Rezension / Buchkritik Maigrets Memoiren, Georges Simenon, Atlantik Verlag. Amüsant, ein Muss für alle Fans des Pariser Kommissars!

Maigrets Memoiren nehmen eine Sonderstellung ein unter den insgesamt 75 Romanen und zahlreichen Erzählungen über den charmanten Pariser Kommissar, mit dem Autor Georges Simenon einen der größten Krimi-Helden des 20. Jahrhunderts geschaffen hat. Denn dieses Buch ist kein Krimi, sondern Simenon lässt Maigret selbst seine Memoiren verfassen: Autor und Romanfigur tauschen die Rollen. Der pensionierte Maigret ergreift das Wort, erinnert sich in seinem Landhaus in Meung-sur-Loire an seine Dienstzeit und wird zum Erzähler, Simenon zu einer literarischen Figur. Er tritt in dem Hörbuch als der junger Auto Georges Sim auf, der sich bei Maigret einen Einblick in die Polizeiarbeit verschaffen will.

Und so berichtet Maigret von den Anfängen seiner Polizeikarriere, die aus Streifendienst bestand und ihm sowie seinen Kollegen wegen ihres hohen Schuhverschleißes den Spitznamen „Nagelsocken“ einbrachte. Es gab wenige Straßen in Paris, die er nicht abgelaufen war. Dabei hatte er das ganze Straßenvolk kennengelernt und Kontakte geknüpft, die ihm bei seinen späteren Ermittlungen weiterhalfen. Denn man muss das Milieu kennen, in dem ein Verbrechen begangen worden ist, die Lebensart, die Gewohnheiten und Sitten, die Reaktionen der Beteiligten, der Opfer, der Zeugen und der Täter. Man muss ihre Welt betreten können und ihre Sprache sprechen. Maigret erzählt vom Polizeialltag, berichtet von der Pariser Sitten- und Fremdenpolizei und schließlich seiner Berufung zur Kriminalpolizei samt seiner ersten Verhaftung. Er beschreibt das besondere Verhältnis zwischen Polizisten und Verbrechern: beide akzeptieren einander, obwohl sie auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen, beide verrichten tagtäglich nur ihre Arbeit.

Doch nicht nur um Berufliches geht es in den Memoiren, auch die ersten Begegnungen mit Madame Maigret und damit das Privatleben des Kommissars bleiben nicht außen vor. Und er erzählt auch von dem jungen Schriftsteller, der ihn zum Gegenstand von Kriminalromanen macht, und nutzt dabei die Gelegenheit, das Bild zurechtzurücken und einige Fehler von George Sim (Simenon) zu korrigieren. Denn da dieser in den Romanen einiges nicht ganz wirklichkeitsgetreu gezeichnet hat, muss Maigret in seinen Memoiren doch so manches zurechtrücken. Dies trägt zur Entschlüsselung mancher Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten in Maigrets Romanfällen bei. Mit viel Augenzwinkern und Humor schildert Maigret seine Sicht der Dinge, besonders die vielen kleinen Fehler, die einem gewissen Herrn Simenon unterlaufen sind. Erfrischend und amüsant, ein Muss für alle Fans des Pariser Kommissars!

Maigrets Memoiren

Georges Simenon

Atlantik Verlag (Hoffmann & Campe)

Taschenbuch, 192 Seiten, 12 Euro

ISBN: ‎ 978-3455007404

Weitere Informationen unter https://hoffmann-und-campe.de/products/626-maigrets-memoiren