Reportage einer Expeditionskreuzfahrt mit der Le Soléal von Ponant entlang der Küste von Tschukotka, dem Land der Tschuktschen

Am Ende des Kontinents ist es erstaunlich schön: warme Rot-, Gelb- und Brauntöne bestimmen die Tundra-Landschaft, dazu winzige blaue und gelbe Blumen, Rispenkraut sowie wenige Gräser und Kräuter. Weit jenseits der Baumgrenze krallen sie sich in den Permafrostboden und blühen nur im knapp dreimonatigen arktischen Sommer, in dem die Temperaturen Höchstwerte um 5 Grad Celsius erreichen.Im Winter herrschen im Land der Tschuktschen minus 25 Grad, bis zu minus 40 sind möglich, neun Monate klirrende Kälte.

 

Buntschillernde Flechten und Moose zeichnen farbige Muster auf die Steine, ein starker Kontrast zum tiefen Blaugrau der Küstengewässer. Doch gleich hinter der Steppe wird es wild und absolut kahl, eine scheinbar endlose Frostschüttwüste mit viel Geröll und großen Felsbrocken erstreckt sich vor zerklüfteten Hügeln und Berghängen. Kargheit und Kälte zeichnen Kap Dezenev, den östlichsten Punkt Asiens aus, den nur die Beringstraße und 82 Kilometer von Alaska trennen.

Wie Besucher aus einer anderen Welt begeben sich die rund 200 Gäste an Bord der „Le Soleal“ auf eine Expedition ins Unbekannte. Tschukotka, die autonome Provinz der Tschuktschen, im äußersten russischen Osten gelegen, war jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet. So erleben die Kreuzfahrer eine Region, die so entlegen und noch unbekannt ist wie kaum eine andere: keine 500 Touristen sind im gesamten Jahr 2017 in dieses Gebiet vorgedrungen. Keine Lichter an den Küsten, keine Motorengeräusche, lediglich Schotterpisten rund um die vereinzelten Siedlungen und Dörfer, die Passagiere sind jenseits jeglicher im Westen bekannten Zivilisation. Die Natur gibt den Takt vor, scharfe Winde peitschen die Tundra, die Einsamkeit regiert. Auf einer Fläche von 737.000 Quadratkilometern, das entspricht mehr als der doppelten Größe Deutschlands, leben gerade einmal 50.000 Einwohner. Der bekannteste ist Milliardär Roman Abramowitsch, der mit seinem Spielzeug, dem Fußball-Klub Chelsea London die Champions League gewann, und bis Sommer 2013 Gouverneur von Tschukotka war.

Auf dem Flughafen der Hauptstadt Anadyr macht das Personal Fotos von der Maschine, die die Reederei Ponant ab Paris gechartert hat, ein so großer Airbus ist hier noch nie gelandet. Bei der Abholung geht das Abenteuer los; den alten Militär-Pickups, in denen die Passagiere in Fünfer-Gruppen zum Hafen gebracht werden, hätte der deutsche TÜV die Zulassung schon vor zehn Jahren verweigert. Am Kai liegen rostige Fischtrawler und daneben – welch ein Gegensatz – die Le Soleal, schnittige Superyacht mit eleganter Linie, Eisklasse 1C mit verstärktem Rumpf.

An Bord ist man sofort wieder in einer anderen Welt, modernes Design, edles Material, geräumige Kabinen. Neben der obligatorischen Seenotrettungsübung müssen alle Passagiere am ersten Tag auch an der Veranstaltung zu den Regeln der Arctic Expedition Cruise Operators (AECO), dem Zusammenschluss der in der Arktis verkehrenden Kreuzfahrtanbieter, teilnehmen.

Man unterschreibt keinen Müll liegen zu lassen, keine Blumen zu pflücken und keine Knochen, Steine oder sonstigen Trophäen mitzunehmen. Eigentlich Selbstverständlichkeiten, aber die Versuchung Souvenirs einzustecken, scheint für manche sehr groß zu sein, wie der 53-jährige Nicholas Dubreuil trotz umfangreicher Aufklärung auf Expeditionskreuzfahrten bereits mehrfach entdecken musste.

Dubreuil führt ein großes Expertenteams an, zehn Naturkundler bringen unter Leitung des in Grönland lebenden, bekanntesten französischen Polarforschers den Passagieren Fauna und Flora der Arktis näher – in Vorträgen, Lesungen und natürlich mehreren Landgängen pro Tag. Darunter sind Walexperten, Ornithologen, Geologen, Klima- und Völkerkundler, Meeresbiologen, Polarwanderer, dazu zwei einheimische Scouts. Die Experten erklären auch den richtigen Ein- und Ausstieg sowie das Verhalten auf den zwölf Zodiacs, die bei allen Landgängen eingesetzt werden. Während der Fahrt sitzenbleiben und an den Seilen festhalten, die Erfahrenen sitzen hinten, um keine Gischt oder Wellen abzubekommen.  Auch die richtige Kleidung ist unentbehrlich, vor der Reise haben alle Gäste eine Checkliste bekommen. Wichtigste Utensilien: kniehohe Gummistiefel sowie wasser- und winddichte Hosen, denn bei den Anlandungen mit dem Zodiac kann es vorkommen, dass man knietief im Wasser steht – und die nächste Welle kommt bestimmt. An Bord bekommt jeder Teilnehmer von der Reederei noch einen roten, arktistauglichen Expeditionsparka geschenkt.

Der Parka hält nicht nur wunderbar warm, sondern ist auch weithin sichtbar. Wichtig, falls sich Passagiere beim Landgang zu weit entfernen. Denn leicht vergisst man angesichts der fantastischen Umgebung, wie schnell es hier in der Wildnis brenzlig werden kann. Bei jedem Landgang fahren Nicholas und sein Expeditionsteam als Vorhut voraus. Im 180 Grad Radius schwärmen die erfahrenen Entdecker dann aus, erkunden und sichern das Gelände, postieren sich mit Gewehren, um eventuelle Angriffe von Bären abzuwehren. Denn der Kamtschatka-Bär ist mit bis zu 3 Metern größer als der Grizzly und noch gefährlicher, weil deutlich angriffslustiger. Nach gründlicher Erkundung richtet das Team Stationen ein, um den Kreuzfahrern die Besonderheit des ausgewählten Ortes näherzubringen: da liegen gewaltige Walkadaver und –knochen am Strand, etwas weiter die Barten in der Grassteppe. Dort steht auch eine vom Wetter gezeichnete Hütte, die Jägern als Unterkunft dient, ein mit Walhaut bespanntes Boot ist davor aufgebockt. Am Ende des Strandes erläutert Geologe Stephane die verwitterten Steinformationen, deren vielen verschiedenen Linien von den Erdzeitaltern künden und zeigt im Fels versteckte Fossilien.

Besser aus respektvoller Entfernung betrachten: Kamtschatka-Bären

Die Möglichkeiten für Landgänge haben Kapitän Etienne Garcia  und Expeditionsleiter Dubreuil gemeinsam mit russischen Führern auf einer längeren Scoutingtour mit einem einfachen Trawler ein halbes Jahr zuvor erkundet. Denn eine Expeditionskreuzfahrt ist nur bedingt eine Erholungsreise: Wetter- und Seebedingungen bestimmen die Route, die von der Planung auch mal abweichen kann, und die Startzeiten für die Landgänge. Es kann schon mal spontan vor Tagesanbruch oder zur Zeit des Mittagessens losgehen. So wie in Lorino, mit 1.300 Einwohnern größte Siedlung der Ureinwohner Tschukotkas.

Viele Kinderspielplätze im kleinen Ort verraten, was eine der Lieblingsbeschäftigungen an dunklen, langen Wintertagen sein muss. Folgerichtig sind 60 Prozent der Einwohner Lorinos jünger als 16 Jahre. Mächtige Satellitenschüsseln, das Flackern von Bildschirmen sowie einige Bars, die bereits mittags gut frequentiert sind, zeigen weiteren beliebten Zeitvertreib. Die meisten Einwohner leben in einfachen, bunt gestrichenen Holzhäusern, deren Farbe größtenteils verwittert ist. Etwas Moderne ist aber auch hier angekommen: Reihenhäuser mit dem typischen sozialistischen grauen Betoncharme. Das Nötigste ist da, ein großer Kindergarten, Schule, Postamt, Einkaufsladen, Krankenhaus und eine Zuchtstation für Polarfüchse. Die Tschuktschen sind hervorragende Jäger und ernähren sich vorwiegend von Wal- und Walrossfleisch, Robben, Seehunden, Fisch und Rentieren.

Wie ihre Vorfahren jagen die arktischen Walfänger in kleinen, offenen, gut manövrierbaren Booten aus Wal- oder Walrosshaut, den „Baidars“. Mit einfachen Wurfharpunen, auf dem oft aufgewühlten, eiskalten Meer. Gejagt wird zusammen, erlegt die Gruppe einen Wal, wird das Tonnen schwere Tier Richtung Strand gezogen und sofort zerteilt. Jeder erhält seinen Anteil. Teilen gehört hier zum Leben, ist notwendige Solidarität, will man am Polarkreis überleben. Alles vom Tier wird verwertet, der Rest ist für die Hunde bis nur noch das blanke Gerippe daliegt.

Zurück an Bord,  draußen auf der Bering-Straße, klatschen vier bis fünf Meter hohe Wellen an den Bug und der Wind bläst mit Stärke 8 direkt von vorn aus Norden. Doch die meisten Passagiere sind begeistert, rund um das Schiff schwimmen immer wieder Belugas, Grau-, Mink- und Buckelwale. Während der gesamten Reise sind jeden Tag mehrmals ganze Familien zu sehen.

 

So viele der großen Meeressäuger, dass ihre Fontänen das Wasser zum Kochen zu bringen scheinen. Auf der für die Passagiere jederzeit zugänglichen Brücke gibt Kapitän Garcia ab sieben Uhr morgens über Bordlautsprecher bekannt, wenn Sehenswertes aus dem Meer, in der Luft oder an der Küste auftaucht und die  Passagiere eilen zwischen Backbord und Steuerbord hin und her, um ja keine Fotogelegenheit zu verpassen. Wo der Mensch vor der Naturgewalt zurückstecken muss, kann sich die Tierwelt ungestört entwickeln: Große Walross- und Robben-Kolonien liegen auf Felsen und an Stränden,  Schwärme von Kormoranen, Reihern und unterschiedlichen Möwenarten ziehen am Schiff vorbei.

Aber selbst in dieser einsamen Gegend hat die Weltpolitik eingegriffen, stumme Zeugen sind von Stacheldraht umgebene Fertigbetonbauten auf den beiden Diomeden-Inseln. Auf der großen ist Russland der Hausherr, auf der nur vier Kilometer entfernten kleineren die USA. Von hier aus belauschen und belauern sich die Weltmächte seit dem Kalten Krieg. Die beiden Eilande trennt noch mehr als die Politik, hier verläuft auch die Datumsgrenze. Geht auf Klein Diomede der Donnerstag zu Ende, ist auf Groß Diomede noch Mittwoch. So können die Kreuzfahrer nach dem Überqueren der Datumsgrenze ganz ohne hellseherische Fähigkeiten in die Zukunft schauen, weil das Gestern nur wenige Minuten weiter zum Morgen geworden ist.

Im Dorf Enmelen, am vorletzten Tag der zehntägigen Kreuzfahrt, soll seit acht Jahren kein Schiff mehr gewesen sein. Entsprechend bestaunen vor allem die Kinder die Fremden mit ihren roten Jacken. Hier werden Traditionen gepflegt und weitergegeben, denn auf ihre Wurzeln sind die Einwohner sehr stolz. Schon die Kinder lernen die Bräuche und Rituale ihrer Ahnen. Im Kulturzentrum führen sie stolz Tänze und Lieder vor, in denen von der Jagd erzählt wird, vom auftauchenden Wal, dem Keuchen der Walrösser, vom dumpfen Grollen des Kamtschatka-Bären. Am Nachmittag führt der Landgang auf die Insel Ittigram zu einer schamanischen Kultstätte der Ureinwohner, die aus dem 15. Jahrhundert stammen soll, aber erst 1976 entdeckt wurde: die Allee der Walknochen, ein 500 Meter langer Pfad, der von gigantischen Walrippen auf beiden Seiten 5 Meter hoch gesäumt war und zu einem Rondell aus Walgerippe führte. Doch es stehen nur noch vereinzelte Artefakte, reiche Russen haben die symbolträchtige Stätte plündern lassen, die Trophäen sollen die Wände mancher Datscha einnehmen.

Von der Allee der Walknochen ist nicht mehr viel übrig

 

Zurück im Ausgangs- und Zielhafen Anadyr erscheint nach all der Abgeschiedenheit und Ruhe selbst das beschauliche 13.000 Einwohner-Städtchen wie eine pulsierende Metropole. Wie sehr dieser Ausflug in eine nahezu unberührte Welt mit ihren spektakulären Naturerlebnissen nachwirkt, merkt man noch Wochen später – es dauert eine geraume Weile bis man sich wieder an den Großstadtlärm gewöhnt hat.

Anadyr ist ein auf dem Reißbrett geplantes, sozialistisches Städtchen