Rezension/ Buchkritik "Der stille Held: Tom Crean" Michael Smith, mare Verlag. Spannende und mitreißende Biografie eines Antarktis-Entdeckers

Der mare Verlag hat ein Händchen dafür, bislang unentdeckte Perlen aufzustöbern und in Deutschland zu veröffentlichen, dies gilt auch für „Der stille Held“. Das Buch über das Leben des irischen Bauernsohns Tom Crean, der an gleich drei Antarktis-Expeditionen teilnahm, ist eine wahre Heldengeschichte. Zweimal begleitete Crean den britischen Polarforscher Robert Falcon Scott, darunter war auch die Vorbereitung für das legendäre Wettrennen mit dem Norweger Roald Amundsen zum Südpol, das für Scott und seine Begleiter so tragisch endete. Die dritte Expedition war die von Ernest Shackleton, die die Antarktis vom Weddell- bis zum Ross-Meer einmal ganz durchqueren wollte.

Kaum ein anderer hat an so vielen, jahrelangen Polar-Expeditionen teilgenommen und sich dabei durch seinen Mut, sein Durchhaltungsvermögen, aber auch seinen Humor so ausgezeichnet wie der 1877 geborene Farmersohn aus der Grafschaft Kerry im Südwesten Irlands. Trotzdem ist sein ungewöhnliches Leben kaum bekannt und sein Name verblasst gegen den von Scott, Amundsen, Shackleton, Nansen oder Peary – zu Unrecht. Denn ohne Männer wie Crean, die im wahrsten Sinne die Arbeitstiere waren, weil sie unter anderem tonnenschwer beladene Schlitten oder Boote im Zuggeschirr mit Muskelkraft durch Eis- und Schneewüsten zogen, Depots für die spektakuläre Eroberung des Südpols oder die geplante Durchquerung der Antarktis anlegten, wären die Helden der Polarforschung aufgeschmissen gewesen. Mehrfach rettete Crean dabei seinen Kameraden das Leben: Mehrfach zog er Eingebrochene aus dem Eis und rettete mit einem 60 Kilometer langen Alleingang über brüchiges Eis bei schlechtesten Wetterbedingungen und ohne Proviant sowie Trinken seinen völlig erschöpften Kameraden das Leben, indem er zum Basislager marschierte und dort Hilfe holte. Dabei hatte er kurz zuvor eine der größten Enttäuschungen seines Lebens einstecken müssen: Scott sortierte ihn aus dem Kreis jener Männer aus, die ihn zum Südpol begleiten sollten, obwohl er Crean mit seiner Zuverlässigkeit sehr schätzte und er von seinen Fähigkeiten her auf jeden Fall dazu gehört hätte. Im Nachhinein war dies wohl sein Glück, denn selbst der stille Held hätte an dem unglückseligen Ausgang mit dem Tod aller Männer auf dem Rückweg wohl kaum etwas ändern können.

Die größte Tat Creans jedoch, die auch heute noch absolut spektakulär erscheint, war die Rettung der Männer der Shackleton-Expedition: Als das Expeditionsschiff im Januar 1915 im Packeis einfriert und im November untergeht, wuchten die schutzlosen Männer wochenlang drei Rettungsboote über das Packeis mit Spalten, Rinnen und Schollen, um zum offenen Meer zu kommen. Tagelang rudern sie bis sie Elephant Island erreichen und ein notdürftiges Lager errichten können. Doch ohne Funk und mit zur Neige gehenden Nahrungsvorräten, bleiben nur geringe Überlebenschancen. So machen sich Shackleton und fünf Männer mit dem Beiboot James Caird auf, um mehr als 1.200 Kilometer über das Polarmeer bis nach Südgeorgien zu segeln und zu rudern.

Das restaurierte Beiboot ist im Museum von Grytviken ausgestellt
Das restaurierte Beiboot ist im Museum von Grytviken ausgestellt

Meterhohe Wellen, eisige Temperaturen, Wassereinbrüche, kaum etwas zu essen und keinen Platz, um auszuruhen oder richtig zu schlafen – die Entbehrungen in der bedingt fahrtüchtigen Nussschale sind unmenschlich. Mit Glück, Geschick und einem Tom Crean, der die Moral hochhält, erreichen die Männer Südgeorgien, nur um festzustellen, dass zwischen ihnen und der Walfangkolonie auf der anderen Seite der Insel hohe, eisbedeckte Gebirgsketten liegen. Mit dem Boot in Küstennähe um die Insel zu fahren, ist nicht mehr möglich, die James Caird ist zu beschädigt, Also macht sich die Gruppe zu Fuß auf, verläuft sich, gerät in tückisches Gelände, muss wiederholt umkehren und erreicht mit allerletzter Kraft die rettende Station. Kaum bei Kräften machen sich die Männer wieder auf und retten mit einem geliehenen Schiff die zurückgelassenen 22 Männer auf Elephant Island.

Shackletons Grab in Grytviken, der Polarforscher starb vor einer späteren Expedition an einem Herzinfarkt

Dies war die letzte Expedition Creans, obwohl dieser von Shackleton für weitere Antarktisentdeckungen vorgesehen war. Doch nach einem Unfall kurz vor seinem 43. Geburtstag schied der stets gut gelaunte Ire aus der Royal Navy, in die er mit 16 Jahren eingetreten war. In seinem Heimatort Anascaul heiratete er eine Wirtstochter, die ihm zwei Töchter gebar, und eröffnete einen Pub, das South Pole Inn, das es heute noch gibt, frisch restauriert. Crean wurde aufgrund seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung „der stille Held“ genannt, Neugierigen und Fragestellern, die zuhauf in seinen Pub kamen, wich er aus. Während die bekannten Polarforscher, aber auch Kameraden wie Edward Evans, späterer Admiral der britischen Kriegsmarine, dem Crean mit seinem Alleinmarsch das Leben gerettet hatte, viele Bücher über ihre Abenteuer veröffentlichten (Evans: South with Scott), gab Crean zeitlebens nie auch nur einer Zeitung ein Interview. Im Juli 1938 verschleppte er eine Blinddarmentzündung, erlitt einen Durchbruch und verstarb an einer Sepsis. Nach dem stillen Helden sind der 2.250 Meter hohe Mount Crean im ostantarktischen Victoria-Land sowie der Crean-Gletscher in Südgeorgien benannt.

Autor Michael Smith, preisgekrönter englischer Journalist, der für verschiedene Fernseh- und Radiodokumentationskanäle über die Polarforschung berichtet, erzählt in „Der stille Held“ das Leben Tom Creans streng chronologisch. Trotzdem liest sich das Buch absolut packend, denn es gelingt ihm oftmals sprachlich eine dichte Atmosphäre zu schaffen.  Die Erzählweise von Smith ist packend und mitreißend, wenn es um die kritischen Situationen auf dem Eis, dem Meer und die Überquerung der südgeorgischen Gebirgskette geht: Die Kälte wird gerade zu spürbar, die erbarmungslose Natur, Hunger, Müdigkeit und Erschöpfung gegenwärtig. Seine Schilderung der Entbehrungen wirkt gerade deshalb so drastisch, weil er dabei auf reißerische Akzente verzichtet. Smith hat glänzend recherchiert und ist tief in Archive gestiegen, hat auch bislang unveröffentlichte Tagebücher und Briefe studiert sowie mit Nachfahren der Polarreisenden gesprochen. So zeichnet er ein scharfes Portrait eines einfach, aber stets gut gelaunten, anpackenden und verlässlichen Menschen, der in keiner noch so bedrohlichen Situation mit dem Schicksal hadert, sondern niemals aufgibt.

Glänzend ins Deutsche übersetzt hat diese spannende Biografie Rudolf Mast, der im mare-Verlag bereits den im Jahr 2019 erschienenen Band „Erebus“ von Michael Palin, der sich mit der Geschichte und der Wiederentdeckung von Franklins Flaggschiff bei seiner gescheiterten Suche nach der Durchfahrt der Nordwest-Passage beschäftigt, so großartig in unsere Sprache übertragen hat. „Der stille Held“ ist auch deswegen lesenswert, weil die Goldene Zeit der Polarforschung von einer anderen Seite als aus der Sicht der bekannten Expeditionsleiter beleuchtet wird. Außerdem wird durch dieses Buch die Rolle eines außergewöhnlichen Mannes endlich anerkannt und seine Taten angemessen gewürdigt.

Der stille Held Tom Crean

Michael Smith

Mare Verlag

Gebunden mit Schutzumschlag, 464 Seiten, 26 Euro

ISBN: 978-3-86648-657-7

Weitere Informationen unter https://www.mare.de/buecher/der-stille-held-8657