Rezension Buchbesprechung Barrowa Boys von Fergus Fleming aus dem mare Verlag: Grandioses, absolut lesenswertes und kurzweiliges Buch

John Barrow ist der große Unbekannte hinter nahezu allen Entdeckungen des britischen Empires des 19. Jahrhunderts: Egal ob es um die Durchquerung der sagenumwobene Nordwestpassage, das Erreichen von Nord- oder Südpol, den Verlauf des Flusses Niger oder die Entdeckung Timbuktus für Europäer ging, stets war Barrow maßgeblich als Vorbereiter, Auftraggeber und Ausrüster beteiligt. Als zweiter Sekretär der Admiralität organisierte er vierzig Jahre lang zahlreiche Entdeckungsreisen in verschiedene Weltregionen, von Afrika bis in Arktis und Antarktis, um die nach dem Sieg über Napoleon arbeitslos gewordenen britischen Marineoffiziere zu beschäftigen. Es ist Autor Fergus Fleming zu verdanken, dass die Verdienste des Mannes hinter den großen Entdeckern wie John und James Ross, Sir John Franklin, Frederick William Beechey, Francis Beaufort oder William Edward Parry nun in dem hervorragenden Buch „Barrows Boys“ einem größeren Publikum bekannt und auch gewürdigt werden. Dabei übersieht Fleming aber nicht die Beamtenmentalität des Mannes und arbeitet auch seine charakterlichen Mängel wie Eitelkeit und Starrsinn wider eigentlich besseren Wissens heraus – stets pointiert mit feinem britischen Humor. Das Buch ist keine reine Biografie, Fleming ist mit dem Buch eine gewitzte Mischung aus Fiktion und Realität gelungen, die diese Erzählung besonders werden lässt. Basierend auf den Berichten der Entdecker selbst, werden Zitate miteinander verknüpft und in Szene gesetzt, so dass es Fleming ohne Ausschmückungen gelingt, den Irrsinn der Expeditionen ironisch darzustellen. Mit Witz erzählt, zeigt Fleming so die Historie aus einer anderen Perspektive: Fleming lässt den Leser zum Beobachter werden. So kann der Leser quasi zusehen, wie das Entdeckungsprogramm Barrows ohne Aussicht auf Erfolg, aber mit immer neuen Überraschungen und Wendungen, durchgeführt wird. Denn alle Expeditionen, die Barrow losschickte, hatte mindestens eine gewaltige Macke. Irgendetwas fehlte immer, entweder taugten die Schiffe nichts oder der Proviant war mangelhaft, die Kleidung war falsch, die Teilnehmer in Bezug auf die zu erforschende Gegend zu unerfahren oder die Befehle waren nicht durchdacht.

Folgerichtig beschreibt der Autor, wie eine Mission nach der anderen scheitert und ohne Rücksicht auf Verluste oder große Trauer schon die nächste Fahrt geplant wird. Denn alles ist für Barrow und die Admiralität Großbritanniens zu verkraften, der Verlust von Menschenleben, Material und – über die Jahrzehnte kumuliert – viele Millionen Pfund, aber nicht, dass eine andere Nation wie Frankreich sich zuerst mit Entdeckungen bis dahin in Europa unbekannter und nicht kartografierten Regionen schmücken kann. Die Angst von anderen im Wettlauf, ein Land als erstes entdeckt zu haben, überholt zu werden, überwiegen selbst dann noch, als die Liste der Fehlschläge immer länger wird. Angetrieben vom Ehrgeiz, der keinen Raum für Zweifel an den eigenen Unternehmungen zulässt, bleibt kein Platz für Skrupel. Ein grandioses, absolut lesenswertes und trotz seiner mehr als 600 Seiten kurzweiliges Buch über Heldenmut, bravouröses Scheitern und die Ansprüche des Empires, an denen selbst die wagemutigsten Entdecker des 19. Jahrhunderts zugrunde gehen.

Barrows Boys  Fergus Fleming mare Verlag  Taschenbuch, 608 Seiten, 18 Euro

ISBN-13: 978-3866486171

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/buecher/barrow-s-boys-8617