Rezension Buch Im Unterland von Robert Macfarlane, Penguin Verlag, beschreibt die Welt unter uns so einzigartig, dass man sie völlig neu betrachtet.

Der vielfach ausgezeichnete britische Autor Robert Macfarlane nimmt den Leser in seinem Buch „Im Unterland“ mit in die dunkle, überraschende Welt unter der Erde. Eine großartige Entdeckungsreise, denn Macfarlane, einer der prominentesten zeitgenössischen Vertreter des “Nature Writings” und Literaturdozent an der Universität von Cambridge, erzählt Faszinierendes über das Unterland. Er ist selbst hinabgestiegen an die unglaublichsten Orte unter der Erde: Er robbte und krabbelte durch die unterirdische Stadt der Katakomben von Paris, erkundete das Untergeschoss des Londoner Epping Forrest, stieg hinab in das Höllenloch auf den Lofoten und tauchte ein in Karsthöhlen in den Julischen Alpen in Slowenien. Die schwindenden Gletscher Grönlands mit ihren Abgründen hat er genauso bereist wie das auf Tausende von Jahren angelegte Atommülllager auf der finnischen Insel Olkiluoto. Unerschrocken ließ er sich hinabführen an Orte, von denen man nicht einmal geahnt hat, dass es sie gibt, geschweige denn eine Vorstellung davon hatte, was sich dort unten verbirgt.

Beim Lesen verliert man sich nicht nur in den Tiefen der Welt, man wird auch immer weiter in die Tiefen dieses Buches hineingesogen. Denn Robert Macfarlane entpuppt sich wieder einmal als Sprachakrobat und spannt ein erzählerisches Netz, dem der Leser nicht entkommen möchte. Er schildert bildhaft und sprachgewaltig die Eindrücke seiner Abstiege in die Unterwelt, und garniert dies nicht nur mit persönlichen Gedanken und Empfindungen, sondern auch mit zahlreichen Verweisen auf den unterweltlichen Mythenschatz,  literarische Verweise und Zitate sowie den Begegnungen mit den Menschen, die mit ihm in die Tiefe steigen. Macfarlane beschreibt die Welt unter unseren Füßen auf so einzigartige Weise, dass man sie völlig neu betrachtet. “Im Unterland” ist eine Entdeckungsreise, ein Abenteuerbericht, der das Leben feiert, aber zugleich auch davor warnt, wie die Menschheit mit der Natur umgeht und welchen Schaden sie ihr zufügt: „Was von uns überlebt, sind Plastik, Schweineknochen und Blei-207, das stabile Bleiisotop am Ende der Zerfallsreihe des radioaktiven Uran-235.” Und das Unterland ist übersät mit Narben: Stollen, Gänge und gesprengtes Gestein, denn mittlerweile hat der Mensch auf der Jagd nach Rohstoffen an die fünfzig Millionen Kilometer unterirdische Löcher gebohrt und Wege gegraben und damit die Erde innen ausgehöhlt.

Der “Guardian” wählte das Werk unter die besten 100 Bücher des 21. Jahrhunderts, es wurde erst jüngst ausgezeichnet mit dem NDR Kultur-Sachbuchpreis. Absolut zurecht!

Im Unterland

Robert Macfarlane

Penguin Verlag

Gebunden, 560 Seiten, 24,- Euro

ISBN: 978-3328601135