Rezension / Buchkritik Westwall, Benedikt Gollhardt, Penguin Verlag. Lässt sich flott lesen, ein Thriller mit politischem Thema als Gerüst.

In “Westwall” geht es zum einen um eine rechtsradikale Gruppierung, die in den Wäldern der Eifel ihr geheimes Dasein zelebriert. Zum anderen um das Schicksal der Protagonistin und Polizeischülerin Julia, die an ihre Grenzen gelangt. In seinem Debutroman nimmt sich Benedikt Gollhardt gleich ein heißes Thema vor, dass nah an der Realität und hochaktuell ist: Rechtsterrorristen mit Beziehungen in hohe Verfassungsschutz- und Polizeikreise – wer da nicht gleich an die fürchterlichen Auswüchse des NSU denkt.

Benedikt Gollhardt war erfolgreicher Drehbuchautor, bekannt geworden durch preisgekrönte Serien wie „Türkisch für Anfänger“, „Edel & Starck” oder „Danni Lowinski“. Das merkt man dem Roman an, Orte und Personen werden ohne überflüssige Worte präzise und so bildlich beschrieben, dass der Leser förmlich den Wald oder den nassen Boden riecht und doch nur einen Moment später in den verpesteten Großstadtmuff katapultiert wird. Im Prolog wird ein Spannungseffekt gesetzt, der erst gegen Buchende aufgelöst wird.  Rückblende, bei der mehrere Handlungsstränge parallel erzählt werden, um dann wieder an der Ausgangsszene anzukommen. Von da aus läuft die Handlung nun weiter bis zu einem packenden Finale mit dramatischem Ende.

Das Buch fängt relativ langsam an und nimmt allmählich, aber stetig Fahrt auf. Bevor man es als Leser richtig mitbekommt, rast die Handlung und man sitzt quasi in einer Achterbahn. Denn es gibt sehr viele Wendungen mit einem unvorhersehbaren Gestrüpp aus Geheimnissen, Lügen, Täuschungen und Überraschungen. Dazu gelingt es Gollhardt die Charaktere und ihren Wandel gut darzustellen, wie und warum sich Menschen im Verlauf der Geschichte verändern, so dass am Schluss die Figuren allesamt innerlich verletzt oder zumindest verändert sind.

Die Orte der Handlung sind gut recherchiert, vor allem der Westwall mit der Schlacht im Hürtgenwald, dem blutigsten Kampf der US-Armee im 2. Weltkrieg in Europa. Auch ein Stück deutscher Geschichte, die der Autor ins Heute eingebaut hat. Der Westwall, die befestigte Westgrenze des 3. Reichs ist das größte militärische Bauwerk nach der Chinesischen Mauer. Das Bollwerk ist 630 km lang, mit 15.000 Bunkern, noch mehr Panzersperren, Tunnelsystemen und Gräben. Im Hürtgenwald sind noch heute, knapp 80 Jahre später, Spuren der Kampfhandlungen zu entdecken.

Der Westwall ist ein geniales Setting für so einen Thriller. Ein Symbol für alles, was überwunden zu sein schien und was plötzlich wieder zur ganz realen Drohkulisse wird: faschistisches Gedankengut, nationale Abgrenzung und aggressive Propaganda. Gollhardt gelingt es eine mystisch, düstere und fast unheimliche Stimmung zu schaffen, der Leser ist ständig auf Unheil eingestellt – Nervenkitzel der besonderen Art. Ein weiterer großer Pluspunkt ist der interessante Infoteil am Ende, mit einem Interview des Schriftstellers sowie mehrere Seiten Fakten zum Westwall.

Bei einem so erfolgreichen Drehbuchautor ist es kein Wunder, dass das Buch auch erfolgreich verfilmt werden konnte. Das ZDF hat daraus eine Serie mit sehr guten Einschaltquoten gemacht (Link zur Mediathek s.u.) Gollhardt zeichnet bei seinem Debut ein glaubhaftes, verstörendes Bild rechtsradikaler Netzwerke. Lässt sich flott lesen, ein Thriller mit politischem Thema als Gerüst.

Weitere Informationen unter https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Westwall/Benedikt-Gollhardt/Penguin/e541099.rhd

Die TV-Serie gibt es in der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/suche?q=westwall&synth=true&sender=Gesamtes+Angebot&from=&to=&attrs=

 

Westwall

Benedikt Gollhardt

Penguin Verlag

Broschiert, 496 Seiten, 15 Euro

ISBN: ‎ 978-3328104124