Hindus baden im heiligen Fluss Ganges

Von Peter Tönnishoff

Auch auf dem Ganges sind Kreuzfahrten möglich. Die im Kolonialstil gehaltene „Bengal Ganga“ pendelt von Herbst bis Frühjahr zwischen Kalkutta und Simaria. 

 Die Ankunft auf dem Flughafen Indira Gandhi International in Delhi wird sozusagen gekrönt durch die Begegnung mit einer prominenten Frau. Das ist doch? Ja, sie ist es: Umschirmt von athletischen Bodyguards, huscht die blonde Mette-Marit, Kronprinzessin von Norwegen, vorbei. Ein unauffälliges Schild im Airport-Empfangsbereich mit der Aufschrift „Royal Princess“ hat zunächst irritiert, denn – und das kann passieren, wenn man  bisweilen „in Schiffen“ denkt – ein Cruiser mit diesem Namen war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht getauft. Aber der Hinweis galt eben nicht als Wegweiser für Passagiere in Hundertschaften-Stärke, sondern allein der Frau aus königlichem Hause.

Die Bengal Ganga fährt seit 2009 auf dem Ganges
Die Bengal Ganga fährt seit 2009 auf dem Ganges

Herzlicher als an Bord der „Bengal Ganga“  aber kann ein Empfang wohl kaum sein. Strahlend begrüßen Kapitän Mahadev Naik, Cruisedirektor Vishnu Singh und die Crew die neuen Gäste aus Germany: „Namaste, herzlich willkommen!“ Der fließend deutsch sprechende, stets gleich-bleibend freundliche Guide Sumit freut sich, dass bei der von ihm begleiteten Anreise zum Schiff alles geklappt hat.

Ein bisschen Eisenbahn-Romantik

Die vorangegangene Landpartie von Patna, die mit dem Flieger erreichte Hauptstadt des ostindischen Bundesstaates Bihar, zum Liegeplatz des Schiffes in Bateshwarsthan wr schon ein kleines Abenteuer. Wie eine exotische Folge aus der auf ARD-Kanälen oft ausgestrahlten TV-Serie „Eisenbahn-Romantik“: die Fahrt mit dem von einer bulligen Diesellok gezogenen Regionalexpress. Im unübersichtlichen Hauptbahnhof der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Patna wuseln unzählige Menschen auf den Perrons, und ständig erreichen oder verlassen donnernd und mit schrillem Tuten neue Züge die Station. Dennoch entsteht keine wirkliche Hektik.  

Heilige Kühe sind überall zu finden
Heilige Kühe sind überall zu finden

Auch wenn nicht gleich erkennbar, ist alles organisiert. Reservierungspflichtige Tickets für die Bahnfahrt sorgen dafür, dass wirklich jeder der Reisenden in seinem mit jeweils sechs Klappliegen ausgestatteten Abteil – drei übereinander auf jeder Seite – sogar Raum für ein Nickerchen in gestrecktem Zustand hat. Ja, die Waggons der so genannten Sleeper-Klasse des Zuges haben schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber punkten mit eben diesem Platzangebot. Das letzte Stück von der Universitätsstadt Bhagalpur zum Ankerplatz des Schiffes werden mit dem Kleinbus noch einige Stunden über Land zurückgelegt. Nochmal ein Abenteuer. Alle nur denkbar möglichen, von Motoren, Menschen oder Tieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten meist schnell bewegten Fahrzeuge prägen das Straßenbild. Hinzu kommen noch Passanten, diverses Großvieh – es dominieren heilige Kühe – und Kleintiere. Auch wenn es keine Regeln zu geben scheint, fließt der Verkehr irgendwie. Aber jetzt, an Bord der „Bengal Ganga“, ist man in einer anderen, einer total entschleunigten Welt.

Kein leichtes Revier

Vor Erreichen des Ganges kreuzt das Schiff bereits auf einem  namens Hoogly. Für alle Mitreisenden gilt ausnahmslos: viel gereist, viel gesehen. Typisch für die meisten Indien-Kreuzfahrer, sagt Vishnu Singh, der Cruisedirektor. Dieser Teil der Welt ist aber auch für sie eine neue Er-Fahrung. Dazu muss man wissen, dass Reisen auf dem Ganges und insbesondere der Schiffstörn durch den Bundesstaat Bihar noch nicht sehr lange für Touristen möglich sind. So gibt es für die Gäste der „Bengal Ganga“, aber ebenso für die Bewohner einer der ärmsten Regionen im Land, viel Neues zu bestaunen. Da bleibt es nicht aus, dass das Schiff stets Schaulustige anlockt. Sunil, einer der stets freundlichen Stewards, schließt dann schon mal diskret die Vorhänge der Restaurantfenster.

Mahadev Naik, unser Kapitän mit dem mächtigen Schnauzbart, ist sehr stolz, sein in Myanmar gebautes, als größtes auf dem Ganges verkehrendes Kreuzfahrtschiff seit der Jungfernreise 2009 auf dem heiligen Fluss zu führen. Kein leichtes Revier, wie er versichert. Es fehlten aktuelle Karten, und ständig würden neue Sandbänke die Fahrrinne verändern. Nicht ohne Grund begleitet uns das Boot „Rihan“ mit zwei Lotsen, die auf mögliche Untiefen achten. Dass wir bei unserer Fahrt durch Bihar nur Fischerbooten und kleinen Fähren, aber keinen Schiffen in vergleichbarer Größe begegnen, versetzt die „Bengal Ganga“ auch in eine besondere Rolle – als „Pfadfinderin“.

Fast Touristen-freie Regionen

Was man bereits von Bord aus sehen kann, ist ganz nach dem Geschmack von Naturliebhabern: Wasserbüffel lassen sich überall an Land und im Wasser beobachten. Nur das berühmteste Tier des Subkontinents können wir hier nicht (mehr) entdecken: Königstiger, auch Bengaltiger genannt. Der Lebensraum der Großkatze, von der vor hundert Jahren etwa 40.000 in Indien gezählt wurden und von der es jetzt nur noch um die 3000 geben soll, beschränkt sich auf wenige Waldgebiete bzw. Naturparks, überwiegend in Gegenden am Fuße des Himalaya. Wir erfahren, dass das  befahrene Revier die Heimat von 200 Vogelarten, von Schildkröten, Ottern, Bären und, wie man in den Abendstunden manchmal hören kann, Schakalen ist. Sogar mit ungeübtem Auge lassen sich immer wieder die gegenüber ihren Hochsee-Artgenossen kleineren Ganges-Delfine entdecken.

Hindus baden im heiligen Fluss Ganges
Hindus baden im heiligen Fluss Ganges

Für Hindus ist der Fluss nicht nur heilig, sondern, ebenfalls religiös gesehen, auch rein. Aus ökologischer Sicht trifft zumindest letzteres nicht zu. Wie der aus Kalkutta stammende Sumit bestätigt (er selber badet nicht im Fluss, weil sich bei  ihm als „typischem Großstädter“ an den Beinen dann Rötungen bilden), gelangen die industriellen Abwässer, Fäkalien, diverse Abfälle, aber auch die Asche der Verstorbenen, Tonschalen mit Blumenkränzen sowie Feueropfer aller Art in den Ganges. Die unzähligen Menschen, die sich und ihre Kleidung im Fluss „reinigen“ oder einfach nur baden, haben damit offensichtlich kein Problem. Und wenn man mit dem Schiff auf dem Strom gleitet, der manchmal in pastelligen Farbtönen strahlt, wird dieses Thema gerne mal ausgeblendet. Dass man in einer nahezu Touristen-freien Region fährt, lässt sich auch daran erkennen, dass die Einwohner die Passagiere genauso neugierig beobachten wie umgekehrt. 

Berühmte Pilgerstätten

Arme Provinz? Wirtschaftlich gesehen ja, aber nicht in Bezug auf Sehenswürdigkeiten, die der Fremde wohl nicht immer ohne Nachhilfe entdecken würde. Guide Sumit passt auf, dass nichts entgeht. Da sind die Überreste der einst bedeutenden buddhistischen Vikramashila-Universität, die vom bengalischen Herrscher Dharmapala vor gut 1200 Jahren gegründet wurde, um einem vermeintlichen Verfall der Lehre entgegenzuwirken. Als Ausbildungsstätte für Missionare spielte sie einmal eine wichtige Rolle – vier Jahrhunderte. Dann wurde sie zerstört bei einer muslimischen Invasion. Die Ausgrabungsarbeiten der Ruinen dauern noch an. Schließlich wurden bereits zahlreiche Fundstücke aus den Maurya-, Gupta- und Pala-Perioden gefunden.

An Bord gibt es Vorführungen und Vorträge zu Kultur, Geschichte und Natur
An Bord gibt es Vorführungen und Vorträge zu Kultur, Geschichte und Natur

Eindrucksvoll auch die Granitfelsen von Sultanganj, die im sanften Licht der untergehenden Sonne eine ideale Kulisse für eine romantische Soap nach Bollywood-Muster abgeben könnten. Dann vielleicht gewürzt mit allen neun Ingredienzien indischer Kunst, also Liebe, Heldentum, Ekel, Komik, Schrecken, Wunde, Wut, Pathos, Frieden. Tatsächlich beherbergen die Felsen einen nach dem wichtigsten Hindu-Gott Shiva benannten Tempel, und nur wenige Schritte entfernt befindet sich eine Moschee. Im Dämmerlicht wirkt alles sehr geheimnisvoll.

Zu den Zielen zählt auch die Stadt Munger, die zumindest Anhängern der Yoga-Philosophie bekannt sein könnte. Schließlich befindet sich hier mit der 1964 gegründeten Bihar School of Yoga die wohl bekannteste Schule der indischen Lehre geistiger und körperlicher Übungen. Ein wahrer Ruhe-Platz in der Stadt Munger, die in ihrem Zentrum so wuselig ist –und das sogar in den frühen Morgenstunden. Mit dem Beiboot geht es zu dem Platz, an dem unzählige Menschen zur rituellen Reinigung im Ganges baden oder ihre Kleidung waschen. Auf den Ghats genannten Treppen am Flussufer sieht man zum Trocknen ausgebreitet meterlange Saris in leuchtenden Farben.

Auf den Märkten geht es bunt und wuselig zu
Auf den Märkten geht es bunt und wuselig zu

Der Endpunkt der Reise ist das Dorf Simaria, das zu einem Besuch eines direkt am Fluss gelegenen Marktes einlädt. Kreditkarten werden (auch hier wieder) nicht benötigt, denn typische Souvenirartikel fehlen im Angebot. Es sei denn, das Farbpulver zu Hause wäre ausgegangen. Reges Treiben, lächelnde Menschen – auch ohne Kauferlebnis ein lohnenswerter Marktbesuch.

Dass die Kreuzfahrt hier endet, ist schon vor der Ankunft in Simaria erkennbar: Der Bau einer gigantischen Brücke über den Fluss erlaubt kein Weiterkommen. Und so heißt es Abschied nehmen von der„Bengal Ganga“ und Umsteigen in den Bus, denn Nalanda, „Ort des Lotus“, der buddhistische Wallfahrtsort Bodhgaya und die heiligste Hindustadt Varanasi dürfen bei einer Reise in diesem Teil Indiens natürlich nicht fehlen. Gartenfreunde finden sicher in der gepflegten Parkanlage von Nalanda Inspiration. Bis zur Zerstörung durch Islamisten im 12. Jahrhundert befand sich auf dem Gelände die damals größte buddhistische Universität, was ein riesiges Ruinenfeld bezeugt. Weiter führt der Weg zum „Ort der Erleuchtung“, nach Bodhgaya. Diese Stadt, eine erste Adresse für buddhistische Pilger nicht nur aus Indien, wurde 2002 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Das ist nachvollziehbar beim Anblick des mächtigen, 55 Meter hohen Mahabodhi-Tempels, dem Mittelpunkt einer schönen Parkanlage, in der wiederum eine mächtige Pappel-Feige von besonderer Bedeutung ist. Unter ihr soll nach der Überlieferung der historische Buddha sein Erwachen (Bodhi) erlangt haben – und so wird sie denn auch als heiliger Bodhibaum verehrt.

Lassen sich die besuchten Plätze noch steigern? Varanasi!? Natürlich, eine faszinierende Stadt, die unzählige Pilger anzieht wie ebenso Besucher aus aller Welt. Viele der Pilger aber kommen nach Varanasi nur zum Bestatten von verstorbenen Angehörigen oder sogar selber zum Sterben, um dann nach dem letzten Schließen der Augen direkt am Flussufer an einem der zahlreichen dafür vorgesehenen Plätze verbrannt – überall raucht es! – und als Asche im heiligen Fluss verstreut zu werden. Aber über eine mögliche Wiedergeburt will an Bord noch niemand nachdenken. Schließlich möchte man auch in diesem Leben noch einiges erleben – so wie bei  dieser Kreuzfahrt auf dem Ganges.  

Weitere Informationen unter http://www.bengalganga.com/ und www.incredibleindia.com

 

Peter Tönnishoff
Peter Tönnishoff

Peter Tönnishoff war Gründer und Herausgeber von Welcome Aboard. Eine der Koryphäen, wenn es um Kreuzfahrtschiffe, deren Geschichte sowie die Reedereien und die Menschen dahinter ging. In seinem langen Berufsleben hat er alle Meere und viele Flüsse bereist. Peter setzte hohe Standards: journalistisch, mit seinem Wissen um die Kreuzfahrtbranche, aber vor allem als Mensch – es gab kaum einen beliebteren Kollegen als den stets höflichen und charmanten Peter.