Buchkritik Rezension "Selbst der beste Plan", Séamus Ó Grianna, mare Verlag. Irische Erzählungen mit bildhafter Sprache, etwas Besonderes

Wo gräbt der mare-Verlag nur immer solch unentdeckten, nicht gewürdigten oder zu Unrecht vergessene Preziosen wie „Selbst der beste Plan“ aus? Dieses Buch besteht aus Kurzgeschichten, die vom Leben der einfachen Menschen im irischen Nordwesten im beginnenden 20. Jahrhundert erzählen, und von den vielen Wendungen im Leben, die man eben nicht planen kann.

Irland hat eine lange und große Erzähltradition, vier Literaturnobelpreisträger hat das kleine Land hervorgebracht. Jahrhundertelang gab es professionelle Geschichtenerzähler, die vor allem auf dem Land sehr geschätzt wurden und in Wettbewerben gegeneinander antreten. Autor Séamus Ó Grianna ist selbst in Irland kaum mehr bekannt, dabei malt der 1889 als Sohn einer Familie von Dichtern und Geschichtenerzählern geborene Autor in seinen Stories ein großartig beobachtetes und beschriebenes Sittengemälde des Lebens der Menschen in seiner Heimat im äußersten Zipfel des County Donegal. Seine Geschichten spielen in den Rosses, im Westen der Grafschaft, weit abgelegen von Dublin. Bis heute ist Donegal, das bei der Teilung Irlands 1922 als eine von drei der neun Grafschaften Ulsters in der Republik Irland verblieb und nicht Nordirland zugeschlagen wurde, nur durch einen schmalen Streifen mit der Republik verbunden – aber mit einer langen Grenze zu Nordirland. So waren die Rosses auch Aus- und Einfallstor für die Umtriebe der Kämpfer der katholischen Republikaner der IRA einerseits und der protestantischen Unionisten der UDF. Ó Grianna setzte sich zeitlebens für die irische Unabhängigkeit sowie den Erhalt der irischen Sprache ein und saß mit vier seiner Brüder 18 Monate im Gefängnis, weil er im Bürgerkrieg die IRA unterstützte.

Die Welt, die Séamus Ó Grianna beschreibt, ist eines der spannendsten Kapitel der irischen Geschichte mit dem Kampf um Unabhängigkeit und den Osteraufständen 1916. Der Autor zeichnet ein liebevolles, genau beschriebenes Portrait einer rauen Landschaft und vor allem der Menschen im Kampf mit den Elementen und ihrem Leben im Einklang mit der Natur. Schwieriger Broterwerb mit Fischfang, Kartoffelanbau, Geflügel- und Schafzucht oder Torf stechen. Kein fließendes Wasser, kein Strom, kein Abwassersystem, dafür sind Krankheiten wie Masern, Typhus, Scharlach oder Tuberkulose weit verbreitet. Ein hartes Leben, bedroht durch Missernten und Unfälle, so dass es laut Ó Grianna in den Rosses nur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt: die Armen und die Elenden. Viele wandern aus, um der Armut zu entgehen, zum Arbeiten nach Schottland oder für viele Jahre nach Amerika. Wenn sie dann irgendwann zurückkehren, sind sie fremd in der Heimat und haben den Kontakt zu ihren Familien und Freunden verloren. Die Daheimgebliebenen versuchen nicht nur zurecht zu kommen, sondern das Beste aus der Situation zu machen. Sie versüßen ihr karges Dasein mit schwarzgebranntem Whiskey, Festen mit Fiedel und Gesang oder hören eben in großer Runde den Geschichtenerzählern zu.

Die Kurzgeschichten von Ó Grianna drehen sich um die Themen Liebe, Heirat, Meer und Auswanderung – meistens miteinander verknüpft. Und wie der Buchtitel schon andeutet, gibt es in den Erzählungen viele Wendungen, überraschende Enden, manchmal sogar eine Schlusspointe im allerletzten Satz, die die Geschehnisse auf den Kopf stellen. Die Pläne der Protagonisten gehen selten auf, das Leben hat anderes mit ihnen vor. Diese Erzählungen sind nicht nur wegen der bildhaften Sprache und dem trockenen Humor Ó Griannas etwas ganz Besonderes. Erstaunlich, dass sie schon fast vergessen waren und erst jetzt auf Deutsch veröffentlicht wurden.

Selbst der beste Plan

Séamus Ó Grianna

Mare Verlag

Gebunden, mit Schutzumschlag und Leseband, 368 Seiten, 24 Euro

ISBN: ‎ 978-3866486089

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/selbst-der-beste-plan-8608