen und Zweier-Kuschel-Sessel bereit, im vorderen Bereich befinden sich Fitnessbereich, Brücke und Kapitänskabine. Gegenüber den beiden anderen Großseglern der Reederei fällt vor allem das deutlich verbesserte Platzangebot mit mehr Rückzugsmöglichkeiten auf.

Kapitän der Sea Cloud Spirit: Gerald Schober

Insgesamt 85 Crew-Mitglieder kümmern sich unter Kapitän Gerald Schöber aus Flensburg um den nautischen Betrieb des Schiffes und die Hotellerie an Bord. Mit den Fahrt-Eigenschaften des Schiffes ist der Kapitän sehr zufrieden: „Die Sea Cloud Spirit liegt sehr gut im Wasser und verfügt über hervorragende Segeleigenschaften.“

Konzeptionell ist das Schiff ein alternatives Angebot für Kreuzfahrer im Premium-Segment, die großen Passagierschiffen den Rücken kehren, aber auf Seereisen nicht verzichten möchten, so Geschäftsführer Daniel Schäfer: „Mit der Spirit bedienen wir als Reederei erstmals Faktoren, die von klassischen Kreuzfahrtkunden gewollt werden, wie Balkone, SPA oder Fitness. Außerdem bietet das Schiff im Gegensatz zu unseren beiden anderen Seglern, wo es etwas gemütlich enger zugeht, wesentlich mehr Platz und damit mehr Rückzugsmöglichkeiten außerhalb der eigenen Kabine sowie mehr Optionen für eine schöne Zeit zu zweit.“ Damit möchte die Hamburger Reederei neben dem großen Stammpublikum neue Kundensegmente für die außergewöhnlichen Seereisen erschließen. Denn Sea Cloud Cruises ist ein einzigartiges Produkt, die einzigen beiden Mitbewerber sind in einem ganz anderen Segment bzw. im englischsprachigen Markt tätig. Es geht darum, die Zielgruppe behutsam zu verjüngen auf einen Durchschnitt von 55 Jahren. Darum sollen auch mehr Landerlebnisse und -aktivitäten abseits des Mainstreams angeboten werden. Bewusst integriert Sea Cloud Cruises darum das alltägliche Leben und die Kultur in den besuchten Regionen in die Landprogramme: Wo immer es möglich ist, kauft die Reederei Lebensmittel und für den Bordbetrieb Erforderliches lokal ein und stärkt so zum einen die dortige Wirtschaft, zum anderen kommen die Passagiere in den Genuss der kulinarischen Spezialitäten der jeweiligen Region.

 

 

Was besonders auffällt an Bord, ist das hohe Service-Level: Kellner, die für die Kabinen / Suiten zuständigen Reinigungskräfte, Servierköche – das gesamte Hotelpersonal kümmert sich nicht nur hochprofessionell um den Gast, sondern ist vor allem auf eine Art und Weise freundlich und aufmerksam, die sehr natürlich und herzlich ist. So entsteht eine beinah familiäre Atmosphäre an Bord, die nicht aufgesetzt oder vorgegeben wirkt. Dieser besondere Sea Cloud-Spirit überträgt sich von den langjährigen Crewmitgliedern auf neues Personal. Jüngstes Crewmitglied der 21-jährige Kellner Fabian aus Kärnten, Barmann Anton Campos fährt mit 50 Jahren ebenso bereits die 25. Saison für Sea Cloud Cruises wie Bootsmann Martin Pacatang, der von sich sagt: „Ich habe mein halbes Leben an Bord verbracht, auf den Sea Clouds bin ich erwachsen geworden.“

Spaß bei der Arbeit: Kellner Florian, Barmann Anton, Servierkoch Hendrik

Neben den Segeln ist das Schiff mit einem verbrauchsarmen, dieselelektrischen Antrieb ausgestattet, der Schornstein ist im hinteren Mast verborgen. Damit ist die Sea Cloud Spirit bis zu 14 Knoten schnell. Traditionell von Hand gesegelt werden unter optimalen Windbedingungen rund 12 Knoten erreicht. Der Motor wird nur selten genutzt, vorgeschrieben ist das beim An- oder Ablegen. Ansonsten werden Segel gesetzt, wann immer es möglich ist, bis zu 12 Knoten schnell wird der Windjammer. Während auf anderen Schiffen Motoren wummern und vibrieren, werden die Passagiere auf der Sea Cloud Spirit vom Rhythmus der Wellen sanft in den Schlaf gewiegt.

Es ist genau dieses Erlebnis, dass die Passagiere auch tagsüber suchen: in salzig-frischer Seeluft gemütlich die Wogen abzureiten, entschleunigen, aufs Meer schauen und die Gedanken schweifen lassen. Das Schiff scheint eine majestätische Gelassenheit zu übertragen, viele Passagiere legen während der Reise ihre anfängliche Unruhe ab und genießen die Langsamkeit. Ein Hingucker ist es eh: In jedem Hafen bestaunen Spaziergänger, Skipper und Passagiere anderer Kreuzfahrtschiffe den strahlendweißen Dreimaster, an dessen Bugspriet als Galionsfigur ein goldener Greif fliegt. Die Sea Cloud Spirit weckt Sehnsucht – nach Wind und mehr.

Eleganz vs. Masse

Weitere Informationen zu Reisen mit der Sea Cloud Spirit unter https://www.seacloud.com/