Buchkritik / Rezension "Ein frommer Mörder", Liam McIlvanney, Heyne Verlag. Außergewöhnlicher Kriminalroman mit schöner, bildreicher Sprache.

„Ein frommer Mörder“ wurde mit dem schottischen Krimipreis ausgezeichnet und dies völlig zurecht. Dabei ist der Autor, Liam McIlvaney, derzeit Professor für Schottland-Studien an der Universität von Otago in Neuseeland, aber aufgewachsen in Glasgow, mit diesem Buch in sehr große Fußstapfen getreten: Er ist der Sohn von William McIlvanney (1936-2015), der als Meister des Genres und Begründer des schottischen „Noir“ gilt, und mit Jack Laidlaw, dem grüblerischen Detective der Glasgower Polizei, einen Klassiker geschaffen hat. Der schottische Krimi-Preis, den Liam McIlvaney im Jahr 2018 für „Ein frommer Mörder“ erhielt, ist nach seinem Vater benannt.

Dieser Kriminalroman führt in das Glasgow der 1960er Jahre. Die Stadt ist im Wandel zwischen Beharren und Aufbruch, alte, halb verfallene Mietskasernen werden abgerissen und neue Hochhäuser gebaut, dabei ganze Stadtviertel eingeebnet.  Der Autor thematisiert soziale Missstände und zeichnet ein realistisches Bild einer Gesellschaft im Umbruch. Liam McIlvanney legt dabei viel Wert auf die Details dieser 1960er Jahre in Schottland, das Leben der Menschen zur damaligen Zeit, deren Umfeld und Lebensverhältnisse.

In dieser Szenerie treibt ein Serienmörder junger Frauen sein Unwesen, der sich seine Opfer aus Tanzclubs holt, vergewaltigt und tötet. Die Hauptperson, Detective Inspector Duncan McCormack, wird zu diesen Fällen dazu geholt, nachdem die örtliche Sonderkommission mehr als ein Jahr im Dunkeln tappt und keine Ermittlungserfolge vorweisen kann. Politik und Medien drängen, McCormack soll die geleistete Arbeit überprüfen und feststellen, ob, wann und wie das Team sich verrannt hat. Die Männer hassen den vermeintlichen Spitzel und lassen es ihn spüren. Ein etwas anderer Ansatz ein Ermittler, der eine Untersuchung nachvollziehen soll. Zu Beginn wird gerade durch diesen ungewöhnlichen Ansatz Geschwindigkeit aus der Geschichte genommen, doch die ist nie langweilig, sondern nimmt Fahrt auf, zum Ende hin wird es richtig spannend.

„Ein frommer Mörder“ zeichnet sich durch einen angenehm ruhigen und detailreichen Schreibstil aus. Die Figuren sind Liam McIlvanney wichtig, er kriecht geradezu in ihre Köpfe der Figuren, um den Lesern deren Gefühle, Empfindungen und Gedanken näher zu bringen. In Zwischenkapitel verpackt, lässt er die toten Opfer erzählen, die aus ihrer Sicht die Begegnung mit dem Täter schildern. Der Protagonist McCormack ist ein stiller Ermittler, der immer wieder über seine Situation im Ermittlerteam und den Fall nachdenkt. Er verbirgt selbst ein Geheimnis, das ihn in der damaligen Zeit die Karriere und den restlichen, noch vorhandenen Respekt des Polizeikorps gekostet hätte: er ist homosexuell.

Eine düstere Story, die Trostlosigkeit des Unterschicht- und Außenseiter-Stadtlebens hervorhebt. Selten wird Polizeiarbeit auch so nüchtern und skeptisch geschildert und beurteilt. Ein außergewöhnlicher Kriminalroman mit schöner, bildreicher Sprache.

Ein frommer Mörder

Liam McIlvanney

Heyne Verlag

Taschenbuch, broschiert, 448 Seiten, 14,99 Euro

ISBN: ‎ 978-3453440937

Weitere Informationen unter https://www.penguinrandomhouse.de/Paperback/Ein-frommer-Moerder/Liam-McIlvanney/Heyne/e560172.rhd