Reportage über die Graffittis in Valparaiso, die chilenische Hafenstadt ist mit Weltklasse-Straßenkunst bedeckt und eine Augenweide

Seemänner und Fischer, Sänger und Dichter – seit Jahrhunderten besingen Arbeiter wie Künstler gleichermaßen die Schönheit Valparaisos. Die Lobpreisungen, darunter zahlreiche Gedichte von Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda, gelten der auf einer Hügelkette mit 42 Hängen erbauten Farbenpracht, die wie ein Amphitheater die Bucht mit dem tiefblauen Pazifik einrahmt und die Verlockung bereits im Namen trägt: Va al paraiso – komm ins Paradies! So erzählen es zumindest viele Einheimische. Einer anderen, nicht weniger schmeichelhaften, Legende nach, nannten die Spanier die Bucht, die sie 1536 entdeckten und in Besitz nahmen, Paradiestal (Val Paraiso).

 

Die Bewunderung gilt heute sicher nicht den Beton- und Glaspalästen im Zentrum oder dem ziemlich verfallenen Hafenviertel, sondern den sich auf den Hängen der Hügel emporziehenden alten Stadtteilen mit den vielen kleinen buntbemalten Häusern, den Wandgemälden und den großformatigen Graffitibildern. Die gesamte Altstadt von Valpo, wie die Stadt von den Einheimischen genannt wird, wurde im Jahr 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Diese Viertel mit ihren schmalen, sich die Hügel hinaufwindenden Gassen und dem Panoramablick auf den Pazifischen Ozean waren schon bunt, lange bevor die Spraydose erfunden wurde. Viele der einfachen Holz- und Blechhütten, aber auch einige der prächtigen Villen, haben blaue, gelbe, rote, grüne oder kunterbunte Außenwände mit Fensterrahmen in knalligen Farben.

Die Touristenführer erzählen, dass früher die Fischer ihre Häuser unterschiedlich anpinselten, um sie bei der Arbeit vom Wasser aus sehen zu können. Eine andere Geschichte besagt, dass die Werftarbeiter Reste vom Schiffslack der Reedereien mit nach Hause nehmen durften und ihre Wände damit bemalten. Wer auch immer damit angefangen hat, die Nachbarn zogen nach und bemalten bald nicht nur ihre Häuser, sondern auch Mauern und Treppen, von denen es in den hügeligen Vierteln einige gibt. Es blieb nicht beim einfachen Anstrich, die talentierteren Anwohner zeichneten mit Pinseln und Rollen ihre farbenfrohen Lieblingsmotive in der Tradition der typisch lateinamerikanischen “Murales” auf die Steine.

“Du bist ein Regenbogen vielfältiger Farben, Valparaiso, du großer Hafen…”                      Das lockte zunächst einheimische Künstler und Kreative an, die den weniger begabten Hausbesitzern Bilder auf die Mauern pinselten. Dann zogen auch immer mehr Auswärtige nach Valparaiso: Dichtung, Musik und Malerei spielten in der Stadt eine große Rolle, zahlreiche chilenische Künstler und die, die sich dafür hielten, ließen sich hier nieder. Der bekannteste ist der chilenische Volksheld Pablo Neruda, der die Hauptstadt Santiago nur als großen grauen Bruder sah.

Der Dichter, der 1971 den Nobelpreis für Literatur erhielt, widmete der bunten, lebendigen Stadt die Zeilen “Du bist ein Regenbogen vielfältiger Farben, Valparaiso, du großer Hafen. Was für ein Kopf zerzauster Hügel, den du nie fertig gekämmt hast. Nie hattest du Zeit, dich anzuziehen und immer warst du vom Leben überrascht.“

Neruda kaufte 1959 die Villa „La Sebastiana“ mit Blick über die gesamte Bucht für seine damalige Geliebte und spätere dritte Ehefrau Matilde Urrutia und ließ das Haus bis 1961 umbauen. Heute ist in den original erhaltenen Wohnräumen ein Museum für den großen Dichter untergebracht, das sich bei Touristen großer Beliebtheit erfreut.

 

Valparaiso ist Heimat der Bohéme und der kreativen Köpfe geworden. Die lokale Regierung unterstützt und fördert mittlerweile die Streetart-Kultur. Als Ergebnis ist die Stadt mit Weltklasse-Straßenkunst bedeckt und eine Augenweide. Hotels, Geschäfts- und Wohnhäuser werden heute bewusst mit buntbemalten Fassaden ausgestattet und bilden den Rahmen für die äußerst facettenreichen Wandmalereien.

Sie setzen auch eine lange Tradition fort, politische Graffitis gab es in der Universitätsstadt bereits nach dem Putsch und zu Zeiten der Militärdiktatur Anfang der 1970-er Jahre. War dies früher eine Protestform, so ist dies heute viel mehr Kunst, auch wenn immer noch Sprüche und Bilder die immer weiter klaffende Schere zwischen arm und reich, die industriellen Fangflotten im Pazifischen Ozean, Umweltverschmutzung oder die in Chile immer noch eingeschränkte Frauenrechte kritisieren.

Da immer mehr Touristen wegen der Kunstwerke im Freien kommen, gibt es einige gut organisierte Straßenkunst-Touren. Es gibt mehrere Routen, die meisten, besten und vielfältigsten Werke befinden sich in den Gassen der Hügel (cerros) von Alegre, Bellavista, Carcel, Concepción und Pateon.

Man braucht einen langen Atem, wenn man als Besucher die Aussicht genießen will. Neruda hat den Aufstieg zu poetischer Prosa komprimiert: “Wie viele Treppen, wie viele Stufen, wie viele Füße auf den Stufen, wie viele Jahrhunderte von Schritten, treppauf, treppab…”

Neruda-Gedicht auf den Stufen
Neruda-Gedicht auf den Stufen

Politische Graffitis und verspielte Gemälde                                                                                            Eine Ikone der Straßenkunst ist das Freilichtmuseum (“El Museo a Cielo Abierto”) bei Bellavista, weltweit das erste seiner Art. Bereits 1969 geplant, wurde die Umsetzung wegen der Militärdiktatur unter Pinochet verschoben. Erst 1992 kamen rund 70 Künstler zusammen, um das Projekt umzusetzen, darunter die wichtigsten chilenischen Maler wie Mario Careño, Eduardo Pérez, Maria Martner und Roberto Matta. Die 20 dabei entstandenen Wandgemälde sorgten für eine Renaissance der Straßenkunst: viele andere nationale und internationale Künstler kamen nach Valparaíso, um ebenfalls bunte Spuren zu hinterlassen.

Seitdem sind viele Wandgemälde dazugekommen und Maler sowie Sprayer haben viel experimentiert. Es wurde nicht nur gepinselt und gesprüht, sondern auch geklebt sowie mit Materialien wie Sand, Plastik oder Stoffen gearbeitet. Die Bilder auf den Hügeln von Valparaiso begeistern auch durch die technische Vielfalt der Künstler.

 

Hier finden sich Werke der in der Graffiti-, HipHop- und mittlerweile auch in der Kunstszene hochgehandelter Künstler wie INTI, Pure Evil, Aislap, Dasic Fernandez, Dana Pink und der Graffiti-Gang Un Kolor Distinto, die als Urban Artists weltweit bekannt sind. Getreu dem Mantra der Graffitiszene „Wähle die Leinwand, die Du willst“ prägen ihre riesigen Bilder als Highlights die Gassen der Hügel. Zumindest für Sprayer und Urban Artists ist Valparaiso zum Paradies geworden: was in Deutschland noch oftmals illegal auf Zügen oder Hauswänden hinterlassen wird und als Sachbeschädigung verfolgt wird, ist in Valparaiso ein Touristenmagnet.

Flug nach Santiago de Chile ab Frankfurt:                                                                                                     LATAM ab 748 Euro (Economy / Zwischenlandung in Sao Paulo)

Lufthansa ab 996 Euro (Economy / Zwischenlandung in Buenos Aires)

Vom Flughafen Santiago kostet das Taxi etwa 100 Euro. Besser man nimmt den Bus: Turbus fährt für 2,20 Euro in die Stadt (Haltestelle Los Pajaritos), von dort fahren zahlreiche Busgesellschaften zum ZOB Valparaiso ( z. B. Pullman10 Euro, Fahrtzeit ca. 1 Std. 45 Minuten)

Mit dem Kreuzfahrtschiff die Chilenischen Fjorde, Patagonien und Kap Hoorn entdecken ab Valparaiso mit Vorprogramm in der Stadt bietet z. B. Ponant mit seiner Superyacht Le Soleal an, 14 Tage inkl. Flug ab 7070,- Euro p. P.

Hotel: Reina Victoria, DZ ab 75 US-Dollar, Viavia, DZ ab 65 US-Dollar, Ultramar DZ ab 117 US-Dollar

Es werden zahlreiche Touren durch die Altstadt angeboten, viele mit dem Fokus auf Straßenkunst und das Freilichtmuseum. Eine sehr gute Tour, die auch auf individuelle Wünsche eingeht bietet Ruta Valparaiso (http://www.rutavalparaiso.cl )

La Sebastiana: Das Wohnhaus von Nobelpreisträger Pablo Neruda (692 Ferrari Street) hat dienstags bis sonntags von 10 – 18 Uhr geöffnet.

Tipp: Unbedingt Funicular fahren: Valparaiso ist die Stadt der Standseilbahnen. Die erste wurde 1883 eröffnet, heute gibt es noch neun regelmäßige Routen zwischen den Vierteln an den Hängen. Der steilste Aufzug hat einen Steigungsgrad von 70 Prozent. Linie Nr. 8 (El Perál) fährt vom Justizpalast hoch zum Paseo Yugoslavo, einem Balkon mit Spitzenblick über die Bucht.